Ein Sexskandal mit geopolitischem Unterton erschüttert die orthodoxe Kirche in der MoldauSex-Tapes bringen das Oberhaupt der rumänisch-orthodoxen Kirche in der Moldau zu Fall. Der Kirchenstreit mit Moskau verleiht der Affäre Bedeutung weit über das Klerikale hinaus.09.06.2026, 15.17 Uhr4 LeseminutenDer Kirchenstreit in der Moldau ist einer der vielen Schauplätze des Ringens um die geopolitische Ausrichtung der ehemaligen Sowjetrepublik.Pierre Crom / GettyMehr als drei Jahrzehnte lang war Metropolit Petru das Oberhaupt der rumänisch-orthodoxen Kirche in der Moldau. Ende Mai jedoch bat Petru Paduraru, wie der 79-jährige Kirchenmann mit bürgerlichem Namen heisst, das Patriarchat in Bukarest unverhofft um seine Versetzung in den Ruhestand. Seinen Wunsch begründete er mit dem Alter, der Gesundheit und dem Wohle der Kirche. Vergangene Woche wurde der Schritt vollzogen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Geächtete HomosexualitätDas Kirchenwohl dürfte dabei um einiges schwerer gewogen haben als Alter und Gesundheit. Kurz vor dem Rücktritt waren Videoaufnahmen aufgetaucht, die Petru beim Sex mit einem Mann zeigen. Dabei soll es sich laut einigen Berichten um einen Kleriker handeln, der Petru hierarchisch unterstellt ist. Weder dies noch die Authentizität der Aufnahmen wurde bisher offiziell bestätigt.Metropolit Petru, ehemaliges Oberhaupt der rumänisch-orthodoxen Kirche in der Moldau.PDDie Angelegenheit ist für die Kirchenführung peinlich. Wie in der Orthodoxie üblich betrachtet das rumänische Patriarchat Homosexualität als Vergehen gegen die göttliche Ordnung und damit als schwere Sünde. Bei der gescheiterten Bürgerinitiative von 2018, welche die Ehe in Rumänien auf Verfassungsebene als Verbindung zwischen Mann und Frau festlegen wollte, war die Kirche eine treibende Kraft.Dass die Affäre um Petrus Liebesleben auch ausserhalb kirchlich interessierter Kreise Wellen schlägt, liegt jedoch nicht nur an der Doppelmoral eines hohen Würdenträgers. Wie so oft in der kleinen, zwischen Rumänien und der Ukraine eingeklemmten Moldau geht es auch um die grosse Geopolitik.Orthodoxer KirchenstreitÄhnlich wie in der Ukraine gibt es in der Moldau zwei orthodoxe Kirchen: die vom rumänischen Patriarchat abhängige Metropolie von Bessarabien, der bis vor wenigen Tagen Petru vorstand, und die Metropolie von Chisinau und der ganzen Moldau, die zur russisch-orthodoxen Kirche gehört. Das hat historische Ursachen. Das Gebiet der heutigen Moldau befand sich lange im Einflussbereich Moskaus, zur Zarenzeit sowie von 1945 bis 1991 als eine der 15 Sowjetrepubliken. Dazwischen gehörte die vornehmlich rumänischsprachige Region mit Ausnahme eines dünnen Landstreifens im Osten jedoch zu Grossrumänien.Die grosse Mehrheit der orthodoxen Gemeinden im Land untersteht weiterhin dem Moskauer Patriarchat. Die erst seit der Unabhängigkeit der Moldau wieder zugelassene rumänische Kirche weitet ihren Einfluss jedoch aus, auch mit Unterstützung der prowestlichen Landesführung um Präsidentin Maia Sandu. Der Kirchenstreit ist einer der vielen Schauplätze des Ringens um die geopolitische Ausrichtung des kleinen Landes.Russlands Überfall auf die Ukraine, der vom Moskauer Patriarchen Kirill inbrünstig unterstützt wird, in der Moldau aber existenzielle Ängste ausgelöst hat, verstärkt diese Entwicklung. Dies führt zu offenen Konflikten. Im Februar eskalierte in der Ortschaft Dereneu ein Streit, als sich ein prorussischer Geistlicher in einer Kirche verschanzte, die an das rumänische Patriarchat übergehen sollte.Eine russische Kampagne?Vor diesem Hintergrund wurden nach der Veröffentlichung der Sex-Tapes rasch Vermutungen laut, dass Russland bei der Affäre seine Hand im Spiel haben könnte. Mit dem Einflussmanöver solle die öffentliche Meinung zugunsten des Moskauer Patriarchats beeinflusst werden. Dass dieses in der Moldau unter Druck steht, ist unbestritten.Vor dem Verfassungsgericht etwa steht eine wichtige Entscheidung über die Nutzung einer denkmalgeschützten Kirche an. Der Richterspruch könnte eine Präzedenzwirkung für mehr als 800 russisch-orthodoxen Gotteshäuser im Land entfalten. Der Verlust dieser Nutzungsrechte an die rumänische Kirche würde das Kräfteverhältnis zwischen den beiden Kirchen nachhaltig verschieben.Skandale auch im Moskauer PatriarchatAn der Doppelmoral der involvierten Kirchenmänner ändert das nichts – sofern die Aufnahmen tatsächlich echt sind. Allerdings empfiehlt sich auch die russisch-orthodoxe Kirche nicht als moralische Instanz ohne Fehl und Tadel.Der moldauische Sender TV8 berichtete am Wochenende über den Immobilienbesitz von Vladimir, dem Oberhaupt der zweiten, prorussischen Metropolie. Vladimir besitze in Chisinau mehrere Luxuswohnungen ungeklärten Ursprungs. Die meiste Zeit wohne der Kirchenmann aber weiterhin auf einem grosszügigen Anwesen am Stadtrand, das auf den Namen einer Frau laufe, berichtet TV8.Als vor zwölf Jahren erstmals über die Villa berichtet wurde, bezeichnete Vladimir die Frau als seine Verwandte. Später tauchten jedoch Aufnahmen von gemeinsamen Strandferien in der Türkei auf, die ein romantisches Verhältnis zwischen den beiden nahelegen. Der Metropolit ist, wie alle orthodoxen Bischöfe, zum Zölibat verpflichtet.Ausserhalb der Moldau sorgte jüngst der Fall von Hilarion für Schlagzeilen, einem in Ungnade gefallenen, ehemals engen Vertrauten des Moskauer Patriarchen Kirill. Nach Vorwürfen sexueller Avancen gegenüber einem Mitarbeiter war Hilarion Ende 2024 als Bischof von Budapest entlassen und in den tschechischen Kurort Karlovy Vary versetzt worden. Im ehemaligen Karlsbad gibt es eine grössere russische Gemeinde.Ende Mai stellte die tschechische Polizei bei einer Kontrolle in Hilarions Wagen mehrere Behälter mit Drogen sicher. Laut Hilarion wurden diese ohne sein Wissen in den Wagen gelegt, um ihn in Schwierigkeiten zu bringen. Vergangene Woche wurde der einst hochrangige Kirchenmann auf einen neuen Posten in der brasilianischen Provinz versetzt.Passend zum Artikel