Wenn die Germanistik der Universität Potsdam in Kooperation mit der Germanistik der Ludwig-Maximilians-Universität München dem Schriftsteller Marcel Beyer ein Symposium zum sechzigsten Geburtstag ausrichtet, wie unlängst im Lyrik Kabinett München geschehen, dann ehrt sie damit in gewisser Weise auch einen der ihren. Marcel Beyer hatte einst in Siegen bei Karl Riha studiert, war mit Hans Ulrich Gumbrecht zu einer legendären Tagung zu „Paradoxien, Dissonanzen, Zusammenbrüche“ nach Dubrovnik gereist, gab mit Riha die Reihe „Vergessene Autoren der Moderne“ heraus und ist nach wie vor immer wieder als Herausgeber tätig.Peer Trilckes sprach über Beyers poeto-editorische Praxis unter der Überschrift „Gesammeltes Werken“. Der Leiter des Theodor-Fontane-Archivs hat 2020 mit Beyer, Frieder von Ammon und Gabriele Wix die Werke des 2005 verstorbenen Dichters Thomas Kling herausgegeben. Da die Arbeit an dieser vierbändigen Ausgabe im November 2019 begann und damit fast zur Gänze in die Covid-19-Pandemie fiel, bestand die Kommunikation der Herausgeber ausschließlich aus E-Mails. In einer faszinierenden, KI-basierten Präsentation veranschaulichte Trilcke den Verlauf dieser Kommunikation. Anhand der 3000 E-Mails entstand ein klares Bild davon, wann wer mit welcher Intensität gearbeitet hat, eine Heat-Map zeigte auf, in welchen Phasen der Arbeit und des Tages am meisten kommuniziert wurde und – mit Hilfe von Schlüsselbegriffen – auch zu welchen Themen.Wie der Biber vor dem BaumarktDamit freilich war erst einmal nur der äußere Rahmen skizziert. Beyers Vorgehen als Hauptherausgeber, Organisator und wichtigster Impulsgeber der Gruppe wurde durch Auszüge aus den Mails deutlich. Der Dichter Beyer griff immer wieder zu anschaulichen Bildern, um philologische Entscheidungsprozesse voranzutreiben. Angesichts der schwierigen Textgestalt vieler Kling-Gedichte und -Essays standen die Herausgeber regelmäßig vor der Frage, inwieweit man eingreift und diese Eingriffe kommentiert. „Was unsere Nachweise von Korrekturen angeht“, schrieb Beyer am 14. April 2020, „ich glaube, da kapituliere ich. Zum einen fehlt es mir an philologischer Expertise, zum anderen graut mir vor der Arbeit, die bei den Gedichten aus dem Nachlaß ansteht. Hocke da wie der Biber vor dem Baumarkt: Soll man sich bis zur Holzabteilung durchfragen oder lieber gleich die gesamte Freilicht-Präsentation an Schrebergarten-Blockhäusern wegknabbern?“ Nicht alles, was sich philologisch wegknabbern ließe, müsse auch weg – lernten die drei Wissenschaftler vom Dichter-Herausgeber. Der Musikwissenschaftler Jörn-Peter Hiekel (Musikhochschule Dresden) untersuchte die Arbeit des Librettisten Beyer und konnte auf zahlreiche ihm von Beyer zur Verfügung gestellte Notate zurückgreifen. Sie entstanden während der Arbeit an Musiktheater-Projekten, die Beyer mit den Komponisten Enno Poppe, Manos Tsangaris und Toshio Hosokawa über die Jahre realisiert hat. Gabriele Wix (Universität Bonn) ging in zwei enggeführten Bildbeschreibungen, einer Art „Meta-Ekphrasis“ (Frieder von Ammon), der Arbeit des Bildbetrachters Marcel Beyer auf den Grund, den Grund des Bregenzer Sees in diesem Fall.Thomas Kling starb am 1. April 2005. Gemeinsam mit Peer Trilcke, Frieder von Ammon und Gabriele Wix hat Marcel Beyer 2020 die Werke des Kollegen herausgegeben.akg-images / Susanne SchleyerIn einen anderen Untergrund folgte Joana van de Löcht (Universität Münster) Beyer mit ihrem Vortrag „Im sous-terrain vague der Geschichte. Bunkerphantasien bei Marcel Beyer von ,Flughunde‘ bis zur ,Bunkerkönigin‘“. Mit seinem Roman „Flughunde“ über den Tontechniker Hermann Karnau war Marcel Beyer 1995 bekannt geworden. Vor allem die Szenen am Ende des Buches, die beklemmende Atmosphäre im Führerbunker und der Fokus auf die Kinder von Joseph und Magda Goebbels dürften jedem, der sie gelesen hat, in lebendiger Erinnerung sein.Neben den MarmorklippenMit Paul Virilio und dessen jüngst neu aufgelegtem Buch über die Bunker des Nordwalls aus dem Jahr 1975 begriff van de Löcht auch die Bunker bei Marcel Beyer als Brachflächen, hybride Zwischenräume, in denen die Verstrickung mit der eigenen Geschichte immer neu ausgehandelt wird. So auch in dem mehrteiligen Gedicht „Die Bunkerkönigin“, das Beyer letzten Gedichtband „Dämonenräumdienst“ abschließt. Hier deckte van de Löcht nicht nur Querverbindungen zu Ernst Jüngers „Marmorklippen“ (ein Autor, mit dem man Beyer vorher wohl nie in Verbindung gebracht hätte) und Seamus Heaneys „Bog queen“, der mumifizierten Moorleiche aus dessen epochalem Gedichtband „North“, auf. Sie verlieh nicht zuletzt anhand der Fotografien Robert Conrads, die kurz vor der Verfüllung des Reichskanzlei-Bunkers 1997 entstanden, Virilios Formulierung von der „Einschließung der Geschichte“ eine ironische, sogar makabre Note.Marcel Beyers nicht selten im Modus des grotesken Humors ausgearbeiteten Geschichtsreflexionen ging auch Claudia Hillebrandt (Universität Bielefeld) in ihrem Vortrag „Von Hilde Knef bis Maggi. Der Dämon ‚Alte Bundesrepublik‘“ nach. Insbesondere in Beyers jüngstem Gedichtband folgte sie den widerstrebenden Bewegungen von Restauration und Aufarbeitung der „Belastungsgeschichte“. An Beyers Gedicht „Benzin“ zeigte sie exemplarisch, wie es dem Dichter mit der Figur Hildegard Knefs, ihren Besuchen bei einer Wunderheilerin in Berchtesgaden und der Ölkrise 1974 gelingt, Kraftfelder übereinanderzulegen. Morphin-Sucht traf auf Benzin-Sucht – „BRD Noir“ in Versen. Pointiert fiel auch die von der Dichterin Nadja Küchenmeister moderierte abendliche Abschlusslesung mit Marcel Beyer aus. Sie folgte unter anderem den Spuren der vielen Josephs in Beyers Werk – von Josef Weinheber über Josef Stalin und Joseph Beuys bis eben hin zu Joseph Goebbels – und schlug damit den Bogen zur vormittäglichen Einleitung des Symposiums durch den Leiter des Lyrik-Kabinetts Holger Pils, der Beyers Faszination für Namen mit seiner Enttarnung des Schauspielers Matt Damon als Mett-Dämon illustriert hatte. Mettbrötchen freilich wurden in München nicht gereicht.
Eine Tagung über den Dichter Marcel Beyer
Wie man Kryptisches druckreif macht, können Germanisten von einem Dichter lernen, der ihr Fach studiert hat: Das Lyrik Kabinett München war Schauplatz einer Tagung zum sechzigsten Geburtstag von Marcel Beyer.






