Beim Interviewtermin im Berliner Ritz-Carlton erinnert Nicholas Galitzine so gar nicht an He-Man, den Kult-Actionhelden, den er aktuell im Kinofilm „Masters of the Universe“ verkörpert. Die Haare sind wieder kurz und vor allem braun, und der Großteil der antrainierten Muskelberge ist – so man das unter den weit geschnittenen Designer-Klamotten erkennt – auch schon wieder verschwunden. Aber dass der 31-Jährige sich für diese Rolle interessierte, dürfte kaum überraschen. Denn so schnell der Londoner in den vergangenen Jahren mit Rollen in romantischen Komödien wie „Royal Blue“ oder „Als du mich sahst“, der erotischen Historienserie „Mary & George“ oder zuletzt „Glennkill: Ein Schafskrimi“ zum Shootingstar wurde, so sehr setzt er auch immer auf Abwechslung. Und spielt nun nach dem schwulen Sohn des britischen Königs, einem Pop-Superstar oder einem Lokalreporter auch einen intergalaktischen Prinzen mit blondem Bob.Nicholas, Sie sind 1994 geboren, also eine ganze Weile, nachdem die „Masters of the Universe“-Spielzeuge und die zugehörige Zeichentrickserie in den Kinderzimmern rund um die Welt populär waren. Hatten Sie je von He-Man gehört, bevor Sie ihn nun für das Kino-Update verkörpert haben?Ich sage es mal so: Als popkulturelles Phänomen war mir die Sache ein Begriff. Clips und Bilder der Zeichentrickserie sind in den sozialen Netzwerken schließlich bis heute präsent. Vielleicht kennen Sie das Meme mit He-Man und dem Song „What’s Up“ von den 4 Non Blondes? Aber viel weiter ging mein Wissen nicht, und einen nostalgischen Bezug zu dieser Welt hatte ich nicht. Dass ich die Rolle angenommen habe, lag nur daran, dass mich das Drehbuch so begeisterte.Was gefiel Ihnen denn daran so gut?Dass es so anders war, als man es von vergleichbaren Projekten kennt. Die Figuren in solchen Fantasy-Actionfilmen sind normalerweise fürchterlich eindimensional; diesen Stoizismus könnte ich im Schlaf spielen. Aber dieses Skript war eines der lustigsten, die ich je gelesen hatte. „Masters of the Universe“ ist ja eine echte Komödie, wie ich sie viel zu selten spielen darf. Und He-Man ist nicht bloß ein tougher Actionheld, sondern ein nachvollziehbares, glaubwürdiges menschliches Wesen, mit echten Schwächen und Fehlern.Aller Comedy zum Trotz müssen Sie trotzdem aussehen wie die Actionfigur von damals. Ist all das Training, das dazugehört, wenn man solche Muskelberge aufbauen muss, für einen Schauspieler nicht eigentlich fürchterlich öde?Ich hatte durchaus Spaß an der Herausforderung, denn ich bin schon immer ein recht sportlicher Typ und wäre um ein Haar Rugby-Spieler geworden. Die Arbeit an den Stunts hat richtig Spaß gemacht. Aber es stimmt schon: Gewichtheben und anderes Training sind ein wenig eintönig. Da bekommt man einen Trainer und einen Ernährungsberater an die Seite gestellt und macht monatelang jeden Tag das, was einem gesagt wird. Man muss außerdem immer dazu sagen, wie unrealistisch ein solcher Körper als Vorbild eigentlich ist. Dafür braucht man viel Zeit und Geld und muss sehr viel essen.Ohne blonden Bob: Nicholas Galitzine bei der Filmpremiere von „Masters Of The Universe“AFPIst es ebenso viel Arbeit, danach wieder zurück zu seiner eigentlichen Form zu kommen?Man muss schon ein paar Dinge beachten, aber letztlich ist es natürlich ein Kinderspiel, die Muskelberge wieder zu verlieren. Zum Glück, denn direkt nach „Masters of the Universe“ habe ich einen Film gedreht, in dem ich einen Soldaten im Zweiten Weltkrieg spiele, und der Regisseur schrieb mir im Vorfeld die ganze Zeit, er habe Albträume, dass ich bei seinem Dreh immer noch aussehe wie He-Man.Lassen Sie uns noch einen Moment bei Körperbildern bleiben, denn Sie haben schon in der Vergangenheit darüber gesprochen, wie sehr es Sie nervt, wenn Sie als Schauspieler bloß auf Ihr Aussehen reduziert werden. Haben Sie damit inzwischen Ihren Frieden gemacht?Das ist ein anhaltender Prozess, der immer auch damit zu tun hat, wie sehr ich mit mir gerade im Reinen bin. Außerdem weiß ich natürlich, dass es nicht ausbleibt, dass über mein Aussehen gesprochen wird. Schließlich habe ich meine Karriere als junger Mann begonnen, der in romantischen Komödien und Liebesgeschichten besetzt wurde. Aber ich habe immer versucht, Äußerlichkeiten nicht zu wichtig zu nehmen. Deswegen bin ich auch keiner dieser Schauspieler, die nach jedem Take zum Monitor rennen, um zu gucken, wie sie ausgesehen haben. Ich werde schließlich nicht als Model engagiert, sondern um Emotionen Ausdruck zu verleihen.Äußerlichkeiten und Erwartungen rund ums Thema Männlichkeit sind letztlich das, worum es nun auch in „Masters oft the Universe“ geht. Haben Sie in Ihrem Leben viel darüber nachgedacht, was es heißt, ein Mann zu sein?Mehr als Sie vielleicht glauben, und vermutlich hat mich die Figur im Film auch deswegen so angesprochen. Denn genau wie für sie gehört auch zu meiner eigenen Männlichkeit beides, die traditionell maskulinen Attribute genauso wie meine weiche, zarte Seite. Als Teenager hat mich das noch verunsichert, weil ich merkte, dass das eigentlich als Widerspruch wahrgenommen wird. Einerseits war ich dieser talentierte Rugby-Spieler und bewegte mich da in einem Milieu, wo es um Stärke, Mut und Zielstrebigkeit ging. Aber andererseits hatte ich gar nichts am Hut mit diesem lauten, dominanten „Frat Bro“-Gehabe, das für viele zum Rugby gehört, und war eher geprägt von den vielen weiblichen Vorbildern, die mich im Alltag prägten. Ich war ein ziemlich sensibler Kerl und fühlte mich zum Beispiel pudelwohl, als ich auf meiner griechischen Schule in London, die ich aufgrund meiner Wurzeln mütterlicherseits für einige Jahre besuchte, der einzige Junge in der Klasse war. Solche Erfahrungen haben mich einfühlsamer und klüger werden lassen, auf eine Weise, die ich damals bei wenigen anderen Jungs gesehen habe. Heutzutage ist das unter Teenagern anders, glaube ich. Zum Glück, denn Männlichkeit nicht bloß einseitig und herkömmlich zu verstehen, sondern umfassender, hat eine große Kraft und ist sehr bereichernd.Auch eher untypisch: Sie trugen angeblich schon als Zehnjähriger gern Anzug, weil Paul Newman Ihr Stilvorbild war. Woher kannten Sie den denn?Seine Filme kannte ich natürlich nicht, auch wenn meine Eltern große Fans von Filmen wie „Der Unbeugsame“ oder „Die Farbe des Geldes“ waren. Ich war mit Newman anfangs vor allem dank Fotos vertraut – und ohne wirklich zu wissen, wer er ist. In meiner Kindheit hingen in der Wohnung meiner Großmutter in Griechenland jede Menge Bilder an der Wand, auf denen sie immer wieder mit den gleichen coolen Typen zu sehen war. Wie sich herausstellte, waren das Paul Newman und Robert Redford!Sie kannte die beiden persönlich?Genau. Denn meine Oma leitete früher ein Restaurant in New York – und Newman war Stammgast bei ihr. Er feierte seinen 50. Geburtstag in ihrem Restaurant, plauderte mit ihr über das Leben und hielt auch mal ein Nickerchen auf dem Sofa in ihrem Büro. Dass ich ihn mir damals in Sachen Coolness und Eleganz als Vorbild nahm, wurde mir also quasi in die Wiege gelegt! Und eine alte Seele war ich ohnehin immer schon.Ach ja? Wie äußert sich das heute?Zum Beispiel bin ich jenseits der Arbeit eher zurückgezogen als gesellig und niemand, der viel Spaß am Feiern hat. Ich ziehe Kraft aus der Ruhe und habe Hobbys wie ein alter Mann. Zum Beispiel gibt es für mich kaum etwas Spannenderes, als Holz zu schnitzen. Dazu kam ich über den Freund meiner Schwester. Und weil ich gehört hatte, dass mein Kollege Andrew Garfield das Schreinern für sich entdeckt hatte. Das klang so wunderbar ganzheitlich und meditativ. Außerdem gefiel mir der Gedanke, etwas zu tun, bei dem man am Ende des Tages auch ein fertiges Produkt in der Hand hält. Denn davon kann bei einem Filmdreh ja so gar nicht die Rede sein. Mittlerweile habe ich also selbst in Drehpausen eigentlich immer mein Messer und etwas Holz dabei und schnitze, bevorzugt Schachfiguren.