Deutlich spannender als der Handel mit Altöl erschien Roman Norbert Ketterer der mit Kunst. Während er beim Öl zum Geschäftsführer aufstieg, fuchste er sich nebenher in die so ganz andere kulturelle Materie ein. Kurz nach Kriegsende war es so weit: Die US-amerikanische Militärregierung erteilte dem Branchenneuling eine Lizenz für den „Wholesale in all kinds of works of art“, und im Juni 1946 eröffnete Ketterer das Stuttgarter Kunstkabinett. Im Folgejahr stieß sein jüngerer, aus der Kriegsgefangenschaft heimgekehrter Bruder Wolfgang hinzu, und es begann eine Erfolgsstory par excellence.Hunger nach expressionistische KunstAusstellungen und Auktionen stillten in der jungen Bundesrepublik den Hunger nach expressionistischer, noch von den Nationalsozialisten verfemter Kunst. Fotos von damals zeigen den Auktionsaal voll besetzt und mittendrin bald auch international illustre Kundschaft wie etwa Baron Hans Heinrich Thyssen-Bornemisza im Bieterwettstreit um ein Aquarell von Emil Nolde. Vielleicht meinte Roman Norbert Ketterer, genug zur Wiederbelebung des Kunstmarkts beigetragen zu haben, als er 1962 das Stuttgarter Kabinett schloss, nach Campione d’Italia zog und den Nachlass von Ernst Ludwig Kirchner übernahm. Wolfgang Ketterer ließ sich mit Galerie und Verlag in der Münchner Villa Stuck nieder. In München feiert nun auch das Versteigerungsunternehmen sein achtzigjähriges Bestehen.Nicht mehr Gabriele Münter, sondern Wassily Kandinsky zugeschrieben: „Bei Oberau“, 1908, Öl auf Malpappe, 32,8 mal 44,5 Zentimeter, Taxe 500.000 bis 700.000 EuroKetterer KunstWenn am 12. und 13. Juni die Jubiläumsauktionen über die Bühne gehen, wird Robert Ketterer am Pult regieren. Sein Vater warf ihn ins kalte Wasser, als er mit den Worten „Ich darf nun an meinen Sohn übergeben“ dem damals Zweiundzwanzigjährigen ohne Vorwarnung das Geschehen übertrug und den Auktionssaal verließ. Sechs Jahre nach dieser Premiere übernahm Robert Ketterer 1997 die alleinige Geschäftsführung von Ketterer Kunst und krempelte alles um, bald unterstützt von seiner Frau Gudrun. Afrikana, präkolumbische Kunst und Kunsthandwerk flogen aus dem Programm, das sich heute auf moderne und zeitgenössische Kunst sowie Werke des 19. Jahrhunderts konzentriert. Ketterer kaufte das Hamburger Buchauktionshaus F. Dörling hinzu und eröffnete einen neu gebauten Firmensitz in der Nähe des Münchner Messegeländes. 2007 meldet das Unternehmen sein erstes Millionenergebnis, mit 2,5 Millionen Euro für Noldes Porträt „Nadja“; seit acht Jahren ist Ketterer Marktführer der deutschen Kunstversteigerer.Spannendes aus der ProvenienzforschungStolz verweist Ketterer auf die erste firmeninterne Provenienzabteilung im Lande. Für die Jubiläumsversteigerung erforschte diese unter der Leitung von Agnes Thum die Landschaftsstudie „Bei Oberau“. Lange Zeit galt das Werk von 1908 als Arbeit Gabriele Münters; eine Verwechslung, wie sich herausstellte. Das kleine Gemälde zeigt vor einer Bergsilhouette die Brücke über die Loisach, darunter die Floßrutsche für Holztransporte. Es stammt aus der Zeit des künstlerischen Umbruchs, als beide, Münter und ihr damaliger Partner Wassily Kandinsky, hier im Blauen Land auf ähnliche Weise vom spätimpressionistischen Stil zur expressiven Farbmalerei fanden. Für eine bislang unbeachtet gebliebene Nummer auf der Rückseite des Bildes wurde nun die Entsprechung auf einer im Murnauer Münter-Haus 1958, also noch zu Lebzeiten der Künstlerin, angelegten Liste entdeckt: „Kandinsky, Naturstudie in Oberau“. Das nun neu Kandinsky zugeschriebene Bild soll nun 500.000 bis 700.000 Euro erlösen.Noch interessanter ist dieser Fall: Nach fast 100 Jahren im selben Familienbesitz wurde das Gemälde „Villa Seeburg am Staffelsee“ als Werk Kandinskys bei Ketterer eingeliefert, fand sich jedoch nicht im Werkverzeichnis des Künstlers. Es existiert jedoch ein „Memorandum“, ein Zettel mit acht Skizzen zu Bildern, die Kandinsky 1911 in Vorbereitung der „Blaue Reiter“-Ausstellung bei Thannhauser in München und in der Berliner Galerie „Der Sturm“ anlegte. Das Bild ist dabei, wohl versehentlich fehlt es jedoch in der schriftlichen Liste dazu. Im Übergang zur reinen Abstraktion zeigt das traumhaft schöne Werk in frei flottierenden Farbsetzungen die Villa mit Turm, umgeben von dichter Vegetation und im Wasser gespiegelt.Aktuelles Spitzenlos: Wassily Kandinsky, „Villa Seeburg am Staffelsee“, 1911, Öl auf Malpappe, 33 mal 45 Zentimeter, Taxe zwei bis drei Millionen EuroKetterer KunstErste Eigentümerin wurden Nell Walden und ihr Mann, der „Sturm“-Gründer Herwarth Walden. Mehrere Kataloge der „Sammlung Walden“ dokumentieren die „Villa Seeburg am Staffelsee“; ein rückseitiges „Sturm“-Etikett bestätigt die Zuordnung. Nächster Eigentümer wurde wohl um 1930 der bedeutende Gelsenkirchner Sammler Oskar Kirchner. Fortan blieb es vor den Blicken der Öffentlichkeit verborgen – bis es jetzt, geschätzt auf zwei bis drei Millionen Euro, als Spitzenlos der Abendauktion antritt.Kirchner ist so etwas wie ein „Familienkünstler“Natürlich darf unter 70 Losen der Abendauktion ein Werk Ernst Ludwig Kirchners nicht fehlen, der ja so etwas wie ein „Familienkünstler“ ist, wenn man an das Kirchnermuseum in Davos denkt, das auf eine Stiftung von Roman Norbert Ketterer zurückgeht, oder an die Galerie Henze-Ketterer im schweizerischen Wichtrach, die den Kirchner-Nachlass verwaltet. Seine „Landschaft mit Haus (Torhaus an der Hauptallee des Großen Gartens in Dresden)“ in radikal vereinfachten Formen und kräftiger Palette malte Kirchner in bester „Brücke“-Zeit 1910 (Taxe 800.000 bis 1,2 Millionen Euro). Im selben Jahr monogrammiert sein „Brücke“-Kollege Max Pechstein „Zwei liegende Mädchen“ auf einem roten Bett und bemalt sie 1914 rückseitig mit einem Stillleben (1,5/2 Millionen).Taxpreis 800.000 bis 1,2 Millionen Euro: Ernst Ludwig Kirchner, „Landschaft mit Haus (Torhaus an der Hauptallee des Großen Gartens in Dresden)“, 1910, Öl auf Leinwand, 51 mal 70,5 ZentimeterKetterer KunstAm Weimarer Bauhaus entstand 1923 Lyonel Feiningers Gemälde „Insel“: In prismatischem Stil türmt sich eine Wolkenarchitektur vor blauem Himmel, betrachtet von einer winzigen Menschengestalt (700.000/900.000). Eine Vorzeichnung dazu steht in der 190 Objekte umfassenden Tagesauktion von Ketterer zum Verkauf (6000/8000). Dort findet sich als kleiner Ausflug ins 19. Jahrhundert auch Lesser Urys Bild von drei Geschwistern, das kürzlich an die Erben des jüdischen Bankiers Curt Goldschmidt restituiert wurde (80.000/100.000).Zurück zum Abendangebot: Mit „Manucode“ offeriert es eine der raffinierten „Transparences“, hier eine Verquickung von Herz, Frauengesicht und Vögeln, des Stiljongleurs Francis Picabia für eine Million bis 1,5 Millionen. Höhere sechsstellige Beträge werden auch für Werke von Emilio Vedova, Morris Louis, Richard Serra oder Günther Förg angestrebt. Dann ist da noch etwas Besonderes für Liebhaber: 87 einzigartige Adlermotive, mit denen Georg Baselitz 1977 die Seiten eines Auktionskatalogs von Kornfeld und Klipstein ausmalte, als Geschenk für seinen Sammler Helmut Anton Krätz (300.000/500.000).
Das Auktionhaus Ketterer wird 80 Jahre alt: Vorschau auf den "Evening Sale"
Das Münchner Auktionshaus Ketterer feiert Jubiläum, mit Werken von Kandinsky und Kirchner zu sechsstelligen Preisen. Seine Anfänge in Stuttgart waren von der Aufbruchstimmung nach dem Zweiten Weltkrieg bestimmt.







