Es ist eine merkwürdige Zeit. Die Menschen trauen der Koalition nichts zu – gleichzeitig gibt es große Erwartungen. Tatsächlich suchen Union und SPD immer noch nach der gemeinsamen Reformagenda, die das Land in schwieriger Zeit so dringend braucht. Es ist schwer vorstellbar, dass die Regierung an diesem Mittwoch am großen Tisch mit den Arbeitgebern und den Gewerkschaften die Strategie entwickeln wird, die den Standort voranbringen wird. Wahrscheinliches Szenario ist vielmehr: Die Gäste klagen alle, aber dummerweise jede Seite über etwas anderes. Damit wäre man hinterher auch nicht weiter als vorher.Wer wenig zahlt, wird entlastet; wer viel zahlt, soll noch mehr zahlenAuch bei der geplanten Reform der Einkommensteuer sind die Erwartungen inzwischen erstaunlich groß. Die Arbeitsministerin hat sie am Wochenende weiter angeheizt. Bärbel Bas sagte nonchalant, mindestens um die 500 Euro mehr im Jahr müssten es schon sein. Hat sie das mit ihrem Ko-Parteivorsitzenden besprochen? Bisher hat Lars Klingbeil vage von einigen Hundert Euro gesprochen. Als Finanzminister muss er die Kosten einer Steuersenkung für den Fiskus im Blick haben.Unten im Tarif, wo die Koalition ansetzen will, drohen besonders hohe Ausfälle. Ein lediger Arbeitnehmer, der durchschnittlich verdient, zahlt heute nach Klingbeils Daten nicht ganz 6500 Steuern im Jahr. Ein verheirateter Alleinverdiener mit zwei Kindern kommt demnach auf eine Steuerlast von etwa 2650 Euro – im Gegenzug erhält er mehr als 6100 Euro Kindergeld. In beiden Fällen drücken die Sozialabgaben viel stärker. Mehr als 10.000 Euro sind es bei einem durchschnittlich verdienenden Arbeitnehmer. Warum die Koalition diese Gruppe über das Steuerrecht entlasten will, bleibt ihr Geheimnis.Die SPD plant einen stärkeren Zugriff auf die höheren Einkommen, um die Steuerreform finanzieren zu können: Wer viel zahlt, soll noch mehr zahlen. Ob das ein Anreiz ist, mehr zu leisten? Das aber sollte das Ziel sein, wenn Wachstumsschwäche chronisch geworden ist. Wer alles nur durch die Brille der Umverteilungspolitik sieht, wird den Standort nicht voranbringen. Dass nach dem Treffen der Regierung mit den Sozialpartnern alle Hosianna rufen, ist nicht zu erwarten.