PfadnavigationHomePolitikDeutschlandSchäden durch Handynutzung„Kindern und Jugendlichen wird Selbstdisziplin zugeschrieben, die vielen Erwachsenen fehlt“Stand: 11:40 UhrLesedauer: 4 MinutenQuelle: Getty Images/MaskotBald will die Bundesregierung ihren Plan vorlegen, wie sie Schüler vor Schäden durch exzessive Handynutzung schützen will. Der Philologenverband ruft Familienministerin Prien auf, vor allem einen zentralen Hebel umzulegen.In der Debatte um einen besseren Schutz von Kindern und Jugendlichen im Netz und die mögliche Einführung einer Altersgrenze für die Nutzung von Social Media wird es langsam ernst: Ende Juni will die von Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDU) eingesetzte Expertenkommission „Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt“ ihre Handlungsempfehlungen vorlegen.Die Jugend- und Familienminister haben auf ihrer Konferenz Ende Mai in Frankfurt am Main bereits einen gemeinsamen Leitantrag zu Jugendschutz und Medienkompetenz beschlossen. Und auf der Bildungsministerkonferenz der Länder am 11. und 12. Juni in München soll ebenfalls ein gemeinsames Papier beschlossen werden. Arbeitstitel: „Erklärung der Bildungsministerkonferenz zum Umgang mit Social Media im schulischen Bereich“.Lesen Sie auchDie Bildungsminister wollen sich darin auf gemeinsame Empfehlungen zur Handynutzung an Schulen sowie zur Förderung der Medienkompetenz verständigen. Dazu gehöre auch die Frage, wie man im Unterricht mit Themen wie Cybermobbing und Fake News umgeht, sagte der Sprecher der Kultusministerkonferenz WELT. Der Deutsche Philologenverband fordert mit Blick auf den geplanten Beschluss und die erwarteten Handlungsempfehlungen der unabhängigen Expertenkommission „klare Empfehlungen zu privaten Smartphones in Schulen und verbindliche Regelungen zum Umgang von Kindern und Jugendlichen mit Social Media“. Schutz, Teilhabe und Befähigung von Kindern und Jugendlichen müssten dabei „altersangemessen betrachtet und umfassend über die Schule hinaus geregelt werden“, heißt es in einer Erklärung, die WELT vorab vorliegt. Die Nutzung von privaten Smartphones während der Schulzeit müsse „verbindlich“ geregelt werden, heißt es darin weiter. „Schulen brauchen einen rechtlich abgesicherten Rahmen, der nicht von Schule zu Schule neu ausgehandelt werden muss.“ Dass dies möglich sei, zeige etwa das Beispiel Schleswig-Holstein, wo seit August 2025 für die Jahrgangsstufen eins bis neun ein schulweites Nutzungsverbot für private Endgeräte außerhalb pädagogischer Zwecke und Notfälle gelte.Lesen Sie auchSusanne Lin-Klitzing, die Bundesvorsitzende des Philologenverbandes, schildert eindrucksvoll, was Lehrkräfte jeden Tag erlebten. „Schülerinnen und Schüler, die eigentlich lernen wollen, kämpfen gegen Chatnachrichten, Belohnungs-Push-Meldungen und Videos in Endlosschleifen an – und können sich dem kaum entziehen. Die neurowissenschaftlichen Befunde zeigen eindeutig: Das für Impulskontrolle und Reflexion zuständige Hirnareal ist bei Jugendlichen noch in der Reifung – während die dopamingesteuerten Belohnungsreaktionen, die soziale Medien und Messaging-Dienste gezielt aktivieren, bereits voll ausgeprägt sind“, so Link-Klitzing. Plattformen nutzten genau dieses Ungleichgewicht durch algorithmische Personalisierung und Bewertungsmechanismen, die darauf ausgelegt seien, Nutzungszeiten zu maximieren. „Wenn Kindern und Jugendlichen die Selbstdisziplin zugeschrieben wird, die selbst vielen Erwachsenen fehlt, dann entlastet das genau jene Plattform-Anbieter, die in die Pflicht genommen werden müssen.“ Lesen Sie auchBereits 60 Prozent der Schülerinnen und Schüler hätten ein suchtähnliches Nutzungsverhalten, so Lin-Klitzing. „Es ist keine allein pädagogische Frage – es braucht einen politisch-gesamtgesellschaftlichen Maßnahmenkatalog, damit auch die Schulen erfolgreicher darauf reagieren können.“„Kinder haben Recht, sicher in digitaler Welt aufzuwachsen“ Der Philologenverband erwarte daher, dass die anstehenden Handlungsempfehlungen der Expertenkommission den Umgang mit sozialen Medien „klar adressieren“, so die Vorsitzende. „Für Lehrkräfte ist es längst gelebte Realität, dass problematische Handynutzung den Unterrichtsalltag belastet – oft noch bevor der Schultag begonnen hat.“ Cybermobbing, jugendgefährdende Inhalte und Kontaktanbahnung durch Unbekannte seien Gefährdungslagen, die nicht mit einem schlichten Verweis auf Medienpädagogik abgetan werden dürften. „Die Plattform-Anbieter müssen gesetzlich verpflichtet werden, suchtfördernde Mechanismen für Minderjährige abzuschalten, Altersbeschränkungen technisch wirksam durchzusetzen und für Schäden zu haften, die durch ihr Produktdesign entstehen“, forderte Lin-Klitzing. „Wer Kinder schützen will, muss vor allem die regulieren, die von ihrer Aufmerksamkeit profitieren.“Nach Angaben einer Sprecherin von Bildungsministerin Prien will die Expertenkommission ihre Handlungsempfehlungen am 24. Juni vorstellen. Derzeit werde daran noch intensiv gearbeitet. Prien hatte in der Vergangenheit bereits angedeutet, dass es dabei um ein ganzes Bündel von Maßnahmen gehen werde.Lesen Sie auch„Kinder und Jugendliche haben ein Recht darauf, sicher, selbstbestimmt und kompetent in der digitalen Welt aufzuwachsen“, so Prien kürzlich auf einer Diskussion mit Schülern in Potsdam. Ein moderner Kinder- und Jugendmedienschutz müsse daher Schutz, Befähigung und Teilhabe zusammendenken. „Zudem wird entscheidend sein, dass die Plattformen stärker in die Verantwortung genommen werden, um sicherzustellen, dass Kinder bis zu einem gewissen Alter überhaupt keinen Zugang zu gefährlichen Inhalten auf Social-Media-Plattformen erhalten“, so Prien weiter. An einer wirksamen gesetzlichen Regulierung komme man daher nicht vorbei.Unterstützung bekommt Prien dabei von Bundesjustizministerin Stefanie Hubig (SPD). „Die negativen Auswirkungen von sozialen Medien sind längst bekannt. In unserem Rechtsstaat muss gelten: Wo es echte Gefahren gibt, braucht es klare Regeln und ein Schutzkonzept“, sagt Hubig. „Dabei geht es auch um Altersbeschränkungen und eine bessere Medienkompetenz.“Der Philologenverband forderte, bessere Voraussetzungen für eine umfassende Medienbildung als „verbindliche Querschnittsaufgabe in allen Fächern und Schulstufen zu schaffen, begleitet von einem eigenständigen Pflichtfach Informatik“. Schutz und Befähigung seien „keine Gegensätze“.Sabine Menkens berichtet über gesellschafts-, bildungs- und familienpolitische Themen.