Der andere BlickEin Arbeitsvermittler benennt Missstände und wird fristlos gekündigt. Solch ein Vorgehen höhlt das Vertrauen in den Staat aus. Behörden sind den Bürgern Rechenschaft schuldig.09.06.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenKritik ist im Jobcenter Bremen nicht erwünscht. Die Stadt spricht von Diffamierung. (Symbolbild)Lisis Niesner /Reuters.Sie lesen einen Auszug aus dem Newsletter «Der andere Blick am Morgen», heute von Susann Kreutzmann, Redaktorin der NZZ Deutschland. Abonnieren Sie den Newsletter kostenlos. Nicht in Deutschland wohnhaft? Hier profitieren.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Der Umgang mit öffentlich geäusserter Kritik ist wohl für jeden Arbeitgeber heikel. In Bremen erhielt jetzt ein langjähriger Mitarbeiter des Jobcenters die fristlose Kündigung, nachdem er sich in einer ZDF-Dokumentation ungewohnt offen über Fehlanreize, mangelnde Vermittlungserfolge und hohen Missbrauch beim Bürgergeld geäussert hatte.Dabei gab der Mann keine Geheimnisse preis, sondern sprach aus, was viele Menschen auch beobachten: Beim System des Bürgergelds, das ab Juli Grundsicherung heisst, läuft etwas gewaltig schief.Das drastische Vorgehen seines Arbeitgebers, der Stadt Bremen, ist nicht nur politisch unsensibel, es zeugt auch von einer nicht vorhandenen Fehlerkultur. Vertrauen wird nicht durch das Benennen von Missständen beschädigt, sondern durch ihre beharrliche Leugnung.Die zuständige sozialdemokratische Sozialsenatorin Claudia Schilling sieht das offenbar nicht so. Sie wirft dem entlassenen Mitarbeiter Diffamierung vor. Das Interview war mit der Behördenleitung nicht abgesprochen. Juristisch mag die Stadt vielleicht im Recht sein. Diese Frage wird ein Arbeitsgericht beantworten, denn der Mitarbeiter will klagen. Klug hat sie aber nicht gehandelt.Der Mitarbeiter handelte verantwortungsbewusstDas Jobcenter sollte vielmehr davon ausgehen, dass ein Arbeitsvermittler nach zwanzig Dienstjahren weiss, mit welchen Tricks die Bezüger von staatlichen Leistungen das System ausnutzen und wo die Schwachstellen liegen. Im Normalfall würde solche Kritik als Impuls für eine Selbstkorrektur gesehen und nicht mit einer Kündigung beantwortet werden.Zumal sich der Mann in der ZDF-Dokumentation sachlich und ausgewogen äussert. Es wird klar, dass er aus tiefer Überzeugung die Missstände benennt – nicht um seinem Arbeitgeber zu schaden, sondern weil er sie beseitigen will. Ihn stört, dass die Hauptaufgabe des Jobcenters sei, Geld auszugeben, wie er es benennt.Die Reaktion der Stadt Bremen nährt den ohnehin bestehenden Verdacht, dass im politischen Raum ungeliebte Wahrheiten lieber verschwiegen als diskutiert werden. Das Bürgergeld macht inzwischen fast zehn Prozent des gesamten Bundeshaushalts aus.Behörden müssen Rechenschaft ablegenEtwa 5,5 Millionen Menschen bekommen die staatliche Leistung, rund 3,8 Millionen gelten als erwerbsfähig. Es ist verständlich, dass die jährlich steigenden Ausgaben sozialer Sprengstoff sind. Und es ist das Recht der Bürger, die dieses System finanzieren, zu erfahren, was hinter den Behördentüren schiefläuft. Behörden sind der Öffentlichkeit Rechenschaft schuldig.Zumal der Arbeitsvermittler mit seinen Beobachtungen keineswegs isoliert dasteht. Es ist offensichtlich, dass sich das Verhältnis von Fordern und Fördern einseitig verschoben hat. Wenn Bezüger von staatlichen Leistungen beispielsweise grundsätzlich Behördentermine schwänzen, ist es ein Gebot der Gerechtigkeit, dass sie mit Sanktionen belegt werden. Damit wird niemand unter Generalverdacht gestellt, wie die Bremer Sozialsenatorin behauptet. Es wäre zu wünschen, dass auch die Stadt das einsieht.Der politische Flurschaden ist unabhängig vom Ausgang der arbeitsgerichtlichen Auseinandersetzung enorm: Der Sozialstaat lebt von der Akzeptanz derer, die ihn finanzieren. Diese schwindet, wenn der Eindruck entsteht, berechtigte Kritik aus der Praxis werde unterdrückt. Besonders Behörden sollten Debatten über Schwachstellen aushalten und Kritiker nicht zu Feinden erklären.Passend zum Artikel