Es war eine heftige Kollision, die sich Anfang des Jahres zwischen zwei Ministern in Bayern ereignete. Worte wie „Fake News“, „Schlingerkurs“ und „schlechter Stil“ flogen zwischen Finanzminister Albert Füracker (CSU) und Digitalminister Fabian Mehring (Freie Wähler) hin und her. Via Pressemitteilung stritten sie um die Frage, ob der Freistaat seine Zusammenarbeit mit dem US-Riesen Microsoft durch neue Vereinbarungen ausweiten (Füracker) oder in Zukunft zurückfahren sollte (Mehring).Während der eine mit Pragmatismus und finanziellen Vorteilen für den Staat argumentierte, warnte der andere vor der Unberechenbarkeit der USA unter Präsident Donald Trump. Diese könnten sich über amerikanische Konzerne Zugriff auf bayerische Daten verschaffen und „unserer Verwaltung den sprichwörtlichen Stecker ziehen“, so Mehring. Auch Experten warnten vor digitaler Abhängigkeit. Nach wenigen Tagen unterband Ministerpräsident Markus Söder (CSU) den öffentlichen Streit. Der Zwist sei nun „vollständig beigelegt“, verkündete sein Staatskanzleichef nach einer Sitzung des Kabinetts, „alles geklärt“. Die Kontrahenten gaben Ruhe.SZ Bayern auf Whatsapp:Nachrichten aus der Bayern-Redaktion – jetzt auf Whatsapp abonnierenVon Aschaffenburg bis Berchtesgaden: Das Bayern-Team der SZ ist im gesamten Freistaat für Sie unterwegs. Hier entlang, wenn Sie Geschichten, News und Hintergründe direkt aufs Handy bekommen möchten.Ein halbes Jahr später zeigt sich, dass längst nicht alle Fragen geklärt sind. Fürackers Finanzministerium hat die Verhandlungen über eine Bündelung sämtlicher Microsoft-Verträge in Land und Kommunen zu einer Art Bayernlizenz zwar erst einmal gestoppt. Es betont auf SZ-Anfrage aber, dass eine „ergebnisoffene Neubewertung der IT-Ausstattung der Staatsverwaltung“ abzuwarten sei. Soll heißen: Es ist nicht ausgemacht, dass Bayerns Ministerien und Behörden tatsächlich bald ohne weitverbreitete Programme wie Word, Teams oder Outlook arbeiten werden, wie es zum Beispiel Schleswig-Holstein seit einiger Zeit versucht.Im vergangenen Jahr überwies die Staatsregierung 49 Millionen Euro an MicrosoftDenn unberührt von der Debatte über die Zusammenführung von Verträgen läuft eine 2023 vom Digitalministerium geschlossene Rahmenvereinbarung zwischen Microsoft und dem Freistaat weiter. Und zwar bis Ende 2027. Eine Kündigung sei „nur aus wichtigem Grund möglich“, teilt Mehrings Haus mit. Die Zeit brauche man zudem, um mögliche Alternativen zu den bestehenden Systemen zu prüfen und zu etablieren. Ob das Land schon in eineinhalb Jahren so weit ist, ist fraglich. Auch inwiefern die Kommunen dann eingebunden werden, für die Füracker bei Microsoft Rabatte herausschlagen wollte.Anfang des Jahres gerieten Digitalminister Mehring (links) und Finanzminister Füracker aneinander. Foto: Sven Hoppe/dpaAllein im vergangenen Jahr flossen 49 Millionen Euro für Geräte und Programme von der Staatsregierung an den US-Konzern, wie eine Anfrage der Grünen im Landtag ergab. „Die Ausgaben für Microsoft-Lizenzen sind seit 2020 um mehr als 60 Prozent gestiegen“, kritisierte Benjamin Adjei, Grünen-Sprecher für Digitales. „Bayern bewegt sich damit faktisch in ein dauerhaftes Abo-Modell bei einem einzelnen US-Anbieter.“Nun soll also der Richtungswechsel kommen. Das Digitalministerium hat jüngst ein Pilotprojekt unter dem Titel „Souveräner Arbeitsplatz“ angekündigt. Während einer Erprobungsphase soll alternative Software getestet werden, neben Marktangeboten auch Lösungen des deutschen Zentrums für digitale Souveränität der öffentlichen Verwaltung (ZenDiS) sowie bayerische Eigenentwicklungen. Der Test soll bis zum kommenden Jahr rund 40 Arbeitsplätze im Digitalministerium umfassen. Am Ende des Versuchs soll ein „souveräner Basisarbeitsplatz“ stehen, der mittelfristig „als neuer Standard“ für die gesamte Staatsverwaltung dienen soll. Wann es so weit ist, steht nicht fest.Freie-Wähler-Politiker Fabian Mehring:Sägt da einer am Stuhl von Hubert Aiwanger?Nur Landwirtschaft und Migration reichen nicht für die Zukunft der Freien Wähler, sagt Digitalminister Mehring. Und tritt oft als Kontrastprogramm zu Parteichef Aiwanger auf. Ein Ehrgeizling, sagen die einen. Jung und ambitioniert, findet er selbst. Ein Porträt.„Wir haben keine Zeit mehr, um wohlfeil über die Bedeutung digitaler Souveränität zu diskutieren“, findet Mehring. „Angesichts der geopolitischen Lage müssen wir aus dem Reden ins Machen kommen.“ Auf Instagram feierte sich der Minister jedenfalls schon mal als Sieger im Streit mit Füracker: „Bayerns umstrittener Microsoft-Deal fällt aus!“Auch aus der Opposition gab es Anerkennung. „Dass sich Digitalminister Mehring gegen den teuren Microsoft-Kurs des Finanzministers durchgesetzt hat, rechne ich ihm an“, sagte der SPD-Abgeordnete Florian von Brunn. „Aber ein einzelnes Modellprojekt in einem Ministerium ist noch lange kein souveränes Bayern.“ Es brauche nun ein klares Konzept für den Umstieg. Der Grüne Adjei forderte: „Die Staatsregierung muss jetzt offenlegen, wie sie künftig Abhängigkeiten reduziert, Kosten kontrolliert und tragfähige Alternativen aufbaut.“Im Finanzministerium, das unter anderem für die staatlichen Rechenzentren und die Sicherheit in der IT zuständig ist, sieht man sich längst auf dem richtigen Weg. Souveräne Arbeitsplätze seien im eigenen Bereich „bereits etablierte und bewährte Praxis“, teilt ein Sprecher mit. Die 51 Ämter für Digitalisierung, Breitband und Vermessung zum Beispiel „nutzen weit überwiegend Open-Source-Lösungen und Eigenentwicklungen“. Open Source sind Anwendungen, deren Codes transparent und nicht in der Hand eines einzelnen Konzerns sind. „Sie stehen damit seit vielen Jahren für eine erfolgreiche Umsetzung einer Open-Source-Strategie.“ Es dürfte auch weiterhin Gesprächsbedarf zwischen den beiden Ministerien geben.