Ein deutscher Versicherer will mit Lionel Messi die USA erobernIn keiner anderen Branche zählen deutsche Konzerne deutlicher zur Weltspitze als bei den Versicherungen. Das Beispiel der Münchener-Rück-Tochter Ergo zeigt, wie sie ihre globalen Ambitionen verfolgen.Cornelius Welp09.06.2026, 12.35 Uhr4 LeseminutenZentrale der Ergo-Versicherung in Düsseldorf.ImagoDa wären zum Beispiel diese kleinen Restaurants. Truckstops, direkt am Highway, irgendwo im Nirgendwo des Mittleren Westens der USA. Für die kann sich Edward Ler richtig begeistern. «Wir sehen hier ein enormes Potenzial», schwärmt der Vorstand des deutschen Versicherers Ergo. «Mit unserem innovativen Ansatz können wir überall passende, günstige und einfach zugängliche Angebote machen.»Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Der aus Singapur stammende Ler ist Ende 2023 nach diversen Stationen in der Branche zu dem in Düsseldorf ansässigen Unternehmen gestossen. Dort hat er Grosses vor: Da der deutsche Markt als abgegrast und deshalb weniger dynamisch gilt, will er vor allem das Wachstum im Ausland forcieren. «2030 soll das internationale Geschäft das deutsche Geschäft übertreffen», sagt er. Dass er bei einem deutschen Unternehmen gelandet ist, ist für den Manager kein Zufall. «Die deutschen Versicherer haben in Asien einen guten Ruf», sagt er. Sie seien «langfristig stabil, wettbewerbsfähig und innovativ».Dass Policen aus Deutschland nun noch stärker als bisher zum Exportschlager avancieren sollen, ist symptomatisch für den Standort, dem viele Beobachter schon lange einen Mangel an Risikofreude unterstellen. Von den allgemein beklagten Schwächen zeigt sich die Branche völlig unbeeindruckt. Autohersteller kämpfen mit sinkender Nachfrage, die Chemiebranche leidet unter den hohen Energiekosten, und der Maschinenbau muss immer heftiger mit der Konkurrenz aus China kämpfen.Bei Versicherungen aber zählen deutsche Konzerne weiter unangefochten zur Weltspitze.Zwei Konzerne aus München sind weltweit vorneDie Münchner Allianz kommt in rund 70 Ländern auf um die 100 Millionen Kunden, die meisten Branchenranglisten führen sie global auf Platz 1. In den vergangenen Jahren hat der Konzern ein Rekordergebnis ans nächste gereiht. Blendend läuft es schon seit Jahren auch bei der nur wenige Gehminuten von der Allianz-Zentrale entfernten Münchener Rück, die seit 2009 unter der internationalen Marke Munich Re auftritt. Der Erfolg des grössten Rückversicherers der Welt ist aber unter anderem stark von schwer prognostizierbaren Schäden durch Naturkatastrophen abhängig und gilt deshalb als schwankungsanfällig.Um die Erträge zu stabilisieren, setzen die Münchner deshalb anders als ihr grösster Wettbewerber Swiss Re auf ein starkes Geschäft mit Privat- und kleineren Unternehmenskunden. Der Plan ist in der Vergangenheit nicht immer aufgegangen. Zu ihren 1997 unter dem Namen Ergo fusionierten Unternehmen zählte neben der traditionellen Berliner Victoria-Versicherung auch die Hamburg-Mannheimer. Die hatte in Deutschland durch die Werbefigur des «Herrn Kaiser» über Jahrzehnte das Bild vom freundlich-seriösen Vertreter geprägt, stand wirtschaftlich aber wesentlich schwächer da als angenommen. Zudem belastete ein Sexskandal bei einer Vertriebstochter das Image des Unternehmens über viele Jahre.Stellen streichen, trotzdem wachsenDeshalb waren über Jahre Sparrunden angesagt, die seit 2015 vom amtierenden Vorstandschef Markus Riess verantwortete Restrukturierung gilt in der Branche als mustergültig abgeschlossen. Bis 2030 soll der verstärkte Einsatz künstlicher Intelligenz nun abermals 1000 Stellen überflüssig machen, grundsätzlich aber stehen die Zeichen auf Expansion. In Deutschland will das Unternehmen in den kommenden Jahren jeweils zwischen 3 und 5 Prozent zulegen, im Ausland sollen es 9 bis 11 Prozent sein. Der Fokus liegt dabei vor allem auf Asien und den USA.Eine oft vernachlässigte Zielgruppe hat Ler ganz besonders im Blick: Von der Ergo angefertigte Studien sollen zeigen, dass vor allem kleine und mittlere Unternehmen weltweit unterversichert sind. «Risiken wie Naturkatastrophen oder Cyberangriffe sind ihnen oft gar nicht bewusst», meint der Manager. Die Unternehmer seien im Tagesgeschäft oft so eingebunden, dass sie sich mit den scheinbar komplexen Fragen rund um den Schutz ihres Betriebes nicht beschäftigen könnten. Und für die etablierten Versicherer lohnten sich Aufwand und persönliche Beratung oft nicht.Bei der Ergo sollen nun selbstentwickelte Technologien auf einer digitalen Plattform die Lücke schliessen. Mit ihnen will das Unternehmen der avisierten Kundschaft «schnell und unkompliziert passende Angebote unterbreiten, die sie innerhalb von wenigen Minuten online abschliessen kann», sagt Ler. Den Ausbau des Digitalgeschäfts haben in den vergangenen Jahren viele Versicherer vorangetrieben, die ganz grossen Hoffnungen haben sich oft nicht erfüllt. In Deutschland werden immer noch vier von fünf Policen nach einem persönlichen Gespräch abgeschlossen.Ler gibt sich davon überzeugt, dass vor allem in den USA der Durchbruch gelingen kann. Zwar seien diese «ein sehr komplexer Markt», schliesslich habe jeder Gliedstaat eine eigene Regulierung. Und natürlich weiss auch er, dass viele hochfliegende Pläne deutscher Unternehmen in den Vereinigten Staaten gescheitert sind. In den Griff bekommen will Ler den Markt aber mithilfe des Ablegers Ergo Next Insurance.An dem Digitalunternehmen war der deutsche Versicherer schon länger beteiligt, im vergangenen Jahr hat er es für knapp 2 Milliarden Euro komplett übernommen. Seitdem investiert Ergo Next hohe Summen ins Marketing. So prangt der Schriftzug des Unternehmens auf den Trainings- und Aufwärmtrikots des von David Beckham gegründeten Klubs Inter Miami, bei dem der argentinische Superstar Lionel Messi seit drei Jahren erfolgreich den Herbst seiner Karriere verbringt. Ler beziffert die derzeitige Kundenzahl von Next in den USA auf 750 000 Selbständige und kleine Unternehmen. Unter ihnen sollen auch viele Restaurants an abgelegenen Orten sein.Passend zum Artikel