«Je mehr KI ich anzapfe, desto mehr Tokens verbrauche ich. Deshalb kann das exponentiell teuer werden»Schweizer Unternehmen sehen bei der Nutzung von KI immer höhere Kosten. Und beginnen sich zu fragen, wie ihre Mitarbeiter die teuren KI-Tools effizienter einsetzen können.08.06.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenImmer mehr Firmen nutzen KI-Tools wie Claude Code von Anthropic. Sie bezahlen dafür nach Verbrauch.Illustration Simon Tanner / NZZ«Wir nutzen immer mehr KI. Und wir merken, dass unsere Kreditkartenrechnungen steigen.» Das sagt der Schweizer Unternehmer Roland Schüpfer. Er leitet ein Softwareunternehmen im Immobilienbereich namens Avendo mit vierzehn Mitarbeitenden.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Er und sein Team entwickeln für Immobilienmakler Technologien für den Verkauf von Liegenschaften – und bauen Tools, die wiederkehrende Aufgaben im Verkaufsprozess automatisieren. Beispielsweise schlagen diese aufgrund von vergangenen Anfragen einen optimalen Zeitpunkt vor, ein Inserat auszuschreiben.Die Tools sind auf KI-Agenten aufgebaut, Systemen künstlicher Intelligenz, die ganze Arbeitsschritte autonom ausführen können. Sie beschleunigen damit ganze Prozesse, verbrauchen aber auch einiges an Rechenleistung.Schüpfer beobachtet, dass die Kosten für die KI-Nutzung steigen. Und findet dafür drei Ursachen: Mehr Mitarbeitende haben inzwischen ein Abo bei verschiedenen KI-Tools. Sie testen viele neue KI-Lösungen und lassen sie nebeneinanderlaufen. Und sie verbrauchen deutlich mehr Tokens – das ist die Einheit, in welcher der Output von KI-Modellen gemessen wird.Dieser Verbrauch hat mit den KI-Modellen zu tun, die Schüpfers Firma nutzt. Darunter ein ganz spezielles: Claude.Das Erfolgsmodell von AnthropicClaude ist der Name einer Reihe von KI-Modellen der KI-Firma Anthropic. Auf diesen basiert auch das KI-Tool Claude Code, das speziell fürs Programmieren entwickelt wurde. Es hat verändert, wie Softwareentwickler und ganze Unternehmensabteilungen arbeiten. Denn mithilfe des Tools ist es viel einfacher und schneller möglich, sich Code schreiben zu lassen.Seit der jüngsten Finanzierungsrunde vergangene Woche ist Anthropic mit 965 Milliarden Dollar bewertet. Und damit wertvoller als die Konkurrenz Open AI mit 830 Milliarden Dollar. Noch in diesem Jahr will Anthropic an die Börse gehen.Ihren rasanten Aufstieg verdankt die Firma unter anderem dem Umstand, dass sie ihre Modelle und Tools auf die Softwareentwicklung ausrichtete. Und den Fokus erfolgreich auf eine zahlungskräftige Kundengruppe legte: die Firmen.Immer mehr Unternehmen nutzen neben Copilot von Microsoft oder Chat-GPT von Open AI die Claude-Modelle von Anthropic. Doch: Die Modelle verbrauchen viele Tokens, und Anthropic rechnet ab einem gewissen Verbrauch nach Tokens ab.KI-Einsatz wird rationiertNach einem langen KI-Ausbau, in dem manche amerikanische Firmen den Verbrauch möglichst vieler KI-Ressourcen anstrebten – etwas, wofür sich in der Branche der Begriff «tokenmaxxing» etabliert hat –, beginnen nun Erste damit, den Verbrauch der Tools zu rationieren.Der Technologiechef von Meta, Andrew Bosworth, teilte laut Recherchen des «Wall Street Journal» seinen Mitarbeitenden mit, man habe mittlerweile zu viele sich überschneidende Tools. Die blosse Nutzung allein sei kein Massstab für irgendeine Art von Wirkung; niemand solle KI-Tools verwenden, nur um sie gebraucht zu haben.Microsoft hatte ebenfalls Claude Code genutzt, kündigt nun aber einen Grossteil dieser Lizenzen, um vermehrt sein eigenes KI-Tool Copilot zu nutzen – und wohl auch, um Kosten zu sparen. Amazon hatte auf einer internen Rangliste aufgeführt, wer von der Belegschaft wie viele Tokens verbraucht. Mittlerweile hat die Firma die Rangliste wieder abgeschafft.In der Schweiz sind die Unternehmen zwar weniger weit fortgeschritten beim Einsatz von KI. Aber auch hier machen sich die Firmen vermehrt Gedanken über Tokens und ihre Kosten.Das Gleichgewicht zwischen Kosten und NutzenSchüpfer, der Chef des Immobilien-Softwareunternehmens, ist am ersten Tag, an dem er Claude Code nutzte, innert eines halben Tags ans Tokenlimit seiner Abo-Version gekommen. «Ich hätte gut bis zu dreihundert Franken ausgeben können, für das, was ich mit dem Tool machen wollte», sagt er. Heute leistet sich die Firma einen Firmen-Account und verrechnet den Tokenverbrauch zentral. «Wir haben uns bei Claude das grösste Abo geholt, das es gibt.»Schüpfer ist überzeugt, dass der Einsatz in ihrem Fall sinnvoll ist. Er rechnet an einem Beispiel vor: Ein Mitarbeitender erhalte einen Lohn von 8000 Franken im Monat und nutze KI für 2000 Franken, arbeite dafür aber dreimal so effizient. Das lohne sich für sie.Am Ende sei es als Firma wichtig zu verstehen, wie man die KI-Tools möglichst effizient einsetze.Adam Gontarz leitet den Bereich Digitalisierung, Innovation und Technologie beim Industrieverband Swissmem und führt seit zwölf Jahren eine Arbeitsgruppe, in der sich CTO von Schweizer Firmen in der Tech-Industrie austauschen. Er spricht mit ihnen darüber, wo sie KI in ihren Firmen einsetzen, wo sie konkrete Vorteile sehen. Und zunehmend auch darüber, welche Kosten und organisatorischen Herausforderungen damit verbunden sind.Seit etwa einem halben Jahr beobachtet er, dass in diesen Runden eine neue Frage aufkommt: Wo liegt das Gleichgewicht zwischen dem Mehrwert, dem Effizienzgewinn durch KI, und den durch KI entstehenden Kosten?«Je mehr KI ich anzapfe, desto mehr Tokens verbrauche ich, deshalb kann das exponentiell teuer werden», sagt Gontarz. Das sei ein Faktor, der von CTO erst jetzt richtig gesehen werde.Die Technologiechefs erzählten Gontarz, dass sie mit KI-Tools etwa Fehler suchten, Code schrieben oder bestehende Dokumente und Daten verwalteten. Das gehe mit den Tools oft deutlich schneller und effizienter, bringe aber auch Kosten mit sich. Ein Industrieunternehmen habe berichtet, dass es dank dem automatischen Erfassen und Prüfen von Rechnungen bereits eine halbe Vollzeitstelle einsparen könne.Einen Weg zurück gebe es faktisch nicht, sagt Gontarz: Wer KI-Tools einmal systematisch in der Softwareentwicklung einsetze, verändere damit Arbeitsprozesse und die Kapazitätsplanung.Laut Gontarz hat eine Sensorik-Firma mit rund tausend Mitarbeitenden ihre vor Jahren ins Ausland ausgelagerte Softwareentwicklungsabteilung eingespart. Stattdessen setzt das Unternehmen nun auf einen Projektleiter in der Schweiz. Dank KI-Tools erbringe dieser eine ähnliche Leistung bei fast gleichen Kosten, da der Aufwand für technische Übersetzungen und den Austausch wegfalle. So einen veränderten Prozess wieder umzustellen, sei aufwendig.Präzise Prompts sind günstigerGontarz sagt, jetzt befinde man sich in einer Phase der Euphorie, in der es eine Inventur brauche. Man müsse Richtlinien aufstellen, wie man Tools kosteneffizienter und bedarfsgerechter nutzen könne.Auf Anfrage bestätigen mehrere Schweizer Unternehmen die Beobachtungen von Gontarz. Die Mobiliar schreibt: «Auch wir beobachten, dass Token-Kosten deutlich zunehmen.» Sie seien zurzeit noch nicht dominierend. Man tracke die Technologiekosten jedoch eng. Raiffeisen gibt an, die KI-Kosten aktiv zu steuern, beispielsweise durch klare Nutzungsrichtlinien oder rollenbasierte Zugänge zu KI-Modellen.Man sei sich bewusst, dass der Ressourcenbedarf von KI steige, schreibt Accelleron, ein Schweizer Hersteller von Turboladern. Das Unternehmen setze künstliche Intelligenz deshalb gezielt dort ein, wo sie einen nachweisbaren Mehrwert schaffe und in vernünftigem Verhältnis zu den eingesetzten Ressourcen stehe. Als Beispiele nennt Accelleron die frühzeitige Vorhersage des Wartungsbedarfs von Produkten oder die Beschleunigung der Produktentwicklung.Die Werbeagentur TBWA mit Standort in Zürich nutzt über zwanzig verschiedene KI-Tools. Darunter Claude und Chat-GPT sowie spezialisierte Modelle für Bild-, Audio- und Videogenerierung. Diese machten rund 10 bis 15 Prozent der Software- und Toolausgaben aus, Tendenz steigend.Bezüglich der Kosteneffizienz stehe man noch am Anfang, schreibt Hekuran Avdili, Creative Director AI bei TBWA. Man sehe aber klar: Der grösste Hebel liege nicht darin, den Zugang der Mitarbeitenden zu den Modellen zu beschränken, sondern sie besser in der KI-Nutzung auszubilden: Wer präzise prompte, also den Tools Anweisungen gebe, gebe weniger Geld aus und bekomme bessere Resultate. «Ein sauber formulierter Prompt kostet einen Bruchteil von dem, was iteratives Herumprobieren verbraucht.»Die Agentur hat eine «Task-Force» ins Leben gerufen. Diese soll Mitarbeitende dabei unterstützen, die KI-Tools nicht bloss zu nutzen, sondern sie wirklich zu beherrschen.Passend zum Artikel
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