Lieber zuschlagen als abwarten: In Libanon zeigt sich Irans neue SicherheitsdoktrinLange Zeit hatte Iran versucht, einem offenen Krieg aus dem Weg zu gehen. Jetzt beantwortet es einen israelischen Luftangriff auf Beirut mit einem direkten Vergeltungsschlag. Doch der neue Kurs birgt Risiken.09.06.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenEine iranische Rakete steckt in einem Feld in Syrien. Am Sonntag schoss Teheran zum ersten Mal seit langem wieder Geschosse auf Israel ab.Ghaith Alsayed / APSommer 2025: Irans Sicherheitsberater Ali Larijani ist zu Besuch in Libanons Hauptstadt Beirut. Normalerweise ist ein solcher Termin für einen hohen Vertreter des Teheraner Regimes ein Heimspiel. Seit Jahren ziehen die Iraner im chaotischen Levante-Staat die Fäden und sponsern mit dem Hizbullah eine Miliz, die stärker ist als die nationale Armee.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Doch zu diesem Zeitpunkt liegt Iran am Boden. Die Teheraner Führung hat zwei regelrechte Horrorjahre hinter sich. Nachdem sie vom Hamas-Angriff auf Israel am 7. Oktober 2023 offenbar auf dem falschen Fuss erwischt worden war, sahen die Männer um den Revolutionsführer Ali Khamenei scheinbar tatenlos zu, wie ihre Macht im Nahen Osten in sich zusammenfiel.Erst pulverisierte Israel die Hamas und den Gazastreifen, dann dezimierte es Teherans Kronjuwel, den stolzen Hizbullah, dessen Chef Hassan Nasrallah 2024 bei einem Luftangriff getötet wurde. Kurz darauf brach in Syrien das mit Iran befreundete Asad-Regime zusammen. Und im Juni 2025 flogen israelische Kampfflugzeuge sogar ungehindert Angriffe auf Teheran selbst.Die Zeit der Geduld ist vorbeiDie mächtige Islamische Republik war gedemütigt. Entsprechend wurde Larijani in Beirut behandelt. Nawaf Salam, Libanons neuer, prowestlicher Ministerpräsident, stauchte ihn vor versammelter Mannschaft zusammen. Iran, so der Tenor, befand sich auf dem absteigenden Ast. Drohungen aus Teheran wurden kaum mehr ernst genommen.Knapp ein Jahr später hat sich der Wind gedreht. Zwar wurde Larijani im März beim israelisch-amerikanischen Angriff auf seine Heimat getötet. Larijanis Nachfolger schlagen jedoch andere Töne an. Erneut zeigt sich das in Libanon. Als Israel trotz wiederholten Warnungen nicht aufhörte, angebliche Hizbullah-Stellungen in Beirut zu bombardieren, schlugen die Iraner zurück.Zum ersten Mal seit Inkrafttreten des Waffenstillstands mit den USA feuerten sie am Sonntag Raketen auf Israel ab. Zwar wurden die Geschosse allesamt abgefangen. Doch die Botschaft war klar: Fortan würde Teheran keine Angriffe in Beirut mehr tolerieren. Die Zeit der sogenannten strategischen Geduld – wie Irans Militärangehörige ihre Zurückhaltung stets nannten – ist vorbei.Israelische Sicherheitskräfte untersuchen die Überreste einer abgefangenen iranischen Rakete im Norden Israels.Rami Shlush / APIran, so scheint es, verfolgt jetzt eine neue Sicherheitsdoktrin: zuschlagen statt abwarten. Vorwärtsverteidigung statt symbolischer, halbgarer Antworten. Damit will das Land offenbar verlorengegangenes Prestige zurückholen – und in der Region wieder an Einfluss gewinnen.Strasse von Hormuz als TrumpfkarteDas neu gefundene Selbstbewusstsein Teherans ist ironischerweise ein Produkt des letzten grossen Nackenschlags, welchen die Führung dort hinnehmen musste. Denn ausgerechnet Amerikas und Israels Frontalangriff auf das scheinbar taumelnde Regime im Frühling dieses Jahres führte zum strategischen Wandel.Zuvor hatten sich die Iraner immer vor einem grossen Krieg gefürchtet. Doch nachdem ihnen der Kampf schliesslich aufgezwungen worden war und sie das Stahlgewitter trotz Verlusten einigermassen überstanden hatten, hatten die Machthaber in Teheran nichts mehr zu verlieren. Das Worst-Case-Szenario war eingetreten. Von nun an konnte es kaum noch schlimmer werden.Zudem erkannten die Iraner, dass sie über mehr Macht verfügten, als sie ursprünglich angenommen hatten. Denn die Sperrung der Strasse von Hormuz und die Raketenbarragen auf die fragilen Petrostaaten am Golf, mit denen Iran auf den Grossangriff reagierte, erwiesen sich innert kürzester Zeit als Trumpfkarten.Tanker in der Strasse von Hormuz: Mit der Sperrung der Meerenge versucht Teheran, seine Interessen durchzusetzen.Amirhosein Khorgooi / Wana via ReutersDie von Donald Trump und Benjamin Netanyahu als Zeitenwende angedachte Offensive verpuffte. Im anschliessenden, zähen Ringen um ein Abkommen haben die leidensfähigen Iraner offenbar die Nase vorn. Inzwischen treiben sie Amerikaner und Israeli beinahe vor sich her – mit Maximalforderungen wie etwa einem Waffenstillstand in Libanon.Neue Leute mit neuen IdeenDie neue Denkweise in Iran ist aber nicht nur der unmittelbaren Lage geschuldet. In Teheran waren jüngere Kader schon länger unzufrieden mit der konservativen Vorgehensweise der alten Militärelite unter dem Revolutionsführer Ali Khamenei. Die Veteranen hatten den blutigen Iran-Irak-Krieg der achtziger Jahre miterlebt und fürchteten sich vor risikoreichen Schritten.Die Jüngeren hingegen sahen, wie Iran angeblich die Felle davonschwammen. Als Israeli und Amerikaner dann die alte Garde mitsamt Khamenei senior in den ersten Tagen des Krieges umbrachten, kamen neue Leute mit neuen Ideen ans Ruder. Seither ist das Auftreten der Iraner forscher geworden.Am Golf fordern sie inzwischen, die Strasse von Hormuz in einen privaten Wasserweg mit Gebühren zu verwandeln, und lassen sich von Trumps Drohungen genauso wenig beeindrucken wie von seiner Seeblockade. In Libanon nutzen sie die Konzeptlosigkeit der Israeli aus, die mit ihrer Armee einmarschiert sind, um dem Hizbullah den Garaus zu machen, sich nun aber in einem brutalen Guerillakrieg wiederfinden.War die Schiitenmiliz vor ein paar Monaten noch am Ende gewesen, so kann sie sich jetzt im zerstörten und entvölkerten Südlibanon unter strammer iranischer Führung als Widerstandsgruppe gegen die feindlichen Besetzer profilieren. Dass die Verbündeten aus Teheran ihr im Gegensatz zu 2024 jetzt auch mit Raketen zur Hilfe kommen, stärkt ihre Moral zusätzlich.Die Israeli treiben den Preis in die HöheZudem versuchen die Iraner, mit ihrem Eingreifen in Beirut unter Trump und Netanyahu Zwietracht zu säen. Denn während Trump den Krieg im Nahen Osten lieber heute als morgen beenden will, stemmt sich Netanyahu mit aller Macht gegen einen Waffenstillstand in Libanon, der für ihn einen Rückschlag bedeuten würde. Entsprechend beantwortete er Teherans Attacke am Sonntag mit einer Welle von Vergeltungsschlägen auf Iran.Doch der neue, harte Kurs der Iraner birgt auch Risiken. Er hinterlässt nicht nur in Libanon – welches von den Iranern als Nebenschauplatz missbraucht wird – verbrannte Erde, Wut und Entsetzen, sondern auch in den übrigen arabischen Ländern. Vor allem aber könnten Irans Trumpfkarten schneller an Wert verlieren, als es der Führung in Teheran lieb ist.Zwar paralysiert die gesperrte Strasse von Hormuz derzeit die Weltwirtschaft. Es ist aber nicht ausgeschlossen, dass in einigen Monaten alternative Transportwege für Öl und Gas bereitstehen. Für die neuen Machthaber in Teheran, die aus den Reihen der Revolutionswächter kommen, tickt daher die Uhr. Irgendwann müssen die korrupten Militärs ihrer drangsalierten Bevölkerung zumindest wirtschaftlich wieder Perspektiven bieten.Der Krieg ist für das wirtschaftlich angeschlagene Iran eine grosse Belastung. Mit dem Eingreifen in Libanon wird sie nicht kleiner. Die Israeli scheinen zurzeit trotz Trumps Aufforderung, das Feuer einzustellen, entschlossen, den Preis für Teheran in die Höhe zu treiben. Am Montagmorgen flogen ihre Kampfflugzeuge fast ununterbrochen Einsätze gegen Iran. Daran konnte auch die neue Doktrin nichts ändern.Passend zum Artikel
Irans neue Sicherheitsdoktrin: Lieber zuschlagen als abwarten
Lange Zeit hatte Iran versucht, einem offenen Krieg aus dem Weg zu gehen. Jetzt beantwortet es einen israelischen Luftangriff auf Beirut mit einem direkten Vergeltungsschlag. Doch der neue Kurs birgt Risiken.














