PfadnavigationHomePolitikAuslandChinaBei Xis Besuch in Nordkorea richtet sich die wichtigste Botschaft an ein anderes LandStand: 12:18 UhrLesedauer: 4 MinutenChinas Präsident Xi Jinping (l.) pflanzt bei seinem Staatbesuch in Nordkorea gemeinsam mit Machthaber Kim Jong-un eine TanneQuelle: Yan Yan/XinHua/dpaZum ersten Mal seit 2019 besucht Chinas Präsident den nordkoreanischen Machthaber. Das Ziel: die eigene Einflusssphäre gegenüber Russland zu verteidigen – und die verbündeten Autokratien durch ein gemeinsames Feindbild zu einen. Gelingt Xi das Manöver, hat das Folgen auch für Europa.Als Xi Jinping am Montagmorgen in Pjöngjang aus dem Flugzeug stieg, an seiner Seite Ehefrau Peng Liyuan, Spitzenberater Cai Qi und Außenminister Wang Yi, war die eigentliche Botschaft der Reise längst formuliert. Noch bevor die Maschine auf nordkoreanischem Boden aufsetzte, hatte der chinesische Staatschef in einem Beitrag für die nordkoreanische Staatspresse den Ton gesetzt.Er rief Kim Jong-un dazu auf, gemeinsam mit Peking jeden Versuch zurückzuweisen, der darauf ziele, „den Militarismus wiederzubeleben“ und die regionale Stabilität zu untergraben. Einen Namen nannte Xi nicht. Er musste es auch nicht. Gemeint war Japan.Es ist ein Manöver mit größerer Reichweite. Die Aufrüstung, die Xi anprangert, ist real. Doch sie ist eine Reaktion auf China, keine Provokation – und genau diese Reihenfolge verkehrt der chinesische Präsident. So formt er aus der Sorge über Japans Aufrüstung eine ideologische Klammer, die China, Nordkorea und im Hintergrund Russland zusammenhält, auch ohne förmliches Bündnis.Japan als gemeinsames FeindbildDer Besuch ist Xis erster in Nordkorea seit 2019 und zugleich seine erste Auslandsreise des Jahres. Seit Kim Tausende Soldaten und Munition für Wladimir Putins Krieg gegen die Ukraine nach Russland geschickt hat, hat sich der Schwerpunkt in Pjöngjangs Außenbeziehungen nach Moskau verschoben. China, jahrzehntelang wirtschaftliche Lebensader und Schutzmacht des Regimes, sah sich in die zweite Reihe gedrängt.Xis Reise, kurz nachdem er in Peking nacheinander Trump und Putin empfangen hatte, soll diese Rangordnung korrigieren. Doch wer den Besuch allein als Konkurrenz um Pjöngjangs Gunst liest, übersieht die eigentliche Strategie. Xi hat die Begegnung von der ersten Minute an um ein gemeinsames Feindbild herum aufgebaut. Indem er die „neue Militarisierung“ Japans zum verbindenden Thema erklärt, führt Peking sehr unterschiedliche Interessen unter einem Dach zusammen. Für China geht es um Taiwan und die Vorherrschaft in der ersten Inselkette. Für Nordkorea geht es um Anerkennung als Atommacht und um wirtschaftliche Hilfe. Für Russland geht es um Soldaten, Munition und einen zweiten Schauplatz, der den Westen bindet. Was diese drei eint, ist die wachsende Überzeugung, dass die regelbasierte Ordnung des Westens überdehnt und verwundbar ist.Lesen Sie auchDie Aufrüstung, die Xi anprangert, ist tatsächlich beträchtlich. Unter Ministerpräsidentin Sanae Takaichi hat Tokio sein Verteidigungsbudget auf rund zwei Prozent der Wirtschaftsleistung angehoben und damit das selbst gesetzte Ziel um zwei Jahre vorgezogen. Japan baut Fähigkeiten zum Gegenschlag auf, also weitreichende Waffen, die feindliche Stellungen treffen können. Für ein Land mit pazifistischer Nachkriegsverfassung ist das ein historischer Bruch. Takaichi hat im vergangenen November zudem offen erklärt, Japans Streitkräfte könnten sich an der Verteidigung Taiwans beteiligen, sollte China die Insel angreifen. In Peking wurde dieser Satz als Drohung verstanden. Japans Aufrüstung ist eine Reaktion auf das Verhalten seiner Nachbarn: auf chinesische Marinemanöver um die Senkaku-Inseln, auf nordkoreanische Raketen, die über japanisches Gebiet hinwegflogen, auf einen russischen Angriffskrieg, der territoriale Tabus gebrochen hat. In Xis Darstellung jedoch erscheint Tokio als der Aggressor, dessen Wiederbewaffnung die Region destabilisiert.Nordkorea weitet Atomarsenal ausAuch Pekings Verhältnis zu Pjöngjang bleibt von Misstrauen geprägt. Chinesische Strategen beobachten die Nähe zwischen Kim und Putin mit Unbehagen, weil sie Nordkorea einen Spielraum verschafft, den Peking lieber selbst kontrollieren würde. Kim wiederum nutzt die russische Karte dazu, sich nicht vollständig in Abhängigkeit von China zu begeben.Am Vorabend von Xis Besuch stellte Pjöngjang eine neue Anlage zur Anreicherung von Uran vor und kündigte eine, wie Kim es nannte, exponentielle Ausweitung des Nukleararsenals an. Ein Verbündeter, der derart demonstrativ aufrüstet, untergräbt Chinas Friedensrhetorik.Lesen Sie auchIn dieses Bild fügt sich nun auch Washington ein. Donald Trump hat zuletzt Gesprächsbereitschaft gegenüber Kim signalisiert, manche in Seoul vermuten gar, Xi überbringe Kim eine Botschaft Trumps. Gelänge es Peking, sich als Vermittler zwischen Pjöngjang und Washington zu inszenieren, erschiene China zugleich als stabilisierende Kraft – und als die Macht, ohne deren Zustimmung sich die Sicherheitsarchitektur der Halbinsel nicht neu ordnen lässt.Sollte sich Xis Erzählung – ein Großmachtanspruch, der sich als Verteidigung gegen einen vermeintlichen Militarismus tarnt – verfestigen, hätte das auch für Europa Folgen. Denn es sind dieselben Akteure, die sich auch auf diesem Schauplatz gegenseitig stützen. Tokio hätte dann recht behalten mit seiner unbequemen These, dass die Sicherheit Europas und Asiens nicht mehr zu trennen ist. Und Xis Reise wäre kein rein bilaterales Treffen gewesen, sondern ein weiterer Baustein einer Ordnung, die sich gegen den Westen insgesamt richtet.Christina zur Nedden ist China- und Asienkorrespondentin. Seit 2020 berichtet sie im Auftrag von WELT aus Ost- und Südostasien.
China: Bei Xis Besuch in Nordkorea richtet sich die wichtigste Botschaft an ein anderes Land - WELT
Zum ersten Mal seit 2019 besucht Chinas Präsident den nordkoreanischen Machthaber. Das Ziel: die eigene Einflusssphäre gegenüber Russland zu verteidigen – und die verbündeten Autokratien durch ein gemeinsames Feindbild zu einen. Gelingt Xi das Manöver, hat das Folgen auch für Europa.












