KommentarDer Iran interessiert sich nicht für Libanon – mit seinen Raketen auf Israel will er Trump testenDas Regime versucht, angebliche Differenzen zwischen Trump und Netanyahu auszunutzen und damit Konzessionen am Verhandlungstisch zu erzwingen. Washington sollte hart bleiben.08.06.2026, 16.40 Uhr4 LeseminutenÜberreste einer Rakete sind nach dem jüngsten Schlagabtausch zwischen Israel und Iran in einem Feld in Syrien gelandet.Ghaith Alsayed / APIn den vergangenen zwei Jahren hat Iran Hunderte von ballistischen Raketen auf Israel abgefeuert. Trotzdem markieren die Salven am Sonntag und am Montag eine neue Entwicklung: Zum ersten Mal hat Teheran das Feuer eröffnet, ohne dass vorher iranische Ziele angegriffen worden wären. Stattdessen vergalten die Iraner einen israelischen Angriff auf Hizbullah-Ziele in der libanesischen Hauptstadt Beirut. Zuvor hatte die Schiitenmiliz den Norden Israels mit Raketen beschossen. Iran greift nun bewusst in diesen Schlagabtausch fernab seiner Grenzen ein.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Als Teheran im April 2024 zum ersten Mal in seiner Geschichte Raketen gegen den jüdischen Staat losschickte, rächte es sich damit für einen israelischen Angriff gegen die iranische Botschaft in Damaskus. Im Oktober desselben Jahres erfolgte eine Raketensalve zwar ebenfalls als Reaktion auf Angriffe Israels auf Beirut, bei denen Hassan Nasrallah, der Chef der von Iran protegierten Hizbullah-Miliz, getötet worden war. Vor allem aber übte Iran Vergeltung für die Tötung des Hamas-Chefs Ismail Haniya in Teheran.Nun haben die Iraner nicht nur unilateral angegriffen, sondern auch eine zweimonatige Waffenruhe mit Israel unilateral beendet. Die Frage stellt sich: Was ist das Kalkül dahinter?Teheran sieht eine GelegenheitAnders als behauptet, interessiert sich Teheran nicht wirklich für die libanesischen Schiiten und schon gar nicht für Libanon und seine kriegsgeplagte Bevölkerung. Das iranische Regime hat monate- und jahrelang tatenlos zugeschaut, wie die Israeli die von ihm aufgebaute Schiitenmiliz zerrieben und Dörfer in Südlibanon zerstört haben. Die Iraner schickten nicht viel mehr als Durchhalteparolen – was innerhalb des Hizbullah für einige Verstimmung sorgte.Erst seit einigen Wochen verlangt Teheran in den Verhandlungen mit den USA ultimativ, dass ein Abkommen über ein Kriegsende auch einen Waffenstillstand in Libanon und einen Abzug von Israels Truppen einschliessen müsse. Natürlich geht es bei dieser Forderung auch darum, dass sich Iran die Fähigkeit erhalten will, über seine Stellvertretermilizen Israel zu bedrohen und die Region zu destabilisieren. In seinem Selbstverständnis ist das iranische Regime noch immer eine Ordnungsmacht im Nahen Osten.Vor allem aber dienen die Libanon-Frage und die Raketenangriffe auf Israel als Testballon: Die Iraner wollen herausfinden, ob sie am Verhandlungstisch amerikanische Zugeständnisse und Garantien erzwingen können. Wenn sich Präsident Donald Trump dazu bringen lässt, die unberechenbaren Israeli nachhaltig in die Schranken zu weisen, wird er womöglich auch in zentraleren Fragen wie etwa dem Atomprogramm zu Kompromissen bereit sein, so die Überlegung.Teheran glaubt augenscheinlich, dass der Moment günstig sei: In den letzten Wochen haben sich Berichte über einen Zwist zwischen Trump und Benjamin Netanyahu in Bezug auf den Krieg in Libanon gehäuft. Jüngst hat Trump sogar bestätigt, Israels Ministerpräsidenten in einem Telefonat als «verrückt» bezeichnet zu haben. Aus iranischer Sicht bietet sich nun die Gelegenheit, diese Kluft zwischen Washington und Jerusalem zu vertiefen. Tatsächlich forderte der amerikanische Präsident am Sonntagabend Netanyahu in einem Telefonat auf, von Vergeltungsschlägen abzusehen – was dieser allerdings ignorierte.Nicht das Ende der DiplomatieDas iranische Regime wird nun genau beobachten, ob Trump in den kommenden Tagen Netanyahu tatsächlich zurückbinden will und wird. Teherans Strategie geht allerdings von der Annahme aus, dass das Zerwürfnis zwischen den beiden Staatschefs tatsächlich so tief reicht, wie dies «Leaks» und Medienberichte nahelegen. Insofern riskieren die Mullahs, dass ihr Kalkül nach hinten losgeht. Denn auch die USA und Israel können nun herausfinden, zu wie viel Eskalation Teheran wirklich bereit ist, um sich in der Libanon-Frage im Einzelnen und in den Verhandlungen um ein Kriegsende im Allgemeinen durchzusetzen.In jedem Fall sollte Trump nun hart bleiben und daran festhalten, dass die Kriegsschauplätze in Libanon und Iran getrennt behandelt werden. Denn einerseits kann es nicht sein, dass Israel sich nicht gegen die anhaltenden Angriffe des Hizbullah verteidigen kann. Und andererseits wäre es fatal, wenn ein allfälliges Abkommen mit Teheran implizit den iranischen Einfluss in Beirut anerkennen und legitimieren würde. Libanon ist ein souveräner Staat, der zudem die Bereitschaft zeigt, mit Israel über eine Friedenslösung zu verhandeln und den Hizbullah zu entwaffnen.Die jüngsten Raketenangriffe markieren nicht das Ende der Diplomatie im Iran-Krieg. Vielmehr scheint das geschwächte iranische Regime mit einem riskanten Manöver Bewegung in die festgefahrenen Verhandlungen bringen zu wollen. Auch wenn es stets behauptet, die Zeit auf seiner Seite zu haben, ist klar, dass die derzeitige Situation auch für Teheran nicht langfristig tragbar ist. Doch die Gefahr besteht, dass solche Angriffe eine unkontrollierbare Eskalationsspirale auslösen, die sich nicht so schnell wieder stoppen lässt.Passend zum Artikel