Teheran ist im Angriffsmodus: Das steckt hinter Irans neuem SelbstbewusstseinMehr als drei Monate nach Kriegsbeginn agiert die politische Führung in Teheran angriffslustiger denn je. Dabei gibt eine neue Generation von Entscheidungsträgern den Takt vor.10.06.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenKundgebung von Regimeunterstützern in Teheran: Die politische Führung setzt auf Nationalismus, um die Menschen hinter sich zu versammeln.Morteza Nikoubazl / NurPhoto via GettyDie Zeit der Zurückhaltung ist vorbei. Zum ersten Mal seit Beginn der Waffenruhe am 8. April feuerten die iranischen Streitkräfte am Sonntag Raketen auf Israel. Damit antworteten sie auf israelische Angriffe gegen die libanesische Hizbullah-Miliz, Irans wichtigsten Verbündeten in der Region. Teherans Ziel: Israel und die USA unter Druck setzen und der Forderung Nachdruck verleihen, dass ein Abkommen mit den USA auch einen Waffenstillstand in Libanon umfassen müsse. Doch woraus speist sich dieses neue Selbstbewusstsein des iranischen Regimes?Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Gut drei Monate nach Kriegsbeginn und mehreren tausend Luftangriffen auf Ziele im ganzen Land hält die iranische Führung weiterhin die Fäden in der Hand. Schon allein ihr politisches Überleben sorgt für ein Gefühl der Stärke in Teheran – schliesslich hatte US-Präsident Donald Trump wiederholt den baldigen Untergang des Regimes beschworen. Es gibt aber noch weitere Gründe für das forsche Auftreten der Iraner: Die Machtelite hat nach den verheerenden Rückschlägen im vergangenen Sommer ihre Strategie geändert und unter anderem eine neue Führungsgeneration aufgebaut.Teheran zog Lehren aus dem ZwölftagekriegNach Ende des Zwölftagekriegs vor einem Jahr war die Islamische Republik schwer angezählt. Kaum jemand rechnete damit, dass das theokratische Regime einen weiteren Krieg gegen Israel und die USA überstehen würde – erst recht nicht, als im Januar 2026 Tausende Iraner landesweit auf die Strasse gingen und gegen die miserable Wirtschaftslage und das politische System protestierten.«Viele Beobachter innerhalb und ausserhalb Irans sahen darin einen klaren Beleg dafür, dass der Mix aus Theokratie, Repression, regionalen Ambitionen und sogenannter Widerstandswirtschaft gescheitert ist», sagt Simon Wolfgang Fuchs, Professor für Nahoststudien an der Hebräischen Universität in Jerusalem im Gespräch. «Vor diesem Hintergrund ist das Comeback Irans mehr als erstaunlich.»Die beiden amerikanischen Iran-Experten Narges Bajoghli und Vali Nasr argumentieren in einem kürzlich erschienenen Artikel mit dem Titel «Iran’s New Grand Strategy», dass das iranische Regime jedoch innert weniger Monate seine Lehren aus dem Zwölftagekrieg gezogen habe. So organisierten iranische Universitäten, Forschungsinstitute und Denkfabriken in den Wochen und Monaten nach dem Krieg Debatten darüber, was im Juni des vergangenen Jahres schiefgelaufen sei und welche Anpassungen nötig seien – mit dem Ziel, den Staat widerstandsfähiger zu machen.In der Folge wurden unter anderem wichtige Entscheidungen von Teheran auf Provinzhauptstädte verlagert. Diese konnten fortan Beschlüsse zum Beispiel in Wirtschaftsfragen weitgehend unabhängig vom politischen und administrativen Zentrum in Teheran fassen, das besonders oft von Israel und den USA angegriffen wurde. Trotz Bombardierung und Seeblockade lief der Alltag in Iran deshalb relativ geordnet weiter.Das Regime bereitete sich auf einen neuen Krieg vorDieses dezentrale Prinzip hätten die iranischen Revolutionswächter, eine Art Parallelarmee und das wichtigste Macht- und Repressionsinstrument des iranischen Regimes, schon seit den 1980er Jahren im militärischen Bereich verfolgt, erläutert der Iran-Experte Fuchs. «Lokale Kommandanten hatten dabei relativ viel Entscheidungsfreiheit und mussten sich nicht immer die Rückendeckung des Hauptquartiers einholen. Auf diese Erfahrungen greift man nun zurück.»Auch personell bereitete sich das iranische Regime in den Monaten vor Beginn des jüngsten Krieges auf eine neue, noch intensivere militärische Auseinandersetzung vor. Der Ende Februar von Israel gezielt getötete Revolutionsführer Ali Ayatollah Khamenei hatte davor noch höchstpersönlich darüber verfügt, dass für jedes wichtige Amt vier Nachfolger bestimmt werden sollten – ein oft als «Mosaik» bezeichnetes Nachrückverfahren, welches das Überleben des Regimes sichern sollte.Dass nicht nur Ali Khamenei, sondern auch Dutzende weitere Führungspersonen bereits am ersten Tag des Krieges getötet wurden, lähmte die Staatsführung deshalb nicht. Im Gegenteil, argumentieren die Iran-Experten Bajoghli und Nasr: Der Versuch, Irans Führung auszuschalten, habe zu einer beschleunigten Machtübergabe an eine neue Generation von Entscheidungsträgern geführt.Ein iranisches Geschoss über dem israelischen Nachthimmel: Am Sonntag feuerte Teheran Raketen auf Israel ab.Ohad Zwigenberg / APEine neue Generation gibt den Ton anMit der «neuen Generation» meinen die beiden Verfasser nicht die sichtbaren Spitzenfiguren wie den Parlamentspräsidenten Mohammad Bagher Ghalibaf, den Kommandanten der Revolutionswächter Ahmad Vahidi oder den iranischen Aussenminister Abbas Araghchi. Stattdessen beschreiben sie die dritte Generation der Islamischen Revolution als prägend für die Islamische Republik: jene jüngeren Kommandanten der Revolutionswächter, Offiziere und Funktionäre, die nach 1979 aufgewachsen sind. Diese sähen sich nicht als Revolutionäre, sondern als Staatsmanager – sowohl in der Politik als auch in den Streitkräften, wo sie unter anderem operative Entscheidungen träfen und die Kriegsführung planten.Für diese junge Generation stehe weniger die islamische Ideologie als vielmehr die territoriale Integrität, Souveränität und Abschreckungskraft Irans im Vordergrund. Deshalb betreiben ihre Repräsentanten laut Bajoghli und Nasr nüchterne Macht- und Sicherheitspolitik. Die neue Generation beweise beispielsweise mit der Blockade der Strasse von Hormuz strategische Geduld, könne aber auch schnell und entschlossen handeln, wie sich etwa an der raschen und geordneten Nachfolge nach der gezielten Tötung von Ali Khamenei zeige. Dadurch, so das Fazit der beiden Verfasser, gebe die dritte Generation dem Regime neues Selbstbewusstsein.«Die jüngere Generation ist auch geprägt von dem Versprechen, dass Iran und die schiitische Gemeinschaft eine dominante Rolle in der Region spielen», sagt der Iran-Experte Fuchs. «Dass man vermehrt nationalistisch denkt, schliesst aber nicht aus, dass man weiterhin regionale Ambitionen ausserhalb der Grenzen Irans verfolgt.» Die direkten Angriffe auf Israel als Antwort auf sein Vorgehen gegen den Hizbullah in Libanon deuten genau darauf hin. Das iranische Regime denkt nicht daran, bei den Verhandlungen um ein Ende des Krieges Zugeständnisse zu machen. Es will mit aller Macht seine eigenen Bedingungen durchsetzen.Passend zum Artikel
Teheran im Angriffsmodus: Was steckt hinter Irans neuem Selbstbewusstsein?
Mehr als drei Monate nach Kriegsbeginn agiert die politische Führung in Teheran angriffslustiger denn je. Dabei gibt eine neue Generation von Entscheidungsträgern den Takt vor.







