Die Wahrheit: Bestseller mit Strähnchen
Erfolgsromane kommen bisweilen ohne Skrupel oder Lektorat aus, lassen ihre Leser aber ebenso ratlos wie erschöpft zurück.
A ls Kleinschriftstellerin mit überschaubarem Erfolg muss ich gelegentlich neidisch darauf gucken, was die anderen so machen. Was haben sie, das ich nicht habe? Da blättere ich in den Buchhandlungen verzagt durch aktuelle Romane und lese tolle Sätze, zum Beispiel diesen hier: „In mir keimte die Erkenntnis, dass Leif ein Geheimnis hatte, das er vor anderen verbarg.“
In mir keimt dagegen die Erkenntnis, dass dieser Verlag das Lektorat eingespart hat, was er allerdings nicht vor mir verbergen kann. Wie käme wohl Leif mit seinem Geheimnis klar, wenn er es nicht vor anderen verbergen tät? In mir weint die Unkenntnis über sein Geheimnis und dabei bleibt es auch, weil in mir zugleich die Einsicht greint, dass ich Leif nicht näher kennenlernen will, Geheimnis hin oder her. Und müsste es nicht heißen: „In mir reifte die Erkenntnis“? Können Erkenntnisse neuerdings keimen wie Getreide?
Sicherheitshalber wechsle ich zum Bestsellerregal. Dort muss ich lesen: „Unwillkürlich prüfte ich die Beschaffenheit meiner modischen Kurzhaarfrisur à la Uschi Glas und zupfte an ein paar Strähnchen herum, spitzte die Lippen und befeuchtete sie mit der Zunge.“ Wäre nicht „mit der Spitze meiner Zunge“ noch etwas anschaulicher gewesen? „… spitzte meine aufgespritzten vollen sexy Lippen und befeuchtete sie liebevoll und routiniert mit der attraktiven Spitze meiner begehrten Zunge“, ja, so wird ein Stöckelschuh draus.







