Lucky Luke sitzt am Lagerfeuer, in der Hand eine Tasse, aus der es dampft. Was er denn hier im Märchenwald suche, fragen ihn die drei amerikanischen Ureinwohnerinnen, die ihn aufgesammelt haben. Er sei auf der Suche nach zwei deutschen Männern, sagt der Cowboy, und auf die Rückfrage „Deutsche?“ führt er vor, was das für Leute sind. Er marschiert im Stechschritt und skandiert dabei: „Achtung! Achtung! Abendbrot! Ordnung muss sein!“ Zur Verdeutlichung ist die Sprechblase mit Frakturschrift gefüllt.Natürlich muss Lucky Luke als Cowboy im Wilden Westen des neunzehnten Jahrhunderts keine genaue Kenntnis von deutschen Sitten und Redewendungen haben, auch wenn genügend Auswanderer von dort ihr Glück in Amerika suchen. Was er am Lagerfeuer aufführt, stößt bei seinen Gastgeberinnen auch auf keine Gegenliebe. „Es ist nicht lustig, sich über Stereotype lustig zu machen“, sagt eine von ihnen mit erhobenem Zeigefinger, und auf einmal ist man direkt in unserer Gegenwart.Niemand will die Märchen hörenAber woher hat der Cowboy sein Wissen über die Deutschen? Ganz sicher nicht von den beiden Männern, die er in einem Westernstädtchen aufgesammelt hat und nun im Märchenwald sucht, von deren ewiger Frage nach „Abendbrot“ einmal abgesehen. Denn die beiden treten nicht martialisch auf, der Stechschritt ist ihnen fremd, eher sanft, hilflos, verschroben, eigensinnig und meist bereit, sich in Lucky Lukes Hand zu begeben, um sich durch die Fremde leiten zu lassen. Sie sind zu allen Kompromissen bereit. Außer, wenn es um ihr Werk geht.Ihr Werk: Das sind die „Kinder- und Hausmärchen“ der Brüder Jacob und Wilhelm Grimm, erstmals 1812 erschienen und nachher immer wieder neu. Die Comicautoren Flix und Reinhard Kleist haben nun die Brüder Grimm für ein Abenteuer mit Lucky Luke nach Amerika geschickt. Dort sollen sie eine Lesereise durchführen, wobei sie fürchterlich scheitern: Niemand will ihre deutschen Märchen hören.Ein Pferd reicht für alle vier Bremer Stadtmusikanten: Jolly Jumper ist unfreiwillig versiert in animalischen Fremdsprachen.Story House Egmont/Lucky Luke Comics 2026Alles ändert sich, als sie auf den rettenden Gedanken kommen, die Arbeit, die sie in Kassel geleistet haben, in der Neuen Welt fortzuführen: also Märchen im Volk zu sammeln, aufzuschreiben und zu verbreiten. Dabei geraten sie ausgerechnet an die Mutter der bösen Brüder Dalton, Dauergegenspieler von Lucky Luke in zahlreichen Bänden der Comicreihe, in der die Grimms eine amerikanische Entsprechung zur berühmten Kasseler Märchenfrau Dorothea Viehmann sehen – beide sind alte Frauen mit einigen Kindern, denen sie doch sicher Märchen erzählt haben, glauben Jacob und Wilhelm. Warum sollte also „Ma“ Dalton nicht eine ebenso gute Quelle für ihr Werk sein wie einst Viehmann?An diesem Punkt der Handlung richtet sich der Blick des Autors Flix, von dem der Text dieses Bandes stammt, entschieden in die Gegenwart. Dabei nutzt er aus, dass „Märchen“ für uns eine doppelte Bedeutung hat. Einmal der klassische Typus von Geschichten wie die der Grimms, eingeleitet gern mit „Es war einmal“, geschlossen mit „Und wenn sie nicht gestorben sind ...“. Niemand würde solche Geschichten um Hexen, Könige, sprechende Tiere und verwunschene Schlösser für Tatsachenberichte halten. Die andere Bedeutung ist die der manipulativen Lüge. „Erzähl mir keine Märchen“ sagen wir, wenn wir eine Geschichte zurückweisen, die wir für wahr halten sollen.Mutter Dalton, kurz bevor sie das Märchen von ihren braven Söhnen erzähltStory House Egmont/Lucky Luke Comics 2026Die Mutter der Daltons erzählt nun die Geschichte von ihren kreuzbraven Söhnen und ihrem bösen Widersacher Lucky Luke. Der warnt die Brüder, aber sie verbreiten das Märchen trotzdem und haben damit einen riesigen Erfolg. Ihr Talent, eine Geschichte in die Welt zu befördern und damit viele Menschen zu beeinflussen, haben sie bewiesen. Und auch, wie man eine vielfach bezeugte Wahrheit – der gute Cowboy, die bösen Daltons – durch Erzählen in den Zweifel ziehen kann. Wer weiß, was stimmt, meint das Publikum, „die in Washington machen doch, was sie wollen“. Und öffnet damit den Fake News Tür und Tor.Sogar Jeff Bezos und Nick Cave bekommen hier AuftritteNatürlich lädt das zu Anspielungen auf Märchenmotive ein, Flix und Kleist machen das lustvoll und klug, wobei Kleist sich gekonnt in den Stil des „Lucky Luke“-Zeichners Morris einfühlt. Wenn der Cowboy – der hier als „Kuhhirte“ eingedeutscht wird – am Anfang für seine Dienste ein Goldstück bekommt und es im Verlauf der Handlung in immer kleinere Tiere eintauscht, läuft damit dezent das Märchen von „Hans im Glück“ mit. Die Bremer Stadtmusikanten haben einen Auftritt, in dem das Pferd Jolly Jumper alle vier Rollen auf einmal übernimmt.Flix, Reinhard Kleist: „Lucky Luke: Die Grimm Brothers“.Story House Egmont/Lucky Luke Comics 2026Ein Traum des Cowboys bringt ihn mit Rotkäppchen zusammen, Joe Dalton fungiert als böser Wolf, und am Ende liegt Lucky Luke im gläsernen Schneewittchensarg. „Doktor Allwissend“ hat seinen Gastauftritt, das Wort „Lumpengesindel“ notieren sich die Brüder fix als Märchentitel, und auch Jeff Bezos als Einzelhändler oder der „Simpsons“-Barkeeper Moe laufen zusammen mit Nick Cave als Jesse James kurz durch die sehr vergnügliche Geschichte, die dadurch mehr und mehr zur Wundertüte wird.Gewöhnen muss man sich an die Art, wie Kleist die Brüder optisch voneinander absetzt – Wilhelm groß und dünn, Jacob viel kleiner und eher stämmig –, und auch das Selbstverständnis der Grimms, wie es hier dargestellt wird, mag man hinterfragen. Denn die Legende, dass sie ausschließlich oder auch nur überwiegend mündliche Erzählungen in ihre Sammlung aufgenommen hätten, ist längst widerlegt.Auch zu den Brüdern Grimm gibt es jedenfalls Stereotypen, führt dieser Comic vor. Mit aller Ironie und allem Ernst, die dafür angebracht sind.