Mit der positiven Antwort auf die Frage, ob Kimi Antonelli zum ersten Mal in dieser Saison keine Position beim Start verlieren würde, war auch schon nach ein paar Hundert Metern geklärt, wie dieser Große Preis von Monaco enden würde: mit dem jüngsten Sieger der Geschichte, 19 Jahre und 256 Tage alt. Dem Italiener half dabei nicht nur, dass die Kupplungshebel hinter dem Lenkrad des Silberpfeils inzwischen passgenau um seine Finger herum modelliert worden sind, sondern auch seine ureigene Abgeklärtheit.Die zog sich über 78 Runden eines Formel-1-Rennens hindurch, das wie immer bei der antiquierten Hafenrundfahrt kein Grand Prix im herkömmlichen Sinne war. Diesmal aber wurde die Prozession durch Begleiterscheinungen wie eine eigenwillige Tempomessung in der Boxengasse, reihenweise versagende Bremsen und Motoren und am Ende durch einen aufbrechenden Asphalt in die Länge gezogen wie ein Finale von Tennisprofi Alexander Zverev. Insgesamt dreimal musste der Motorsport-Klassiker gestartet werden, bis feststand, was von Anfang an klar zu sein schien: Antonelli hat schon im zweiten Lehrjahr die Meisterprüfung bestanden. Wem fünf Siege in Serie gelingen, lehren die Statistiker, der wird am Ende der Saison Champion.MeinungSieg bei French Open:Alexander Zverev ist jetzt nie mehr der UnvollendeteSchon die samstägliche Qualifikation entlang des ehemaligen Piratenfelsens, die als die eigentliche Herausforderung gilt, meisterte Antonelli so bravourös, dass Mercedes-Konzernchaf Ola Källenius von einer „Runde für die Geschichtsbücher“ sprach. Der Manager mit Wurzeln im Motorsport lieferte auch gleich die Psychoanalyse mit: „Du wirst schneller, wenn das Selbstvertrauen da ist.“ Belegt ist das auch durch den direkten Vergleich mit Teamkollege George Russell, der gerade wirkt, als sei er in eine Sinnkrise gestürzt. Das Rennen konnte er nur auf Rang 13 beenden. „Es hat nicht klick gemacht“, konstatiert der 28-Jährige. „Ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, wie sich mein Rennjahr so entwickeln konnte.“Russell benutzt für sein Schicksal die umgangssprachliche englische Vokabel bamboozled, die so viel wie ausgetrickst bedeutet – nur dass er das auf sich selbst beziehen muss. Verwirrung trifft es wohl besser, auch darüber, wie der junge Kollege so schnell Fakten schaffen und zu jedermanns Liebling werden konnte. Die Rivalität dürfte Russells Verunsicherung noch verschärfen. Inzwischen hat der Brite auch seinen zweiten Platz in der Gesamtwertung an Landsmann Lewis Hamilton verloren. Dass der Nächstbeste nach nur sechs Rennen schon 66 Zähler hinter Antonelli liegt, ist zu diesem Zeitpunkt der Saison äußerst bemerkenswert. Er scheint eins zu sein mit seinem Auto, dem stärksten im Feld.Woher die Konstanz von Kimi Antonelli kommt, erklärt Teamchef Toto Wolff mit einer hohen KognitivitätBestechend am Gipfelstürmer ist nicht nur seine Abgeklärtheit in kniffligen Rennsituationen, sondern auch die jugendliche Leichtigkeit. Warum in der Siegerloge erst den Fürsten begrüßen, wenn der ihm doch wenig später ohnehin den Pokal überreichen wird? Lieber in die italienische Flagge gehüllt nach vorn stürmen und den unten stehenden Mechanikern seine Freude entgegenbrüllen. Muss man auch erst mal schaffen, der ebenfalls in der Menge wartenden Hamilton-Gefährtin Kim Kardashian frech die Show zu stehlen.So einer tut der Königsklasse gut. Der Druck auf Antonelli wird weiter wachsen, bislang begegnet er allen Unkenrufen, dass er fortan den Weltmeistertitel nur noch verlieren könne, mit entwaffnend einfacher Logik: „Wie soll ich etwas verlieren, das ich noch gar nicht besitze?“ Diese Rhetorik gehört zur Schule seines direkten Ausbilders Peter Bonnington, der zuvor die strategische Seele an der Seite von Lewis Hamilton gewesen war. Seine Vorgehensweise ist es, immer und immer wieder die Grundlagen mit seinen Fahrern durchzugehen. Das Rennfahrerleben als Checkliste zu begreifen, ist wenig glamourös, aber es erdet – und scheint erfolgreich zu sein.Wie viel Druck tatsächlich auf dem Musterschüler von Mercedes-Teamchef Toto Wolff lag, offenbarte sich, als er sich nach zweieinhalb Stunden aus seinem Cockpit gequält hatte: Erst ballte er die Fäuste für die Galerie, dann faltete er die Hände nach oben in den Himmel, bevor er seinen Dienstwagen streichelte. In der Schlussphase hatte Antonelli ein einziges Mal ein wenig Paranoia gezeigt, als er bei der Auffahrt zum Casino mit hoher Stimme an den Kommandostand funkte, dass sich da was komisch anhöre. Aber Ausfallerscheinungen hatten nur die Konkurrenten. Er solle sich keine Sorgen machen, gab Bonnington zurück, um kurz darauf doch mahnend einzugreifen: Die Furcht hatte seinen Schützling in eine schnellste Runde getrieben. „So etwas brauchen wir nicht!“, verfügte „Bono“, wohl wissend, dass da einer seinen Lauf hat.Hamilton umarmte als Erster seinen Nachfolger bei Mercedes, die Freude war ehrlich, der Rekordchampion fühlte sich vermutlich an seinen eigenen Aufstieg im Silberpfeil erinnert. Der 41-Jährige bescheinigte Antonelli einen außergewöhnlichen Job: „Und er wiederholt ihn Wochenende für Wochenende.“ Woher diese Konstanz kommt, erklärt der Mann, der das Talent schon im Alter von elf Jahren unter Vertrag genommen hatte, mit einer hohen Kognitivität: „Obwohl er so jung ist, hat er schon die ganze Bandbreite“, sagte Toto Wolff. Antonelli sei kaum zu bremsen momentan, und er versuche das auch gar nicht mehr: „Vielleicht bringen wir ihn aus dem Rhythmus, wenn wir ihn bitten, langsamer zu fahren.“ Und ein irritierter Fahrer im Team ist für Mercedes mehr als genug.
Formel 1 in Monaco: Kimi Antonelli stiehlt selbst Kim Kardashian frech die Show
Der Mercedes-Pilot zeigt in Monaco bei seinem fünften Formel-1-Sieg in Serie, dass er schon im zweiten Lehrjahr die Meisterprüfung bestanden hat.













