«Politische Einmischung» und «diskriminierende Behandlung»: Irans Nationalteam darf nur an Spieltagen amerikanischen Boden betretenErstmals steht bei einer Fussball-WM ein Gastgeberland im Krieg mit einer teilnehmenden Nation. Der Visa-Streit um Irans Nationalteam hat nun die nächste Eskalationsstufe erreicht.Niels Bossert08.06.2026, 14.03 Uhr3 LeseminutenNur wenige Fans haben sich am Flughafen von Tijuana versammelt, um Irans Nationalteam zu empfangen.Mario Tama / Getty Images South AmericaKommt ein Nationalteam im Gastgeberland an, kommt meist zum ersten Mal so etwas wie WM-Stimmung auf. Fans drängen sich an die Absperrungen, bemalen ihre Gesichter in Landesfarben und rufen die Namen der Spieler, die den Pokal gewinnen sollen. Fahnen flattern, Autogramme werden verteilt.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Im Fall von Iran steht die Ankunft aber symbolisch für das heikelste Politikum der WM-Geschichte. In Tijuana empfingen das iranische Nationalteam am Sonntagmorgen mehr Soldaten der mexikanischen Sicherheitsgarde als Fans. Der Teambus hielt kurz am Eingang des Flughafens. Eine Handvoll Anhänger streckte eine grosse Landesflagge in die Höhe. Wenig vorher hatte sich der Konflikt um die Visa-Vergabe der USA für den Kriegsgegner erneut verschärft.Iran muss die USA zwei Stunden nach Abpfiff verlassenNach wochenlangem Warten erhielten die Spieler und der Trainer am Freitag ihre Einreisegenehmigungen. Doch viele Delegationsmitglieder bekamen keine. Rund fünfzehn Offizielle, unter anderen Mehdi Taj, der Präsident des iranischen Fussballverbands, erhielten kein Visum, wie der iranische Botschafter Abolfazl Pasandideh in Tijuana erklärte. Medien berichten, Taj sei früher Kommandant der iranischen Revolutionswächter gewesen.Die USA stufen die Revolutionswächter als Terrororganisation ein. Das Aussenministerium erklärte, Amerika wolle verhindern, dass Iran die WM nutze, «um unter falschem Vorwand Terroristen einzuschleusen». Formal gehören die Revolutionswächter jedoch zum Militär, weshalb auch Wehrpflichtige eingezogen werden.Mehdi Taj liess verlauten, dass die iranische Delegation nicht wisse, «welche weiteren Schandtaten die Amerikaner am Flughafen noch begehen werden». Er drohte, beim Weltfussballverband (Fifa) Protest einzulegen. Die iranische Botschaft in der Türkei sprach von politischer Einmischung und «diskriminierender Behandlung». Die Delegation sei informiert worden, dass sie nur an Spieltagen amerikanischen Boden betreten dürfe und diesen noch am gleichen Tag wieder verlassen müsse.Das letzte Gruppenspiel Irans gegen Ägypten findet am 27. Juni in Seattle statt und beginnt dort erst um 20 Uhr Ortszeit. Die Stadt liegt mehr als 1700 Kilometer vom WM-Quartier der Iraner in Tijuana an der amerikanisch-mexikanischen Grenze entfernt. Nach dem Abpfiff bleiben dem Team nur knapp zwei Stunden, um die USA rechtzeitig zu verlassen.«Jeder wird willkommen sein», sagte Gianni InfantinoUrsprünglich wollte die iranische Delegation ihr WM-Camp in Tucson im Bundesstaat Arizona aufschlagen. Doch offenbar intervenierten die US-Behörden. Ende Mai musste das Team also umplanen; auf Einladung der mexikanischen Präsidentin Claudia Sheinbaum zog es nach Tijuana. Sheinbaum erklärte, sie habe auf Bitten der Fifa gehandelt.Die nächste Eskalation in diesem politischen Drahtseilakt dürfte nicht lange auf sich warten lassen. In Los Angeles, wo die ersten zwei Gruppenspiele Irans stattfinden, lebt die grösste iranische Diaspora. Deshalb werden Massenproteste gegen das Regime erwartet. Dabei soll die vorrevolutionäre Flagge mit dem goldenen Löwen auch im Stadion wehen – obwohl die Fifa Protestbotschaften verboten hat.In Teheran will die Regierung solche symbolischen Akte um jeden Preis verhindern. Das gilt auch für einen Boykott der Nationalhymne, wie ihn das Frauenteam an der Asienmeisterschaft praktiziert hatte. Vor der Abreise des Nationalteams in das Trainingslager in der Türkei schworen Vertreter des Regimes die Spieler rigide auf Staatslinie ein. Exilmedien berichten, dass der iranische Fussballverband, das Sportministerium und die Revolutionswächter gezielt Reisen für regimenahe Zuschauer finanzieren, um die Tribünen zu dominieren.Während der Fifa-Präsident Gianni Infantino stets von der «grössten, inklusivsten und grossartigsten WM der Geschichte» schwärmt, steht ein anderer Superlativ bereits längst fest: Es ist die politischste WM der Geschichte.Passend zum Artikel