«Kokain ist die am meisten akzeptierte illegale Droge in der Gesellschaft», sagt ein Arzt und fordert mehr PräventionEinst als Droge der Schönen und Reichen bekannt, ist Kokain längst in allen Bevölkerungsschichten angekommen. Laut der jüngsten Analyse der Stiftung Sucht Schweiz nimmt der Konsum hierzulande weiter zu. Wer ist am meisten betroffen?08.06.2026, 12.11 Uhr3 LeseminutenDer Energiekick, der in die Sucht führt: Kokain ist nach Cannabis die am weitesten verbreitete illegale Substanz in der Schweiz.ImagoDie Ärztin nimmt es und der Elektriker. Der Student und die Kellnerin. Auch so mancher Journalist tut es, der Polizist, der Fernfahrer. Es gibt keine Branche, kein Alter, kein soziales Milieu, in dem die Menschen hierzulande nicht Kokain konsumieren würden. Das ist das, was die Zahlen der jüngsten Analyse der Stiftung Sucht Schweiz erzählen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Kokain ist laut der Studie von Ivo Krizic, Camilla Sculco und Frank Zobel nach Cannabis die am weitesten verbreitete illegale Substanz in dem Land. Während offizielle Befragungen von etwa 60 000 Konsumierenden ausgehen, deuten andere Quellen wie Abwasseranalysen darauf hin, dass es bis zu 150 000 Menschen sind, die regelmässig Koks schnupfen. Ihre Motive: Sie wollen ihre Müdigkeit besiegen, lange leistungsfähig sein, Stress wegdrücken oder einfach dazugehören. Sie ziehen schnell eine weisse Linie, sie wollen den Energiekick, ordern im Internet oder bei ihrem Stammdealer. Der Durchschnittspreis liegt seit Jahren bei knapp 100 Franken pro Gramm. Mit dem weissen Pulver, das sie durch die Nase jagen, fühlen sie sich wie die Grössten. Zumindest eine Stunde lang, dann lässt die Wirkung nach.Jahr um Jahr liefern die Forschungen immer höhere Zahlen. Der Konsum nimmt seit den 2000er Jahren kontinuierlich zu, auch weil die Produktion in Südamerika zunimmt. In Zürich, aber auch in Genf und Bern hätten sich die Kokainrückstände im Abwasser seit 2012 mehr als verdoppelt, heisst es in dem Bericht. Ein Rückgang in den vergangenen zwei Jahren ist laut Forschern lediglich in Basel zu sehen. Das aber, so sagen sie, könnte auch mit Veränderungen in den Kläranlagen zusammenhängen.Vor allem junge Männer greifen zu Kokain«Kokain wird als Leistungswerkzeug wahrgenommen. Es ist die am meisten akzeptierte illegale Droge in der Gesellschaft, praktisch normalisiert», sagt Philip Bruggmann von Arud, dem Zentrum für Suchtmedizin in Zürich. Der Internist arbeitet seit 23 Jahren in der Suchtmedizin und sieht praktisch täglich, wie die Menschen vom Gefühl der Unbesiegbarkeit nach ihrer ersten Line bei regelmässigem Konsum immer mehr in eine Spirale aus körperlichen, psychischen und sozialen Problemen geraten.Die meisten Konsumenten, so heisst es in der Studie, seien Männer zwischen 18 und 34 Jahren. Sie sind sozial bestens integriert, haben eine abgeschlossene Berufsausbildung oder einen Hochschulabschluss und eine Arbeitsstelle. Vor allem in der Gastronomie, im Baugewerbe und in der Kunst- und Unterhaltungsbranche sei der Konsum besonders verbreitet, so steht es in der Analyse. «Es sind Berufsfelder mit viel Druck. Die Menschen müssen zu Zeiten performen, in denen andere nicht arbeiten. Für viele ist es oft schwierig, die Leistung zu bringen, die verlangt wird», sagt auch Philip Bruggmann.Vor allem junge Männer fühlten sich unverwundbar und meinten, sie hätten alles im Griff, erklärt er. Viele unterschätzten, wie schnell sie die Kontrolle verlören. Um die anfängliche Wirkung des Hochgefühls immer wieder zu spüren, griffen einige zu immer mehr Substanz. Glück und Freude empfänden viele der Konsumierenden nur noch durch Kokain. «Sie spüren gar nicht mehr, dass Essen oder Sport ebenfalls Freude bringen, sie haben es lange nicht mehr erlebt und müssen es in einer teilweise langjährigen Therapie wieder lernen», sagt Bruggmann. Dabei werden zuweilen auch andere psychische Erkrankungen festgestellt. Vor allem ADHS-Patienten sind gefährdet. Unterschiedliche Studien schätzen, dass etwa jeder vierte Erwachsene mit ADHS schon einmal Kokain genommen hat. Etwa jeder zehnte entwickelt eine Kokainsucht.Die illegale Substanz ist längst zum Treibstoff einer Gesellschaft geworden, die aufs Funktionieren aus ist. Die Kosten des Einzelnen: Isolation, paranoide Leere, kaputte Organe. Die Partydroge wird zur alltäglichen Sucht, Beziehungen gehen zu Bruch, die Schulden steigen. «Auf allen Ebenen kommt es zu Problemen. Manche verlieren komplett den Boden unter den Füssen», sagt Bruggmann.Was tun? «Ansprechen», sagt der Arzt. «Wenn der Eindruck entsteht, dass der Kollege oder die Kollegin sich verändert hat, dass die Leistung plötzlich abfällt, dass er oder sie nicht mehr die Person ist, die man zu kennen glaubt: auf sie zugehen und Unterstützung anbieten.» Auch die Prävention müsse zunehmen, Kampagnen – wie auch bei Alkohol und Zigaretten – müssten auf die Gefahren hinweisen, auf die Abhängigkeit, die Entwicklung von Toleranz. «Der Körper gewöhnt sich an den Stoff und verlangt nach mehr, um die gewünschte Wirkung zu erzielen.» Allein schaffe es der Abhängige da kaum heraus.Passend zum Artikel
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Einst als Droge der Schönen und Reichen bekannt, ist Kokain längst in allen Bevölkerungsschichten angekommen. Laut der jüngsten Analyse der Stiftung Sucht Schweiz nimmt der Konsum hierzulande weiter zu. Wer ist am meisten betroffen?












