PfadnavigationHomePolitikDeutschlandARD-Arena„Da muss ich hart widersprechen“ – Klingbeil gerät bei Fragen des Publikums ins SchwitzenStand: 00:42 UhrLesedauer: 5 MinutenLars Klingbeil (SPD) in der Live-Sendung in der ARD-ArenaQuelle: picture alliance/dpa/Annette RiedlKrieg, Migration, Bürgergeld – Lars Klingbeil stellt sich in der „ARD-Arena“ live kritischen Fragen aus dem Publikum. Nicht immer überzeugen die Antworten des Vizekanzlers. Und manche will nicht jeder hören.Als „brütend heiß“ beschrieb Moderator Louis Klamroth die Temperatur im Fernsehstudio der ARD-Arena. Finanzminister Lars Klingbeil (SPD) kam wohl auch deshalb sichtbar ins Schwitzen, als er sich am Montagabend live den Fragen der Bürger stellte.Dabei waren dem Vizekanzler weite Teile des Publikums durchaus wohlwollend gesinnt. Das zeigte sich nicht nur an den Aussagen, bei denen Klingbeil den meisten Applaus erntete, sondern auch an einigen Fragen, die das Publikum ihm stellte.Warum ein Soldat bei der Bundeswehr in der Ausbildung „vier bis fünfmal“ so viel Geld bekomme als er, der im Rathaus sein Freiwilliges Soziales Jahr ableiste, will ein junger Mann aus Bremen wissen. Eine junge Frau fordert, dass Sexarbeit in Deutschland endlich verboten wird. Ein Schüler beklagt, dass die Zahlen von Rechtsextremismus an den Schulen „explodieren“ würden und will wissen, warum Gelder für demokratiefördernde Projekte gestrichen werden. Klingbeil erwidert, dass er hart dafür gekämpft habe, dass beispielsweise die Förderung von „Demokratie leben“ bestehen bleibt. Als ein Zuschauer beklagt, dass in Hagen eine viel befahrene Brücke seit zwei Jahren gesperrt ist und erst in zehn Jahren saniert sein soll, verspricht der Vizekanzler mehr Tempo bei Infrastrukturmaßnahmen, um auf den Wohnungsbau überzuleiten. Als Sozialdemokrat wolle er Obergrenzen bei den Mietpreisen einführen, um die „Preistreiberei in den Städten“ einzudämmen.Lesen Sie auchDas Publikum erlaubt es Klingbeil, viele SPD-Wohlfühlthemen abzuarbeiten. Als ein Mann aus Erfurt die seit Jahrzehnten bestehende Ungleichheit bei den Löhnen zwischen Ost- und Westdeutschland anprangert, kommt er auf fehlende Tarifverträge zu sprechen und verweist auf die Verantwortung der Unternehmen. Öffentliche Aufträge sollten nicht an diejenigen vergeben werden, die die Löhne „immer weiter nach unten treiben und Lohndumping auf dem Rücken der Beschäftigten betreiben“. Dafür gibt es Applaus. Der Mann im Publikum widerspricht – mittelständischen Firmen wie seinem Arbeitgeber müsse es einfacher gemacht werden, beispielsweise wenn es darum geht, Personal von der Agentur für Arbeit zu bekommen. Sein Problem sei zudem nicht der fehlende Mindestlohn, sondern dass er als Ausgelernter nur zwei Euro pro Stunde mehr als diesen verdiene. Der Finanzminister bleibt dabei: „Die beste Rentenpolitik ist eine gute Lohnpolitik.“Einige Bürger nutzen die Gelegenheit auch, um dem Vizekanzler kritische Fragen zu stellen. Eine Dresdnerin stellt eine „Gerechtigkeitsfrage“ zum Bürgergeld. Aktuell würden 5,2 Millionen Menschen in Deutschland die Sozialleistung beziehen, 3,8 Millionen davon seien arbeitsfähig, schildert sie korrekt. „Wieso holen wir da Busfahrer aus Südafrika, Pflegekräfte von den Philippinen?“ Während sie die Frage stellt, schüttelt ein junger Mann neben ihr mit dem Kopf. Lesen Sie auchAuch Klingbeil warnt vor pauschalen Debatten. Es werde nie die Frage sein, ob man Bürgergeldempfänger besser qualifiziere oder Arbeitskräfte aus dem Ausland kommen lasse. Deutschland habe einen riesigen Fachkräftemangel, bekräftigt der Finanzminister und erhält dafür wieder Applaus. „Wir brauchen beides. Wenn wir nicht lernen, dass wir ein Land sein müssen, das Integration lebt und wir hier Menschen herzlich willkommen heißen, dann verspielen wir unsere Zukunft“, mahnt Klingbeil in Richtung der Bürgerin.Zudem verweist Klingbeil darauf, dass ein Missbrauch des Systems nach den von der Regierung beschlossenen Reformen entschieden bekämpft werde, beispielsweise wenn jemand „vier, fünfmal“ nicht zu einem Termin beim Jobcenter auftauche. Bei vielen anderen Fällen gebe es aber „ganz individuelle Gründe, warum jemand vielleicht auf dem Zettel arbeitsfähig ist, aber das eigentlich nicht kann“.Lesen Sie auchAuch an anderer Stelle wird Klingbeil beim Thema Migration deutlich. Eine Frau aus Schleswig-Holstein bezieht sich auf Klingbeils Parteikollegin Bärbel Bas. Die Arbeitsministerin behauptete jüngst, dass es in Deutschland keine Einwanderung in das deutsche Sozialsystem gibt. Dem entgegen würden Bürgermeister stehen, die Alarm schlagen, weil Zuwanderer „in Minijobs und Teilzeit Sozialgelder kassieren“ würden. Hinzu komme das Auslandskindergeld. Die Antwort darauf könne doch nicht sein, dass die Mindestlöhne hoch müssen. „Wir brauchen mehr Kontrollen“, fordert die Frau aus Schleswig-Holstein. Sie habe das Gefühl, dass Deutschland gerade auf Kosten der Steuerzahler vor seinem eigenen Sozialrecht kollabiere. Klingbeil: „Migration macht dieses Land reicher“Er und Bas würden diese Sorgen sehr ernst nehmen, beteuert Klingbeil, Schwarzarbeit und Steuermillionäre würden bereits härter bekämpft werden. Dann setzt der Vizekanzler erneut zu einer Warnung an, die an eine andere Äußerung von Bas zu Zuwanderung erinnert: Menschen mit Migrationsgeschichte dürften nicht „komplett in Verruf geraten. Das ist das Falscheste, was man machen kann. Dafür will ich kämpfen. Wir sehen, dass Migration dieses Land reicher macht – an kultureller Vielfalt, aber auch ökonomisch.“ Er wolle, dass Flüchtlinge, die nach Deutschland kommen, künftig noch viel schneller in Arbeit kommen.Auch beim Thema Ukraine-Krieg geht die Meinung Klingbeils mit manchem im Publikum auseinander. Ein Mann fragt angesichts vier Jahren Krieg mit über einer Million Toten, ob die Bundesregierung eine Taktik oder einen „Ausstiegspunkt“ habe. Menschen seien durch deutsche Munition „in Leid gebombt worden“, der deutschen Wirtschaft gehe es schlecht, weil Deutschland zu viel Geld „verzockt“ habe.Es gebe einen Menschen, der den Krieg jeden Tag beenden könne, entgegnet ihm Klingbeil entschieden. „Das ist Wladimir Putin. Da muss ich hart widersprechen. Dem ist es egal, was mit seinen eigenen Leuten passiert.“ Der Bürger merkt an, dass die Taktik der Bundesregierung trotzdem „bescheuert“ sei, weil sie nichts bringe. „Da kommen wir wohl nicht zusammen“, fasst Moderator Klamroth den Dialog zusammen.saha