Laura Wontorra zählt zu den bekanntesten Sport-Moderatorinnen – und wird bei der WM im Einsatz sein. Ein Gespräch über Königsfragen, Lampenfieber, Kritik – und eine jährliche Kur am Wörthersee.Zwölf Jahre ist es her, dass Deutschland den Titel bei der Fußball-WM gewann. Laura Wontorra, damals 25 Jahre alt, erlebte das Turnier in Brasilien. In Recife, wo der Fanclub Nationalmannschaft sein Quartier hatte, moderierte sie täglich ein kleines Bühnenprogramm für den mitgereisten Anhang. In den folgenden Jahren stieg sie zu einer der bekanntesten Sport-Moderatorinnen auf. Wenn nun am 11. Juni die WM in den USA, Kanada und Mexiko beginnt, gehört ihr die ganz große Bühne: Sie arbeitet vor Ort für MagentaTV an der Seite der Top-Experten Jürgen Klopp, Mats Hummels und Thomas Müller.WELT AM SONNTAG: Frau Wontorra, was für ein Karrieresprung.Laura Wontorra: Ich weiß das sehr zu schätzen und freue mich auch. Aber ich mache mir darüber nicht so viele Gedanken. Ich habe das, was ich jetzt mache, einst aus Leidenschaft und Lust an der Sache begonnen. Ich hatte nie dieses eine konkrete Ziel und habe mir auch nie gesagt, dass ich das und das erreicht haben möchte, wenn ich so und so alt bin. Allerdings muss ich gestehen, dass ich am 23. März, als es die große Pressekonferenz in München von der Telekom gab, schon einen Pinch-me-Moment hatte. Plötzlich stehst du neben zwei Weltmeistern (Mats Hummels, Thomas Müller – d. R.) und einem Welttrainer (Jürgen Klopp – d. R.). Da dachte ich mir: „Wow, wie cool ist das denn bitte“. Wie gesagt, ich weiß das einzuordnen – und freue mich auf das, was kommt. Ich genieße das. Enjoy the ride, sage ich immer.Lesen Sie auch WAMS: Das merkt man Ihnen an.Wontorra: Wissen Sie, wenn ich Spiele in der Champions League moderiere, wie das der Bayern gegen Real oder das gegen PSG, dann empfinde ich das als großes Glück. Das ist pure Freude. Vor so großen Partien wird ganz viel positive Energie in mir freigesetzt und ich denke mir dann immer so, man wie herrlich ist es, dass ich das machen darf. Wenn ich auf dem Weg ins Stadion die ganzen Fans sehe und die Atmosphäre spüre, macht das etwas mit mir. Das löst mehr Glücksgefühle aus, als dass es mir Druck macht. Und das ist etwas, was mir in meinem Job unheimlich hilft.Lesen Sie auchWAMS: Nicht wenige fragen sich jetzt vielleicht: „Wie kann es sein, dass Sie keinen Druck verspürt.“Wontorra: Klar, das kann ich verstehen. Das fragen mich ganz viele Menschen. Ich werde nie vergessen, als ich vor vier Jahren mal in einem Podcast zum Thema Lampenfieber und Angst zu Gast war. Ich glaube, ich war der unpassendste Gast aller Zeiten in diesem Podcast, weil ich immer nur gesagt habe, dass ich kein Lampenfieber und keine Angst habe. (lacht) Je größer das Spiel, desto besser geht es mir. Natürlich hatte ich vor meiner allerersten Moderation eine gewisse Form von Anspannung und auch etwas Lampenfieber. Und mir ist natürlich auch bewusst, dass zwischen sieben und zehn Millionen Menschen zuschauen, wenn ich bei RTL ein Länderspiel moderiere – und Medien gefühlt nur darauf warten, was ich sage und ob ich ihnen die nächste Schlagzeile liefere. Doch das löst nichts bei mir aus. Ich versuche da immer meinen eigenen Weg zu finden. Ich bin dann im Tunnel und habe einen genauen Plan für die Sendung – und einen Leitfaden für die Gespräche, die ich beispielsweise dann mit dem Bundestrainer führe. WAMS: Was Julian Nagelsmann betrifft, sorgten Sie im März am Rande des Länderspiels gegen die Schweiz mit Ihrem Interview für Aufsehen. Nach dem 4:3 fragten Sie ihn erst „Warum war es heute kein Undav-Spiel?“. Der Bundestrainer hatte mit Undav den besten deutschen Spieler 90 Minuten auf der Bank sitzen lassen. Wontorra: Ich hatte mir im Vorfeld des Länderspiels natürlich Gedanken gemacht und mir überlegt, dieses Thema aufzumachen. Denn ich habe nicht nachvollziehen können, warum Deniz Undav nicht spielt. Als Journalisten ist es unsere Pflicht, Trainer und Verantwortliche zu fragen, warum sie diese oder jene Entscheidung gefällt haben. Es war mir in dem Moment wichtig nachzuhaken. Dass sich das Undav-Thema dann so lange zieht, hätte ich tatsächlich nicht gedacht. WAMS: Gab es denn im Nachgang noch Reaktionen darauf? Wontorra: Ja. Ich war auch mit dem DFB im Austausch, denn ich hatte mich kurz zuvor in einem Interview etwas kritisch zum Teamquartier bei der WM in Winston-Salem geäußert, nachdem ich mir für eine WM-Reportage einen Eindruck vor Ort verschaffen konnte. Mein Vater (Jörg Wontorra – d. R.) sagt immer: „Nur redenden Menschen kann geholfen werden“. Insofern plädiere ich immer für einen Austausch, um Dinge anzusprechen oder zu klären. Und ich lasse mich auch gern mal eines Besseren belehren.WAMS: Und, wurden Sie denn bezüglich des Quartiers eines Besseren belehrt?Wontorra: Also das, was ich einsehen durfte, sah toll aus. Ich bin mir sicher, dass der DFB alles dafür tun wird, dass sich die Spieler wohlfühlen. Als Fußballfan hoffe ich ja, dass die deutsche Mannschaft lange im Turnier dabei ist – und was diese lange Zeit betrifft, habe ich nur mal in Frage gestellt, ob in dem ausgewählten Quartier nicht ein bisschen Lagerkoller entstehen kann. WAMS: Wie viel Zeit nimmt eigentlich die Vorbereitung auf ein Spiel bei Ihnen in Anspruch?Wontorra: Viel, zumal es heutzutage eine große Flut an Informationen gibt. Das erfordert schon viel Zeit. Da ich viel umherreise, sitze ich nie stundenlang vor meinem Laptop und lese etwas nach. Um mich zu informieren, höre ich Podcasts, telefoniere mit Kollegen und auch Verantwortlichen von den Vereinen. Ich bekomme viel zugetragen, mündlich, aber vor allem auch schriftlich – da geht es um Zahlen und Fakten zu einem Spiel. Ich selektiere dann. Wenn ich mit Blick auf eine Moderation erfahre, dass ich so und so viel Zeit für ein Interview habe, etwa mit dem Bundestrainer, will ich dafür natürlich gut vorbereitet sein. Da habe ich einen großen Ehrgeiz entwickelt, das Königs-Interview dann entsprechend gut zu machen. Das ist mein Anspruch, aber das erwartet der Zuschauer auch von mir. Und ich möchte den Erwartungen gerecht werden.WAMS: Aber Ihr Ziel ist es nicht, stets ein Thema zu setzen?Wontorra: Nein. Ich verstehe mich aber auch ein wenig als Sprachrohr der Fans, der Zuschauer, die nicht nur den reinen Sport erleben möchten. Sie wollen von uns, die die Spiele präsentieren, unterhalten werden. Die Menschen sollen Lust auf das Spiel haben und Mehrwert von uns bekommen. Wenn ich beispielsweise Max Eberl (Sportvorstand des FC Bayern – d. R.) interviewe und er mir in dem Gespräch sagt, dass Manuel Neuer noch kein Angebot vorliegen hat, ist das für mich Mehrwert. Da freue ich mich, dass ich dem Zuschauer eine Nachricht präsentieren konnte. Manchmal ist es aber auch nur der eine Moment, in dem wir einen Trainer wie Vincent Kompany mal zum Lachen bringen. Und über so einen Moment freue ich mich dann ebenso, denn er hat etwas Menschliches, etwas Authentisches.Lesen Sie auchWAMS: Sie haben Vincent Kompany angesprochen. Es gibt keinen Trainer, der hierzulande ob seines Wirkens und seiner Aura so viele Menschen begeistert – und zwar auch Menschen, die kein Fan des FC Bayern sind.Wontorra: Wenn wir in Headlines denken, würde ich mal Folgendes sagen: „Vincent Kompany is the most sexiest product of Bundesliga.“ Sie sagten es, er hat geschafft, dass selbst Menschen den Bayern in der Champions League die Daumen drücken, die für den Verein sonst nichts empfinden. Ich kann mich an keinen Bayern-Trainer erinnern, dem das in dieser Form gelungen ist. Pep Guardiola wurde gemocht, weil die Bayern-Mannschaft unter ihm ganz tollen Fußball gespielt und er sich als erste Station nach seiner Zeit beim großen FC Barcelona für die Bundesliga ausgesucht hat – und bei Jupp Heynckes waren es dessen Verdienste für den deutschen Fußball und auch eine gewisse Aura. Doch bei Vincent Kompany ist das anders. Er ist das Allerbeste, was der Bundesliga seit Langem passiert ist. Mich freut das auch für Max Eberl, der in den ersten Wochen nach der Verpflichtung von Kompany viel Kritik dafür einstecken musste, einen Trainer geholt zu haben, der noch keinen großen Namen hatte. Vincent Kompany hat offenbar die richtige Ansprache. Er sieht cool aus. Er ist sehr demütig. Er ist sehr respektvoll gegenüber jeder Person, auf die er trifft – im Verein und auch außerhalb, etwa gegenüber uns Journalisten.WAMS: Neben dem Fußball moderieren Sie auch noch andere Sendungen – „Grill den Henssler“ oder „DSDS“. Wo bleibt da Zeit für sich selbst, zum Ausruhen, zum Krafttanken?Wontorra: Die nehme ich mir – und zwar ganz bewusst. Ich sehe schon zu, dass ich regelmäßig rauskomme und an anderen Orten bin. In den vergangenen Monaten war ich in der Karibik oder der Antarktis, weit weg also. Im Frühjahr habe ich mir auch eine kurze Auszeit genommen, da ich wusste, dass der WM-Sommer naht und vorher noch Aufzeichnungen für ein paar Sendungen anstehen. Da war ich zu einer Kur wieder am Wörthersee. Zehn Tage. Das mache ich seit drei Jahren so.Lesen Sie auchWAMS: Und?Wontorra: Nun fühle ich mich noch nicht so alt, um eine Kur zu machen. Aber letztlich ist es eine Art Kur. Es geht darum, mal etwas runterzukommen, innezuhalten und ein wenig zu fasten. Da geht es um 9 Uhr abends ins Bett und morgens um 6 Uhr wieder raus. Kein Koffein – und auch so gut wie kein Handy. Mir hilft das ungemein. Der Zuschauer nimmt am Ende ja nur die Zeit einer Moderation wahr. Doch das Reisen und die ganze Vorbereitung sind genauso intensiv. Ich habe ein kleines Team von vier, fünf Leuten um mich herum, die alles managen. Und seit kurzem habe ich auch eine eigene Modemarke. Es geht bei mir also um viel mehr Arbeit, als man on air wahrnimmt. Nicht zu vergessen Social Media. Die Kanäle dort müssen auch bespielt werden. Wenn ich das jetzt alles so aufzähle, wird mir bewusst, wie wichtig es ist, sich Freiräume zu schaffen, aber nicht nur um runterzufahren, sondern um das zu verarbeiten, was ich alles erlebe. Das ist nämlich manchmal mein größtes Problem: Ich erlebe so viele tolle Dinge, komme aber nur selten wirklich in den Prozess der Verarbeitung. Das finde ich schade, weil es so schön ist, was ich alles machen darf. Ich wünschte, ich könnte das öfter mal ganz entspannt sacken lassen und genießen.Ein Podcast, ein Champion, ein Rätsel – wer ist der Gast? Raten Sie mit: Abonnieren Sie WELTMeister bei Spotify oder Apple Podcasts.WAMS: Bleibt Zeit für ein wenig Sport zwischendurch?Wontorra: Ja. Seit knapp drei Jahren nehme ich mir dafür auch bewusst viel mehr Zeit, da ich merke, wie es mich runterbringt. Ich mache nicht exzessiv Sport, aber ich laufe schon mal zehn Kilometer durch den Wald und versuche meinen Kopf freizukriegen. Mein Hund hilft mir dabei sehr, den ich natürlich auch viel zu selten sehe. Ich sage immer, dass jeder Mensch seine Tankstellen braucht, um wieder aufzuladen. Mein Zuhause und Spaziergänge mit meinem Hund Milo sind meine Tankstellen.WAMS: Gibt es weitere?Wontorra: Ich habe das große Glück, dass mein Bruder seit vier Jahren mit seiner Frau ebenfalls in Köln lebt, das gibt mir ein großes Familiengefühl. Das tut gut. Was den Freundeskreis betrifft, fehlt mir da manchmal die Zeit. Aber wenn ich meine Freunde treffe, die ich seit meiner Schulzeit kenne und die nichts mit meinem Job zu tun haben, ist das auch immer wieder schön. Von diesen Treffen zehre ich im Nachgang. Und ansonsten habe ich meine Tankstellen an Flughäfen oder Bahnhöfen. Dann habe ich meine Kopfhörer drin, höre ein bisschen Musik und sitze einfach nur da. Im Flugzeug oder dem Zug ist es dann genauso – ich versuche dann einfach meine Gedanken zu sortieren.Lesen Sie auchWAMS: Wie weit wird die deutsche Elf beim Turnier kommen?Wontorra: Als Fan wünsche ich mir natürlich, dass sie es so weit wie möglich schaffen. Doch wenn ich mir den Turnierbaum so angucke, könnten wir relativ schnell auf Frankreich treffen. Und dann wird es echt schwer. Wissen Sie, ich finde es Quatsch, als Sportjournalist nicht sagen zu dürfen, von wem man Fan ist, wer seine Lieblingsmannschaft ist. Ich bin Werder-Bremen-Fan, denn ich bin in Bremen geboren. Und deshalb bin ich bezüglich der WM auch Deutschland-Fan und wünsche dieser Mannschaft nichts Schlechtes. Doch in meinem Job werde ich immer kritisch nachfragen, auch nach einem Deutschland-Spiel.Lars Gartenschläger ist Fußball-Redakteur. Er berichtet seit 2004 über die Nationalmannschaft, war bei sechs EM- und fünf WM-Turnieren. Zudem schreibt er über DFB- und Bundesliga-Themen. 2014 traf er Wontorra bei einer Reportage über deutsche Fans in Brasilien.
Laura Wontorra: „Vincent Kompany ist das Allerbeste, was der Bundesliga seit Langem passiert ist“ - WELT
Laura Wontorra zählt zu den bekanntesten Sport-Moderatorinnen – und wird bei der WM im Einsatz sein. Ein Gespräch über Königsfragen, Lampenfieber, Kritik – und eine jährliche Kur am Wörthersee.










