Die Landeshauptstadt von Nordrhein-Westfalen wollte einen spektakulären Entwurf des Architekturbüros Snøhetta umsetzen. Doch wie in fast allen deutschen Kommunen fehlt es an Geld – und an Mut zu kulturpolitischer Weitsicht.09.06.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenDie Foyers des geplanten Opernhaus-Neubaus für Düsseldorf sollten sich zur Stadt und zum umliegenden Shopping-Quartier öffnen. Der Entwurf von Snøhetta wird nicht realisiert.Mir/SnøhettaDas Projekt sollte von einer stadtplanerischen Vision und von kulturpolitischer Weitsicht künden: Ein «Opernhaus der Zukunft» wollte die Stadt Düsseldorf bauen, als Ersatz für das 1956 wiedererrichtete, inzwischen schwer sanierungsbedürftige Gebäude der Deutschen Oper am Rhein. Es gab sogar schon einen aufsehenerregenden Entwurf für das neue Haus, das nebenbei einen «Lost Place» – eine geschlossene Karstadt-Filiale – mitten im Zentrum beseitigt hätte. Aus einem hochkarätig besetzten Wettbewerb war Ende 2025 das Architekturbüro Snøhetta als Sieger hervorgegangen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Seit Snøhetta das spektakuläre Opernhaus im Fjord vor Oslo errichtet hat, definieren die Norweger die Massstäbe im modernen Theaterbau. Sie waren unter anderem in der Auswahl für die neue Oper in Hamburg und erbauen derzeit das Grand Opera House in Schanghai. Ihr Entwurf für Düsseldorf mit einer markanten dreigeteilten Silhouette hätte mehrere Kulturinstitutionen unter einem Dach vereinen sollen. Doch aus den hochfliegenden Plänen wird nichts: Am Freitag hat der Oberbürgermeister das Projekt gestoppt.MilliardenkostenAls Grund für das unvermittelte Aus wird die angespannte Haushaltslage der Landeshauptstadt von Nordrhein-Westfalen angeführt. Angesichts explodierender Baupreise und -zinsen habe die Gefahr bestanden, dass das Projekt aus dem Ruder laufe. Gemäss Schätzungen hatten sich die Belastungen für den kommunalen Haushalt zuletzt auf bis zu 1,8 Milliarden Euro summiert.Oberbürgermeister Stephan Keller, der das jahrelang diskutierte Vorhaben zeitweise zur Chefsache erklärt hatte, steht seit dem Entscheid im Kreuzfeuer der Kritik. Auch wegen bereits entstandener Kosten in Millionenhöhe für Gutachten, Grundstückskäufe und den Architekturwettbewerb. Einzig die Linke begrüsste das Ende eines «unverantwortlichen Prestigeprojekts».Die Stadtregierung dürfte bei ihrem Schritt indes das Beispiel des doppelt so grossen Nachbarn Köln vor Augen gehabt haben, mit dem man sonst aufgrund einer liebevoll gepflegten Rivalität wenig zu tun haben möchte. In der Millionenstadt rheinaufwärts ist das befürchtete Szenario eingetreten: Die Kosten für die Sanierung von Schauspiel- und Opernhaus sind dort infolge immer neuer Verzögerungen um das Sechsfache angewachsen, auf fast 1,5 Milliarden Euro.Angesichts solcher Summen wurde der aus baulichen Gründen überfällige Ersatz der Doppelanlage aus Opern- und Schauspielhaus in Frankfurt am Main bereits auf Eis gelegt. In Stuttgart, wo man das Desaster der Deutschen Bahn beim Bau des Hauptbahnhofs ständig vor Augen hat, rechnen Experten unterdessen mit einer Verdoppelung der Kosten für die Renovation des Württembergischen Staatstheaters – auf zwei Milliarden Euro.Weiter soIn den genannten Fällen rächt sich, dass Infrastruktur und Bühnentechnik der meisten städtischen Theater in Deutschland seit Jahrzehnten vernachlässigt oder auf Verschleiss gefahren werden. Hinzu kommen stetig weiterverschärfte gesetzliche Bestimmungen beim Brand- und beim Arbeitsschutz. Die Neubauten in Frankfurt und Düsseldorf sollten darüber hinaus einem gestiegenen logistischen Bedarf an Lager- und Probenräumen Rechnung tragen.Am Main wie am Rhein wird man nun bis auf weiteres in den bestehenden Häusern weiterspielen – eine Lösung, alles andere als visionär, die längerfristig zu noch höheren Kosten führen könnte. Als Ersatz für den kulturellen Leuchtturm von Snøhetta soll in Düsseldorf das marode Opernhaus an der Heinrich-Heine-Allee «ertüchtigt» werden – der Stadtrat will dafür zunächst 25 Millionen Euro bewilligen. Heine, der grosse Sohn der Stadt, hätte wohl einen spöttischen Reim darauf gemacht.Passend zum Artikel
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