PfadnavigationHomePanoramaWeltplus ArtikelAngriffe auf christliches Café„Wir leben in Deutschland – so etwas darf in einem demokratischen Land nicht passieren“Von Janne HoppeRedakteurin Nachrichten und GesellschaftStand: 13:13 UhrLesedauer: 8 MinutenVorwurf „Fundamentalismus“: Unbekannte Täter haben das Café „Stay“ in Leipzig 26-mal attackiertQuelle: „Zeal Church“Farbbeutel, eingeschlagene Scheiben, Buttersäure: Ein Leipziger Café, hinter dem eine Freikirche steht, wurde jahrelang attackiert. Nun schließen die Betreiber – und sprechen eine Warnung aus.An den Scheiben kleben noch Reste roter Farbe eines Hammer-und-Sichel-Graffitis, viele kleine Risse ziehen sich über die Fenster. In den Innenräumen des Cafés „Stay – bleibdochnoch“ im Leipziger Stadtteil Reudnitz riecht es an diesem Nachmittag, selbst fünf Monate nach dem Angriff, nach Spuren von Buttersäure.Im Winter 2023 wurde das Café von der Freikirche „Zeal Church“ eröffnet – und seitdem 26-mal angegriffen, mutmaßlich von Linksextremen, wie aus einem Bekennerschreiben hervorgeht. Eingeschlagene Scheiben, Farbangriffe, Exkremente. Zweimal wurde das Lokal mit der Buttersäure attackiert, zuletzt an Weihnachten 2025. Die Betreiber verbrachten die Feiertage damit, den Schaden zu beseitigen und den Boden auszutauschen. „Holt euch euren scheiß Hafermilch-Cappuccino woanders. Treibt das STAY in den Ruin, da wo es und seine erzkonservativen Eigentümer*innen hingehören“, hieß es in einem auf der Plattform „Indymedia“ veröffentlichten Bekennerschreiben im Oktober 2023. Knapp drei Jahre später haben die mutmaßlichen Täter ihr Ziel erreicht. Die Angriffsserie hat an den Nerven der Mitarbeiter und Betreiber gezehrt – und auch an den finanziellen Rücklagen. Sie ziehen nun die Konsequenzen: Das Café wird am 28. Juni schließen. Lesen Sie auch„Wir haben in diesen Räumen jahrelang Gottesdienste gefeiert, und dann fangen wir an, Kaffee und Zimtschnecken zu verkaufen, und auf einmal ist es ein Problem. Wenn wir gewusst hätten, was wir damit auslösen, wären wir es niemals angegangen“, sagt Pastor René Wagner. Er ist 38, trägt Bomberjacke, eine große, markante Brille und eine schwere Kette um den Hals. Unter dem Ärmel schaut ein buntes Tattoo hervor. Er ist neben seiner Frau Deborah das Gesicht der „Zeal Church“.2014 zog das Ehepaar aus Baden-Württemberg nach Leipzig mit dem Plan, eine „moderne Freikirche“ zu gründen. Nach eigenen Angaben nehmen rund 600 Menschen an ihren Gottesdiensten teil. Dazu kommt eine große Online-Hörerschaft. „Wir hätten niemals damit gerechnet, dass wir hier so einen hohen Zulauf haben, da der Osten ja eher für Atheismus bekannt ist“, sagt Wagner. Die „Zeal Church“ ist im evangelikalen Umfeld der Pfingstbewegung verortet, Mitglied im „Bund Freikirchlicher Pfingstgemeinden“ und ging aus der „International Christian Fellowship“, einer in mehreren Ländern agierenden Freikirche, hervor. Die Gemeinde, ein eingetragener Verein, ist Gesellschafter der „Zeal Services GmbH“, die das Café betreibt.Vor über zehn Jahren mieteten sie die Räume in der Dresdner Straße in Leipzig-Reudnitz an. Dass sie dort jahrelang Gottesdienste und Gemeindefeste feierten, störte Wagner zufolge in der Nachbarschaft niemanden. Nach einigen Jahren zog die Gemeinde an einen anderen Ort – die Räume waren zu klein geworden. „Ich habe zu meiner Frau gesagt: Wir müssen hier ein Reudnitz ein Café eröffnen“, erinnert sich der Pastor. Es sei ihnen darum gegangen, Teil des Viertels zu werden – nicht als Gemeinde, sondern als Ort der Begegnung. Lesen Sie auchDas „Stay“ erinnert an Cafés in studentisch geprägten Vierteln. Es gibt vegane Bagel, Zimtschnecken, Cheesecake und „Spring Specials“ wie Iced Rose Latte oder Blueberry Iced Matcha Latte. Über der Siebträgermaschine leuchtet ein Neonschild: „Bleib doch noch“. Dass hinter dem Café eine Freikirche steht, erschließt sich kaum. Keine Bibelverse an den Wänden, keine christliche Musik, keine offensichtliche Mission. „Wir wollten einen neutralen Begegnungsort schaffen – nicht einen Raum, in dem ‚Jesus‘ an der Wand steht“, sagt Wagner. In Medienberichten wird die Frage aufgeworfen, ob die Kirche mit dem Café ihre Gemeinde finanzieren will. Stimmt das? „Der Wunsch war es, den Stadtteil aufzuwerten und für die Menschen da zu sein. Das ist in unserem christlichen Grundverständnis verankert. Vom Grundkonzept her sollte es kostendeckend sein. Alles, was an Überschüssen hätte passieren können, wollten wir in positive, gute Sachen investieren. Aber davon sind wir weit entfernt“, sagt Wagner. Denn kurz nach der Eröffnung beginnt eine Serie von nächtlichen Angriffen. Zunächst waren es Schmierereien und beschädigte Scheiben. Dann eskalierte die Lage: Zweimal wurde Buttersäure versprüht. Mitarbeiter mussten medizinisch versorgt werden. „Wenn man am ersten Weihnachtsfeiertag seine Familie verlassen muss, um Kotzegeruch aus seinem Laden zu wischen, dann macht das etwas mit einem“, sagt Wagner. Im November 2025 hielt ein Demonstrationszug anlässlich des „Internationalen Tags gegen patriarchale Gewalt“ vor dem Café. Namen von Gemeindemitgliedern sollen skandiert worden sein. „Es haben nur noch die Fackeln und Mistgabeln gefehlt.“„Wir haben konservative Werte, die wir auch in diesem Land vertreten dürfen“Die mutmaßlichen Angreifer werfen der „Zeal Church“ und dem „Stay“ unter anderem Queerfeindlichkeit, Misogynie und Fundamentalismus vor. In ihrem Bekennerschreiben heißt es: „Die Zeal Church beruft sich stolz auf konservative Werte und gibt offen zu, dass sie keinen Bock haben, homosexuelle Paare zu trauen. Angeblich seien Menschen jeder Sexualität dennoch willkommen, in die Kirche einzutreten. Aber wir alle wissen doch, welche Einstellungen eigentlich hinter solchem Gelaber stecken: die Vorstellung, es gäbe nur Männer und Frauen und dass die monogame cis hetero Ehe die einzig ‚richtige‘ Beziehungsform sei. Wie es um Sex vor der Ehe, sexuelle Selbstbestimmung, Konsens und Co bei der Zeal Church steht, wollen wir lieber nicht so genau wissen.“ Die „Zeal Church“ vertritt konservative Positionen in ethischen Fragen, gibt René Wagner unumwunden zu. Homosexuelle Paare werden nicht religiös getraut, bestimmte Leitungspositionen nicht an homosexuelle Gemeindemitglieder vergeben. Wagner verweist darauf, dass es die Mehrheit der Kirchen weltweit so handhabe. „Wir stehen zur Ehe von Mann und Frau und zur Familie. Das ist ein hoher Wert. Deswegen bekämpfen wir das andere nicht.“ Die Gemeinde lehnt auch Abtreibungen ab. „Bei dem Thema werden wir schockiert angegangen, obwohl das in den meisten religiösen Organisationen so gesehen wird“, sagt Wagner. Er weist Vorwürfe zurück, Menschen auszugrenzen oder Hass zu predigen. „Man muss unsere Theologie nicht mögen. Aber darf die Antwort Gewalt sein?“In einem Artikel der „Leipziger Volkszeitung“ wird eine Verbindung der Gemeinde zu Konversionsbefürwortern gezogen. Auf Veranstaltungen der ICF-Kirche, zu der früher auch René und Deborah Wagner gehörten, sollen diese Befürworter gesprochen haben. Diese „Therapien“ zur Änderung der sexuellen Orientierung sind in Deutschland seit 2020 verboten. In Aussteigerberichten werfen Betroffene immer wieder einigen Freikirchen vor, Konversionstherapien zu befürworten oder anzubieten.Wagner sagt, er habe sich mehrfach klar von Konversionstherapien distanziert. „Wir führen so etwas nicht durch und finanzieren es nicht. Es wird versucht, etwas zu finden, was nicht existiert. Unsere Predigten sind alle online als Podcast verfügbar. Man findet dort keinen Hass gegen Menschen.“ Dann merkt er an: „Wir haben konservative Werte, die wir auch in diesem Land vertreten dürfen.“Mittlerweile spricht auch die Stadt Leipzig von einem Angriff auf die ReligionsfreiheitDie Betreiber sehen in den Attacken gegen das Café einen Angriff auf ihre Religionsfreiheit. Zwar würden Gottesdienste nicht direkt verhindert – aber der öffentliche Druck schaffe ein Klima der Angst, so ihre Wahrnehmung. „In unserer Gemeinde sind gläubige Menschen, die Überzeugungen haben, die nicht dem Mainstream entsprechen. Wenn sie das äußern, werden hier die Scheiben eingeschlagen. Ist das die Art und Weise, in unserem Land zu protestieren? Die Religionsfreiheit ist im Grundgesetz geregelt.“Im Februar verurteilte Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) bei einer Stadtratssitzung die Angriffe auf das Café. Im März traf Jung die Betreiber zu einem Gespräch. Der Austausch sei konstruktiv gewesen, sagt Wagner. Dennoch hätten sie sich mehr Schutz gewünscht – „und die Anerkennung, dass wir hier antichristliche Hassverbrechen und eine Einschränkung unserer Religionsfreiheit erleben“.Mittlerweile hat sich die Einschätzung der Stadt geändert: Im Januar hatte das zuständige Leipziger Ordnungsdezernat auf Anfrage der BSW-Fraktion im Stadtrat die Angriffe auf das „Stay“ zwar verurteilt, gleichzeitig aber betont, dass die „grundsätzliche Ausübung der Religionsfreiheit nicht gefährdet sei“. Auf Nachfrage der „Jungen Freiheit“ erklärte die Stadt Leipzig nun im Juni, dass es sich doch um „Angriffe auf die im Grundgesetz verbürgte Religionsfreiheit“ handelt.Der letzte Angriff verursachte einen Schaden in Höhe von 20.000 Euro Wagner sagt, er fühle sich allein gelassen. Ab und zu sei ein Beamter der Polizei vorbeigekommen. „Aber es ändert sich nichts. Ich bin schockiert, dass so etwas in der Bundesrepublik möglich ist – dass wir als christliche Glaubensgemeinschaft so unter Druck gesetzt werden. Nicht mit Diskussionen, sondern mit Gewalt. Müssen wir eine Moschee sein, damit wir hier Schutz und Ernsthaftigkeit erfahren?“, fragt Wagner.Die Ermittlungen wegen Sachbeschädigungen liefen ins Leere. Wie die Polizeidirektion Leipzig gegenüber WELT bestätigt, wurde alle Verfahren bislang eingestellt, Täter konnten nicht ermittelt werden. Die Stimmung im Café habe sich in den vergangenen Jahren verändert, sagt der Geschäftsführer der „Zeal Services GmbH“, Tobias Röhner. Pfefferspray wurde im Café deponiert, einige ihrer Mitarbeiter kündigten aufgrund der Sicherheitslage. Nach dem jüngsten Angriff habe das Café Geld sammeln müssen, um die Schäden in Höhe von 20.000 Euro reparieren zu können. Wirtschaftlich war das Projekt nicht mehr tragfähig, sagt Röhner.Seit den ersten Angriffen, suchte die Gemeinde die Öffentlichkeit – und erhielt aus Sachsen mehrere Zuschriften von kirchlichen Einrichtungen, die ebenfalls Opfer von Angriffen waren – etwa die Diakonie Leipzig oder das KALEB-Haus Chemnitz. „Ich verstehe nicht, warum das nicht stärker in den Medien landet. Hier werden Menschen bedroht. Wir leben in Deutschland – so etwas darf in einem demokratischen Land nicht passieren. Man würde so etwas in Saudi-Arabien oder Nigeria erwarten, aber nicht hier“, sagt Wagner. „Wo soll das hinführen?“