Mehr Sonntagsverkäufe? Der «sozialliberale» Jositsch entscheidet sich für «sozial» – und bremst den eigenen Kanton ausZwölf statt vier Sonntagsverkäufe sollten in Zukunft möglich sein, fand der Kanton Zürich. Eine entsprechende Standesinitiative ist nun aber gebremst worden: unter tatkräftiger Mithilfe eines Zürchers.09.06.2026, 16.59 Uhr3 LeseminutenBisher erlaubt der Bund maximal vier Sonntagsverkäufe im Jahr. Der Kanton Zürich wollte das ändern.Christian Beutler / KeystoneAm vergangenen Montag entschied sich die Zürcher SP, bei den Ständeratswahlen nächstes Jahr auf den Amtsinhaber Daniel Jositsch zu verzichten. Zu bürgerlich sei er, zu oft weiche er von der Parteilinie ab.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Jositsch fackelte nicht lange und gab am Donnerstag bekannt, per sofort aus der SP auszutreten. Er monierte unter anderem, der sozialliberale Flügel habe keinen Platz mehr in der Partei.Er ist ein erfolgreicher Wahlkämpfer und im ganzen Land bekannt, er hat sich inner- und ausserhalb des Bundeshauses einen Ruf als meinungsstarker, fachkundiger Pragmatiker erarbeitet. Doch just in dem Moment, als er aus der Partei ausgetreten ist, tritt Jositsch wieder als waschechter Sozialdemokrat auf. So geschehen am Dienstag.Jositsch KlassenkampfrhetorikAn diesem Morgen debattierte der Ständerat über die alte Frage, wie viele Sonntagsverkäufe es in der Schweiz verträgt. Der Montag bis Samstag gehört den Kantonen, der siebte Tag, der Sonntag, jedoch dem Bund. Und dieser sagt qua Gesetz: Maximal vier Sonntagsverkäufe pro Jahr sind erlaubt. Das genügt nicht, fand der Zürcher Kantonsrat und verlangte mit einer Standesinitiative eine Ausweitung auf zwölf Sonntage im Jahr. Und lange sah es so aus, als hätte der Vorschlag tatsächlich eine Chancen, was bei Standesinitiativen sehr selten vorkommt. Der Bundesrat hat sich für den Vorschlag ausgesprochen, ebenso eine Mehrheit der Kantone. Und auch die zuständigen Kommissionen des Parlaments unterstützten das Anliegen.Zunächst sah es auch am Dienstag so aus, als könnten die Zürcher hoffen. Als Erste sprach ihre eigene Ständerätin Tiana Moser von der GLP, die die Ausweitung unterstützte. Sie sagte, zwölf Sonntagsverkäufe seien keine Pflicht, sondern «nur eine Möglichkeit». Moser referierte von «verändertem Kaufverhalten», der «Vereinbarkeit von Familie und Beruf» und einer «Belebung der Innenstädte». Sie sprach namens der vorberatenden Kommission, aber auch namens ihres Kantons Zürich, der die Initiative eingereicht hatte.Irgendwann aber ergriff Daniel Jositsch das Wort, der andere Zürcher Ständerat. «Ich stelle mich natürlich ungern gegen eine Initiative meines Kantons», sagte er und deutete ein Lächeln an, als gefalle ihm die Rolle des Spielverderbers. Mit Sonntagsverkäufen würden nur die Kosten steigen, nicht die Umsätze, führte er aus. Gerade für die kleinen Läden sei das schlimm. Jositschs Beweisführung: Er wohne seit einiger Zeit «praktisch auf der Bahnhofstrasse», sagte er, diesem sozialdemokratisch verdächtigen Hochglanz- und Hochpreisort mitten in Zürich. «Dort gibt es keine speziellen Läden mehr», beklagte sich Jositsch, nur «Prada und Chanel», die man überall sehe.Teure Marken sorgten für das Lädelisterben. Es war beste Klassenkampfrhetorik. Fast konnte man meinen, Jositsch bewerbe sich um Wiederaufnahme in die SP.Ist er also doch mehr sozial als liberal? Darauf angesprochen, sagt Jositsch, der Begriff sei vielleicht irreführend. «Das Liberale bezieht sich nicht auf den Liberalismus, sondern darauf, wie man die sozialen Werte auslegt: liberal halt.»Stichentscheid nötigUnterstützung gab es von den ehemaligen Genossen. SP-Ständerat Carlo Sommaruga sah einen «Frontalangriff auf die Arbeitnehmer». Bei neu zwölf Sonntagsverkäufen würde es sich nicht nur um eine «kleine Anpassung» handeln, so Sommaruga. Dabei seien die Arbeitsbedingungen «bereits jetzt schwierig» und «Burn-outs und körperliche Beschwerden» verbreitet.Pierre-Yves Maillard (SP), der Präsident des Gewerkschaftsbundes, brauchte nicht einmal auf seine Notizen zu schauen. Er sprach gestikulierend drauflos, hob den Mahnfinger, machte Aufzählungen, Daumen, Zeigefinger, Mittelfinger, als er den Daseinszweck des Sonntags umriss: als «Tag, um sich auszuruhen, das Familienleben zu geniessen und am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen». Einmal faltete er seine Hände, als wollte er beten.Es schien zu nützen. Nach der Mitte-Ständerätin Andrea Gmür-Schönenberger setzte sich sogar der SVP-Ständerat Jakob Stark für ein Nein ein. «Unheilige Allianzen» gebe es bereits in diesem Parlament, sinnierte er. Die heutige sei nun eine «Sonntagsallianz», so Stark. «Und ihr Ziel ist es, den Wert des Sonntags zu erhalten.»Das gelang fürs erste – auch dank Jositschs Stimme. Die Pattsituation von 21 zu 21 bei einer Enthaltung löste schliesslich der Ständeratspräsident Stefan Engler (Mitte) auf, indem er die Standesinitiative vorerst bachab und damit in den Nationalrat zurück schickte. Sagt auch dieser Nein, kommt das Geschäft nochmals in den Ständerat, der die zwölf Sonntagsverkäufe mit einem neuerlichen Nein endgültig ablehnen kann.Passend zum Artikel
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