E-Mails aus Nigeria, in denen ein Nachlassverwalter nach den Erben eines riesigen Vermögens fahndet? Bis vor wenigen Jahren sorgte ein solcher Betrugsversuch, auf Englisch Scam, vielleicht noch für Lacher auf einer Party oder im lockeren Smalltalk im Kollegenkreis. Mittlerweile haben die Zahl und die Qualität der Betrugsmaschen global stark zugenommen. So sind allein in Europa drei Viertel aller Volljährigen der Auffassung, im vergangenen Jahr das Ziel von organisierten Betrügerbanden geworden zu sein.Das geht aus der jüngsten repräsentativen Erhebung der Global Anti-Scam Alliance (GASA) hervor, die am Dienstag in Lissabon vorgestellt wird. Dafür hat die internationale Organisation, die sich gegen Onlinebetrug und Scams einsetzt, im April dieses Jahres weltweit knapp 59.000 Verbraucher in 42 Ländern befragt; in Europa waren es gut 22.260 Erwachsene in 15 Staaten, darunter Deutschland, Österreich, die Niederlande, die Schweiz und Großbritannien. Auf „bis zu 49 Milliarden Euro“ schätzen die Studienautoren die Gesamtsumme an Betrugsschäden in den teilnehmenden Ländern in Europa in den vergangenen zwölf Monaten. Der durchschnittliche Schaden beläuft sich auf 2735 US-Dollar, umgerechnet knapp 2500 Euro. Dabei bleibt die E-Mail das klassische Einfallstor für die erste Kontaktaufnahme mit ahnungslosen Verbrauchern oder Anlegern, gefolgt vom Telefonat mit Callcentern und der SMS.Misstrauen steigt europaweit – und auch der SchadenDie Sorge, Opfer eines Betrugs zu werden, steige im europäischen Vergleich uneinheitlich, heißt es im „State of Scams Report 2026“ von GASA. „Während die Besorgnis in Ländern wie der Schweiz, Frankreich, Deutschland und Dänemark am schnellsten zunimmt, lässt die Besorgnis in anderen Ländern, darunter Rumänien, Polen und dem Vereinigten Königreich, nach.“ Der Argwohn der Eidgenossen schnellte im Vergleich zum Vorjahr um sieben Prozentpunkte (2026: 51 Prozent) nach oben. Dagegen stagnieren die Werte auf hohem Niveau im Vereinigten Königreich und Rumänien (beide 62 Prozent) oder sind wie im Fall Polens leicht rückläufig (54 Prozent).Immerhin 71 Prozent aller Befragten meinen, sie könnten einen Betrugsversuch erkennen. Die größte Verunsicherung herrscht im Ländervergleich in Spanien und Deutschland: Hier fühlt sich jeder Dritte hilflos gegenüber Scam-Attacken am Telefon, per Messengerdienst oder E-Mail. Doch die Analyse zeigt auch, dass Erfahrungen mit früheren Betrugsfällen und das berühmte Bauchgefühl eben nicht automatisch vor weiteren Schäden schützen. Obwohl sie den Betrug wittern, gab knapp die Hälfte der Verbraucher an, trotzdem weiter mit den mutmaßlichen Tätern zu kommunizieren – und in immerhin 22 Prozent der Fälle führte das zum finanziellen Totalverlust. „Das Bewusstsein schützt nicht vor dem Schaden“, heißt es in dem Bericht.Im Ländervergleich landet Deutschland mit einem durchschnittlichen Schaden in Höhe von 3028 Dollar im Mittelfeld der Rangliste. Spitzenreiter bei den Schäden ist die Schweiz (6007 Dollar), gefolgt von Dänemark (4943 Dollar) und Belgien (4579 Dollar). Hier könnte eine Rolle spielen, dass Verbraucher und Anleger mehrfach Opfer einer Betrugswelle wurden. Die Geschwindigkeit, mit der kriminelle Netzwerke sich an neue Technologien anpassen, insbesondere an generative Künstliche Intelligenz, stellt zudem eine große Herausforderung für die Ermittlungsbehörden und die Betroffenen dar.Betrugsopfer: „Ich wurde wiederholt unter Druck gesetzt“So beschreibt ein Betrugsopfer aus Deutschland, beim Handel auf Onlineplattformen getäuscht worden zu sein. „Ich bin auf eine Ersteinzahlung von 250 Euro hereingefallen, die angeblich mithilfe von KI vermehrt wurde“, berichtet der Kapitalanleger, dessen Name im GASA-Bericht nicht genannt wird. Nach kurzer Zeit sei er gebeten worden, weitere 5000 Euro einzuzahlen, damit die vermeintlichen Händler das Geld einsetzen könnten. In dem Glauben, es seien schon Gewinne erzielt worden, wurde das Opfer weiter hingehalten. „Mir wurde gesagt, ich solle zwölf Prozent der Gewinne einzahlen. Als ich erklärte, dass ich kein Geld mehr habe, wurde ich wiederholt unter Druck gesetzt.“ Für die angebliche Kontoführung überwies die Person weitere 5000 Euro. Erst dann erstattete sie Strafanzeige bei der Polizei.Das Beispiel verdeutlicht, mit welchen Methoden die Täter arbeiten und über welche Zahlungswege das Geld der Betrugsopfer abfließt. Hier liegt die klassische Banküberweisung (29 Prozent) vor dem Betrug mit Debit- und Kreditkarten (26 Prozent). Mit deutlichem Abstand folgen dann Kryptowährungen und Sofortzahlungs-Apps (15 und 14 Prozent), was zeigt, dass Anbieter wie Paypal oder Klarna ebenfalls im Fokus der Betrügerbanden stehen. „Speziell in Deutschland spielt Bargeld nach wie vor eine relativ große Rolle“, schreiben die Autoren des Reports. Auch vermeintlich sichere Zahlungsmethoden würden weiterhin für Betrug genutzt werden.Die Ergebnisse der aktuellen Umfrage decken sich in Teilen mit den Angaben des jüngsten Lageberichts „Wirtschaftskriminalität“ des Bundeskriminalamts (BKA) vom Juli 2025. Darin berichtet die Behörde von einer deutlichen Zunahme der Fallzahlen in Deutschland, insbesondere bei Betrug. Besonders herausgestellt wurde das Internet als Ort der Tatbegehung, mit einem Zuwachs von mehr als 32 Prozent im Vergleich zur Erfassung im Vorjahr. „Die Anonymität des digitalen Raums ermöglicht es Tätern, Straftaten besser vorzubereiten, zu verschleiern und kriminelle Erträge schneller zu generieren“, sagten die Ermittler der Bundesbehörde damals.