Analyse
Vor zwei Wochen sorgte der Hersteller von Luxussportwagen mit der Präsentation seines ersten vollelektrischen Fahrzeugs vielerorts für Kopfschütteln. Ein langjähriger Ex-Präsident sieht sogar den Mythos Ferrari in Gefahr. Was das für die Aktien bedeutet. «Wenn ich sagen würde, was ich denke, würde ich Ferrari schaden. Man riskiert die Zerstörung eines Mythos, das tut mir unendlich leid.»Optimieren Sie Ihre Browsereinstellungen
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Bitte passen Sie die Einstellungen an. Luca di Montezemolo Bild: Bloomberg Diese harten Worte stammen von Luca di Montezemolo, dem langjährigen Präsidenten von Ferrari. Der 78-Jährige, der von 1991 bis 2014 die Geschicke beim Hersteller von Luxussportwagen massgeblich prägte, hatte vorletzte Woche am Rande einer Wirtschaftskonferenz in Rom gegenüber Reportern seinem Ärger Luft verschaffen müssen.Seine Kritik richtete sich an das erste Elektroauto von Ferrari, das die Italiener am 26. Mai in Rom präsentierten. Auch wenn di Montezemolo seine Kritik nicht näher spezifizierte, ist klar, auf was er anspielt: Der neue Luce, der ab dem vierten Quartal ausgeliefert werden soll, überraschte Fans und Beobachter vor allem wegen seines Designs – und zwar negativ. Der erste vollelektrische Ferrari (Luce) wurde am 26. Mai in Rom vorgestellt. Bild: Ferrari Kritiker monieren, dass Luce nicht nach einem Ferrari aussehe, sondern vielmehr einem konventionellen, austauschbaren Elektroauto gleiche. In den sozialen Medien liessen hämische Kommentare nicht lange auf sich warten. Rasch wurde der neue E-Ferrari, der bei einem Preis von 550’000 € starten soll, mit dem Modell Leaf des japanischen Autoherstellers Nissan verglichen, der mit einem Neupreis ab rund 36’000 deutlich günstiger zu haben ist. Screenshot eines X-Posts eines Users zur Präsentation des neues Ferrari Luce. Quelle: X Nicht nur Fans und Beobachter, auch die Börse reagierte zunächst geschockt. Am Tag der Präsentation rutschten die Aktien mehr als 8% ab.Dabei war die Analystenschar gemäss UBS eigentlich davon ausgegangen, dass es sich bei der Präsentation des Luce um ein «Non-event» handeln würde. Dass Ferrari sein erstes vollelektrisches Automobil vorstellen würde, war lange bekannt.Ist der Mythos Ferrari in Gefahr?Zudem herrscht die weitverbreitete Ansicht, dass Elektrofahrzeuge voraussichtlich keine zentrale Rolle im Investment Case von Ferrari einnehmen werden. «Vielmehr werden weiterhin Modelle mit Verbrennungsmotor als Haupttreiber für Markenwert und Rentabilität erwartet», schreibt die UBS-Analystin Zuzanna Pusz in einem Kommentar. Die britische Investmentbank Barclays geht etwa von jährlich 500 ausgelieferten Luce-Fahrzeugen aus, was lediglich 3% des gesamten Absatzvolumens bedeuten würde.Auch andere Analystenhäuser betonen, dass ein möglicher Flop des Luce den Investment Case nicht grundlegend ändern würde. Doch wie ist der deutliche Kursrücksetzer dann zu erklären?Die Nervosität an der Börse hat mit der Sorge vor einer Verwässerung der Marke Ferrari zu tun. Kritiker fragen sich, was sich Ferrari beim Design des Luce gedacht hat, das vom ehemaligen Apple-Chefdesigner Jony Ive verantwortet wurde und auf viele Beobachter beliebig und austauschbar wirkt.Beliebig und austauschbar ist das, was Ferrari eigentlich nicht sein will. Historische Entwürfe und Skizzen des weltberühmten Ferrari-Logos. Bild: Ferrari Der Mythos Ferrari kombiniert eine aussergewöhnlich starke Marke mit hoher Emotionalität und technologischer Glaubwürdigkeit aus dem Motorsport. Das «springende Pferd» wird als Symbol für Exklusivität und Status wahrgenommen. Technologisch agiert der Ferrari Luce auf höchstem Niveau. Anders als im Verbrennerzeitalter wird es jedoch in der aufkommenden Ära der der Elektromobilität für Premiumhersteller immer schwieriger, sich über Technologie zu differenzieren.Umso wichtiger ist die bleibende Strahlkraft der Marke. Wird diese beschädigt, kann dies für ein Luxusunternehmen wie Ferrari fatale Folgen haben. Ferrari-CEO Benedetto Vigna verteidigt das Design als bewussten Ausdruck neuer Technologie. «Wenn man eine neue Technologie hat, muss man sicherstellen, dass diese im Design auch angemessen repräsentiert wird», sagt er. Das Design müsse sich also zwangsläufig unterscheiden. Benedetto Vigna, CEO von Ferrari. Bild: Ferrari Ferrari-Händler geben (zunächst) EntwarnungDas Analystenteam der Hamburger Bank Berenberg hat bezüglich eines möglichen Imageschadens bei autorisierten Ferrari-Händlern in den USA, Europa und China nachgefragt. Die Rückmeldungen geben zunächst Anlass zur Entwarnung. Während das Modell selbst stark polarisiert, wird das Risiko eines nachhaltigen Imageschadens für die Marke Ferrari bislang als gering eingeschätzt. Kein Händler berichtete von Stornierungen bestehender Bestellungen anderer Modelle. Vielmehr soll sich die Wahrnehmung des Fahrzeugs deutlich verbessern, sobald Kunden es erstmals persönlich sehen.Offenbar hat Ferrari Händler ausdrücklich angewiesen, das Auto den Stammkunden nicht aufzudrängen. Normalerweise müssen Kunden auch weniger begehrte Modelle kaufen, um Zugang zu limitierten Sonderserien zu erhalten. Dass Ferrari beim Luce darauf verzichtet, stützt nach Einschätzung der Händler die These, dass es sich um ein volumenarmes Modell zur Erfüllung regulatorischer Emissionsvorgaben handelt. In dieser Lesart dient der Luce dazu, den durchschnittlichen CO₂-Ausstoss der Flotte zu senken und Ferrari so zu ermöglichen, weiterhin auf V12- und V8-Verbrenner zu setzen.Nach dem Investorentag im Oktober war es das zweite Mal innerhalb kurzer Zeit, dass Ferrari an der Börse für Ernüchterung sorgte. Damals präsentierten die Italiener neue langfristige Ziele bis 2030, die hinter den zu diesem Zeitpunkt sehr hohen Markterwartungen zurückblieben. Die Aktien brachen innerhalb eines Tages um bis zu 16% ein. Seitdem hat der Kurs weiter nachgegeben (siehe Grafik).Ferrari tritt beim Volumenwachstum bewusst auf die BremseDer neue Fünfjahresplan sieht bis 2030 einen Umsatz von 9 Mrd. € vor, was einem jährlichen Wachstum von 5% entspricht. Der Markt hatte zuvor mit 7% gerechnet. Die Rennikone steuert also auf eine Verlangsamung zu: Seit dem Börsengang 2015 ist der Umsatz im Schnitt jährlich um 10% gewachsen.Immerhin: Bis 2030 soll die Gewinnmarge auf Stufe Ebitda weiter zulegen von heute rund 39 auf mindestens 40%.Doch Wachstum ist bei Ferrari nicht alles. Der französische Luxusforscher Jean-Noël Kapferer vertritt seit Jahren die These, dass Luxus die einzige Branche sei, in der Wachstum zum Problem werden könne. Je höher die Stückzahl eines Luxusguts, desto stärker verliert es seinen exklusiven Charakter und damit einen Teil seines Mythos. Es ist daher nachvollziehbar, dass Ferrari zumindest beim Volumen bewusst auf die Bremse tritt. Das sichert langfristig die Exklusivität der Marke.Zumal das Absatzvolumen in den letzten Jahren rasant gestiegen ist. Seit 2013 haben sich die verkauften Stückzahlen von 7000 Fahrzeugen auf knapp 14’000 verdoppelt. In den nächsten Jahren wird das Wachstum spürbar nachlassen. Die Analysten von Bloomberg Intelligence gehen für das Jahr 2030 von 14’800 verkauften Fahrzeugen aus. Das entspricht einem jährlichen Plus von nur etwas mehr als 1%.Doch der Investment Case von Ferrari beruht nicht auf Volumenwachstum. Die Aktie wird als attraktiv erachtet, weil es der Autohersteller versteht, die Profitabilität weiter zu erhöhen, die Preissetzungsmacht auszubauen und noch mehr streng limitierte Hypercars – die Speerspitze der Ferrari-Ingenieurskunst – sowie exklusive Sonderserien zu vermarkten.Der Ferrari F80, Ferraris neuestes Hypercar, macht nur einen winzigen Bruchteil des Absatzvolumens aus. Sein finanzieller Beitrag ist jedoch enorm. Ein einziger F80 (Grundpreis: 3,6 Mio. €) generiert gemäss Bloomberg Intelligence etwa den gleichen Gewinn wie 22 Amalfi-Sportwagen. Im Jahr 2027 sollen lediglich 300 Einheiten verkauft werden. Das entspricht lediglich rund 2% des Absatzvolumens, dürfte jedoch etwa 20% zum gesamten Gewinn beitragen. Ferrari F80, das neueste Hypercar der Italiener. Grundpreis: 3,6 Mio. €. Bild: Ferrari Ferraris Preismacht dürfte sich gemäss den Analysten von Bloomberg Intelligence mit den neuen Modellen 12Cilindri und Amalfi weiter erhöhen. Dieser Trend hat insbesondere seit dem Amtsantritt von CEO Vigna im September 2021 an Dynamik gewonnen. Die Analysten verweisen auf Daten des Automobildatenanbieters JATO, wonach der durchschnittliche Verkaufspreis von Ferrari seitdem um rund 24% gestiegen ist – 20% betrug die Steigerung bei Aston Martin, 36% bei Bentley sowie jeweils 18% bei Lamborghini und Rolls-Royce. Entwicklung der durchschnittlichen Verkaufspreise von Luxusautomarken. Grafik: Bloomberg Intelligence Hinzu kommt, dass Ferrari über eine Nachfrage und damit über eine Visibilität bei den Absatzzahlen verfügt, die gemäss den Analysten der UBS ihresgleichen sucht. Bei der Präsentation der Quartalszahlen Anfang Mai erklärte CEO Vigna, das Auftragsbuch reiche bis Ende 2027. Entsprechend gelassen äussern sich auch die Analysten der Bank of America hinsichtlich eines möglichen Flops des Elektroautos Luce. Angesichts der attraktiven Modell-Pipeline sei Ferrari problemlos in der Lage, andere Markteinführungen vorzuziehen und eine allfällige Absatzlücke zu schliessen.Bewertung noch immer hoch, aber gerechtfertigtBleibt noch die Frage der Bewertung. Ferrari wird nicht als Automobilhersteller, sondern als exklusives Luxus-Asset bewertet. Das Verhältnis von EV/Ebitda (Unternehmenswert zum operativen Gewinn) auf Basis der für die kommenden zwölf Monate erwarteten Ergebnisse hat sich von sehr hohen 30 im Jahr 2025 auf moderate 18 reduziert.Der Bewertungsabstand zum Goldstandard Hermès besteht zwar weiterhin, liegt mit 12% jedoch unter dem historischen Durchschnitt, der gemäss Berenberg bei 23% liegt.Zwar ist die Bewertung nach wie vor anspruchsvoll, sie erscheint angesichts der hohen Kapitalrendite (ROIC) von knapp 25% jedoch gerechtfertigt. Rechnet man den Barbestand aus der Berechnung heraus, steigt diese laut den Analysten von Berenberg sogar auf über 30%. Damit erzielt Ferrari die höchsten Renditen auf das eingesetzte Kapital unter den Automobilherstellern und übertrifft zudem nahezu alle Luxusgüterunternehmen. Eine Ausnahme bildet Hermès, die regelmässig Kapitalrenditen von über 45% erzielt.Ferrari-Aktien bleiben attraktivFerrari bleibt aus Investorensicht ein sogenannter Quality-Growth-Luxuswert, aber keine klassische Autoaktie. Die stärksten Argumente sind Knappheit, Preissetzungsmacht, ein prallgefülltes Auftragsbuch bis 2027, margenstarke Sondermodelle sowie eine hohe Kapitalrendite. Hinzu kommt eine ordentliche Bilanzqualität, die 2026 den Sprung in eine Netto-Cash-Position schaffen dürfte. Das heisst, Ferrari hat mehr liquide Mittel als Schulden.Ferrari hat damit gute Chancen, trotz der Enttäuschung rund um den Luce an der Börse wieder in die Erfolgsspur zurückzufinden. Ob das Elektrofahrzeug den Mythos Ferrari tatsächlich beschädigt, lässt sich heute noch nicht abschliessend beurteilen – zumindest das erste Feedback von Händlern gibt Grund zur Hoffnung. Die Elektromobilität bleibt eine strategische Herausforderung für das Unternehmen. Politische Lockerungen und Sonderregelungen für Kleinserienhersteller mindern den Druck auf Ferrari zumindest vorerst etwas.







