Ungarische Minderheit in der Ukraine – ein ewiger Zankapfel zwischen Budapest und KiewViktor Orban hat die ungarische Minderheit in der Ukraine für seine Konflikte mit Kiew instrumentalisiert. Nach dem Regierungswechsel in Budapest ist endlich ein Durchbruch möglich. Das grösste Problem der Ungarn in der Ukraine bleibt aber bestehen.09.06.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenDas Kulturhaus von Berehowe ist zweisprachig – ukrainisch und ungarisch – angeschrieben, wie viele Einrichtungen der Stadt.Thomas Peter / ReutersZur Mittagszeit strömen Studenten aus dem prachtvollen Gebäude der privaten Ferenc-Rakoczi-II.-Universität auf den Hauptplatz von Berehowe. Einige unterhalten sich auf Ukrainisch, andere auf Ungarisch. Die meisten springen mühelos zwischen den beiden Sprachen hin und her.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Kleinstadt Berehowe im äussersten Südwesten der Ukraine ist das Zentrum des ungarischen Lebens im Land – und auch darüber hinaus ein besonderer Ort. Der Platz mit dem Universitätsgebäude, einem Justizpalast aus kaiserlich-königlicher Zeit, verströmt habsburgisches Flair. Die Oblast Transkarpatien, in der Berehowe liegt, ist erst seit 1945 Teil der Ukraine. Vom übrigen Land wird sie durch den Karpatenbogen abgetrennt, daher ihr Name. In der Zwischenkriegszeit gehörte die Provinz, die heute an Ungarn, Rumänien und die Slowakei grenzt, zur Tschechoslowakei. Davor war die gesamte Grossregion Teil von Österreich-Ungarn.Etwa 80 000 Menschen zählt die ungarische Minderheit in der Ukraine noch. Ihre Sprache ist nicht nur im privaten Umfeld präsent. Die Strassen sind zweisprachig angeschrieben, viele Geschäfte sind es ebenso.Müheloser Wechsel zwischen den SprachenIm Restaurant, wo es neben ukrainischen Gerichten auch eine lokale Schnitzelspezialität mit Paprika zu essen gibt, unterhalten sich die Kellnerinnen auf Ungarisch. Spricht sie ein Gast auf Ukrainisch an, wechseln sie in die Landessprache. Gelebte Zweisprachigkeit, möchte man aus Schweizer Perspektive sagen.Zwei Vertreterinnen der ungarischen Minderheit in Berehowe in traditioneller Tracht.Adrien Vautier / ImagoDoch so einfach ist es nicht. Die Lage der ungarischen Minderheit war immer ein heikles Thema in der Ukraine, und vor allem ein stark politisiertes. Viele Konflikte mit der Regierung von Viktor Orban in Budapest drehten sich in den letzten Jahren darum.Mehr noch als in Rumänien und der Slowakei trat Orban in der Ukraine als aggressiver Fürsprecher der ungarischen Minderheit auf. Lange vor dem Streit um die Instandsetzung der Pipeline Druschba, durch die Ungarn über ukrainisches Territorium russisches Öl erhält, begründete Orban in der EU seine Blockadehaltung gegen die Ukraine mit dem ungenügenden Minderheitenschutz im Land.Die Interessen jener, die er zu schützen vorgab, vertrat Orban damit freilich nur bedingt. Schliesslich wünschen sich auch die ungarischen Ukrainer einen EU-Beitritt. Ende 2023 wandten sich Wortführer der Minderheit sogar in einem offenen Brief an Orban mit der Bitte, Beitrittsverhandlungen nicht länger im Wege zu stehen – vergeblich.Nach dem Machtwechsel in Budapest gibt es erstmals Fortschritte. Zwar hatte auch Orbans Nachfolger Peter Magyar Kiew eine Liste mit Forderungen zu den Minderheitenrechten präsentiert. Das Thema bewegt in Ungarn nicht nur Orbans Partei.Aber schon nach wenigen Wochen haben sich die beiden Regierungen auf einen Kompromiss geeinigt. Ohne auf die Details einzugehen, erklärte Magyar vor einigen Tagen in Brüssel, dass alle Streitpunkte mit der Ukraine ausgeräumt seien und Ungarn den Weg für die Aufnahme von EU-Beitritts-Verhandlungen freimache. Sogar die Möglichkeit eines symbolträchtigen Treffens mit Präsident Selenski in Berehowe steht im Raum.Ein Markt in Berehowe.Danylo Pavlov / WAPO / GettyFriedliches ZusammenlebenAus ukrainischer Sicht ist die schnelle Einigung der Beweis dafür, dass Orban die Minderheitenfrage stets nur als Vorwand für seine prorussische Politik diente. «Es gibt kein Minderheitenproblem bei uns. Das gab es nie», sagt Miroslaw Bilezki, der Militärgouverneur von Transkarpatien, in seinem Büro. Neben Ukrainern und Ungarn leben in der Provinz auch Rumänen, Roma und Slowaken. Früher gab es auch bedeutende jüdische und deutsche Gemeinden.Miroslaw Bilezki, Militärgouverneur der Provinz Transkarpatien.NZZ«Wir leben friedlich zusammen. Unsere Ungarn sind genauso ukrainische Bürger wie alle anderen auch. Sie lieben ihr Land und kämpfen dafür», sagt Bilezki und zeigt auf die Flagge eines lokalen Regiments, das im Donbass stationiert ist. Soldaten hatten es ihm geschenkt. Auch der Kommandant der berühmtesten Drohneneinheit des Landes ist ethnischer Ungar und trägt den Rufnamen «Magyar». An seiner Loyalität zur ukrainischen Armee hat er nie einen Zweifel gelassen.Orban hatte mehrmals den Vorwurf erhoben, Kiew zwinge die Angehörigen der ungarischen Minderheit zum Kriegsdienst, um sie an der Front zu verheizen. Im Wahlkampf schickte er seinen Aussenminister nach Moskau, um dort medienwirksam die Freilassung zweier ungarischstämmiger Kriegsgefangener auszuhandeln.«Wir wollen Rechtssicherheit»Auch Sandor Zan Fabian bestreitet nicht, dass die Minderheitenfrage politisch missbraucht wurde. «Es war nicht gut für uns, dass die Ukraine im ungarischen Wahlkampf eine so grosse Rolle gespielt hat. Wir wollen nicht zwischen die Fronten geraten», sagt der protestantische Bischof von Berehowe. Die meisten Ungarn in Transkarpatien sind Calvinisten. Auch ein Teil der ungarischsprachigen Roma gehört zu seiner Gemeinde.Sandor Zan Fabian, protestantischer Bischof von Berehowe.NZZDies macht Zan Fabian, der dank einem längeren Aufenthalt in Ostdeutschland fliessend Deutsch spricht, zu einem wichtigen Interessenvertreter der ungarischen Gemeinschaft in der Ukraine. Die meisten Einrichtungen der Minderheit erhielten offen oder verdeckt Gelder aus Budapest und stehen deshalb unter dem Verdacht, ein Sprachrohr Orbans zu sein. Für Zan Fabians Kirche gilt das nicht.Die Instrumentalisierung ändert laut dem Bischof aber nichts daran, dass bei den Minderheitenrechten Handlungsbedarf besteht. «Rein rechtlich ist die Situation für uns schlechter als zu Sowjetzeiten», sagt der Kirchenmann in seinem Amtssitz in einer stattlichen Villa unweit des Stadtzentrums von Berehowe.Wenn er auf dem Friedhof eine Abdankung auf Ungarisch abhalte, breche er strenggenommen ukrainisches Recht, sagt Zan Fabian. Tatsächlich ist laut dem Sprachengesetz von 2019 im öffentlichen Leben die Verwendung der ukrainischen Sprache in der Regel Pflicht. Das Gesetz war gegen das Russische gerichtet, traf als Kollateralschaden aber auch andere Minderheitensprachen.Auch für die zweisprachigen Strassenschilder gibt es keine Rechtsgrundlage. Ein Schulabschluss ist auch in einer ungarischen Schule nur auf Ukrainisch möglich. «Wir werden zwar toleriert», sagt der Bischof. «Aber wir wollen nicht auf Wohlwollen angewiesen sein, sondern wollen verbriefte Rechte. Wir Ungarn leben hier schliesslich seit tausend Jahren.»Die ungarische Sprache ist im Alltag lebendig, etwa hier in einer zweisprachigen Metzgerei. Doch selbst in ihrer einstigen Hochburg sind die Ungarn nur noch eine Minderheit.Thomas Peter / ReutersFesthalten an der IdentitätIn den Worten des Bischofs schwingt ein Unbehagen mit über die Überhöhung von allem Nationalen in der Ukraine seit dem russischen Überfall. Für die Befindlichkeiten einer Minderheit bleibe wenig Platz, wenn immer nur vom ukrainischen Volk die Rede sei, sagt Zan Fabian.«Ich stelle unsere Zugehörigkeit zur Ukraine nicht infrage. Diese Zeiten sind vorbei», sagt der Bischof und zeigt auf eine habsburgische Karte mit ungarischen Kirchenprovinzen von den Karpaten bis an die Adria. «Aber wir halten an unserer Identität fest.»Er grüsse deshalb jeden auf Ungarisch und verwende konsequent die ungarischen Ortsnamen, Beregszasz statt Berehowe und Unterkarpaten statt Transkarpatien. Jenseits der Karpaten liege die Region nur, wenn man von Osten auf sie blicke. «Besonders für die Zugezogenen ist mein Verhalten eine Provokation.»Überalterung und EmigrationDamit lenkt der Bischof das Gespräch auf jene Entwicklung, die vielleicht am stärksten für das diffuse Bedrohungsgefühl in der ungarischen Minderheit verantwortlich ist – und die auch durch gestärkte Minderheitenrechte kaum aufgehalten werden kann: der demografische Wandel.Die Sprachpolitik im Schulwesen ist ein grosser Streitpunkt zwischen Kiew und Budapest. Im Bild eine ungarischsprachige Grundschule.Adrien Vautier / ImagoSeit dem Ende der Sowjetunion ist die ungarische Gemeinschaft in der Ukraine um etwa 70 000 Personen geschrumpft, wegen Überalterung und Emigration. Der Krieg verstärkt den Trend. Auch drei der vier Kinder von Zan Fabian leben mittlerweile im Ausland.Gleichzeitig sind seit Kriegsbeginn Hunderttausende Menschen aus dem Osten der Ukraine ins relativ sichere Transkarpatien gezogen, auch in die ungarischen Gebiete um Berehowe. Dort ist das ungarische Erbe zwar weiterhin spür- und sichtbar. Doch selbst in ihrer einstigen Hochburg sind die Ungarn mittlerweile in der Minderzahl.«Die Konfirmation findet bei uns traditionellerweise an Auffahrt statt. Dieses Jahr ist sie in meinem Heimatdorf aber ausgefallen, weil es keine Konfirmanden gab. Auch getauft habe ich noch kein einziges Kind», sagt der Bischof. «Was für eine Zukunft haben wir da?»Passend zum Artikel