Schröder, Abramowitsch und ein Londoner Vierertreffen: Im Ukraine-Krieg strecken alle Seiten die diplomatischen Fühler ausDer russische Präsident Putin sondiert nach einer möglichen Friedenslösung. Dafür nutzt er den früheren Kanzler Schröder und einen russischen Milliardär. Derweil hält der ukrainische Präsident Selenski Kriegsrat mit dem europäischen Führungstrio.Andreas Rüesch08.06.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenDer ukrainische Präsident Wolodimir Selenski am Sonntagabend in der Londoner Downing Street, vor seinem Treffen mit den Staatsführern von Frankreich, Grossbritannien und Deutschland.Justin Ng / Avalon / ImagoVor dem Hintergrund der militärischen Pattsituation in der Ukraine haben am Sonntagabend Beratungen zwischen Grossbritannien, Frankreich und Deutschland über das Vorgehen gegenüber Russland stattgefunden. Premierminister Keir Starmer, Präsident Emmanuel Macron und Bundeskanzler Friedrich Merz trafen sich in London zunächst zu dritt, danach setzten sie sich mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodimir Selenski zusammen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Zum Abschluss rief das Quartett in einer gemeinsamen Erklärung Russland zu einem sofortigen Waffenstillstand auf. Die Beratungen hätten unter anderem die Frage behandelt, wie man die Militärhilfe an die Ukraine ausweiten und Druck auf Russlands Kriegswirtschaft ausüben könne. Frankreich, Deutschland und weitere Länder Europas halten zudem den Moment für günstig, um eine neue Friedensinitiative zu lancieren. Sie würde das Vakuum füllen, das mit dem Abbruch der amerikanischen Vermittlungsbemühungen entstanden ist.Offener Brief zurückgewiesenZwar besteht weder Einigkeit über die Ziele eines europäischen Vorstosses noch darüber, wer mit dem Kreml verhandeln könnte. Aber sowohl Moskau als auch Kiew haben in den vergangenen Tagen Interesse an verstärkter Diplomatie signalisiert.Selenski schlug dem russischen Staatschef Wladimir Putin am Donnerstag in einem offenen Brief ein Treffen vor, um den Krieg zu beenden. Dies wurde von Putin zwar sofort als sinnlos zurückgewiesen. Im Kreml gibt man sich beleidigt darüber, dass Selenski seinen Vorstoss in selbstbewusstem, für russische Ohren hochmütigem Ton formuliert hatte. Aber Russland tritt nach diversen militärischen Rückschlägen weniger triumphalistisch auf als auch schon und streckt die diplomatischen Fühler aus.So hat Putin den früheren deutschen Kanzler Gerhard Schröder zu einem Vieraugengespräch empfangen, wie Ende letzter Woche aus dem Kreml verlautete. Schröder ist seit langem mit Putin befreundet. Nach seiner Regierungszeit war er als Lobbyist für das Pipelineprojekt Nord Stream und später als Aufsichtsratsvorsitzender des Ölkonzerns Rosneft in russische Dienste getreten. Nun sieht Putin ihn als seinen Wunschvermittler im Ukraine-Konflikt.Gerhard Schröder und Wladimir Putin haben sich im vergangenen Vierteljahrhundert unzählige Male getroffen – hier bei einer Zugfahrt 2004 in Norddeutschland.Getty Images EuropeDas Treffen im Kreml belegt, dass sich Russlands Diktator von der verbreiteten europäischen Ablehnung gegenüber Schröder nicht beirren lässt. Zugleich fällt auf, dass Putin noch einen zweiten informellen Gesprächskanal eröffnet hat. Im Mai reiste ein russischer Geschäftsmann mit Putins Einverständnis nach Kiew zu einer Unterredung mit Selenski, wie der Kremlchef am Freitag mitteilte. Selenski hat dies inzwischen bestätigt und in einem Fernsehinterview offengelegt, dass es sich bei dem Emissär um den Milliardär Roman Abramowitsch handelt.Der frühere Erdölmagnat ist eine naheliegende Figur für eine solche Mission, weil er Zugang zu Putin hat und als einer von wenigen Vertretern der russischen Elite ein gewisses Vertrauen in Kiew geniesst. Seit Kriegsbeginn hat er schon zweimal eine Schlüsselrolle in ähnlichen Vermittlungsaktionen gespielt. Gleich nach der russischen Invasion hatte er vergeblich einen raschen Friedensschluss auszuhandeln versucht. Später trug er zum Abschluss des sogenannten Getreideabkommens bei, einer Vereinbarung zur sicheren Ausfuhr von Lebensmitteln aus ukrainischen Häfen.Der russische Geschäftsmann Roman Abramowitsch im März 2022 während Ukraine-Gesprächen in Istanbul.ImagoEU noch ohne «klaren Kompass»Abramowitsch kam im Mai aus Kiew mit einem Vorschlag Selenskis zu einem russisch-ukrainischen Gipfeltreffen zurück. Putin ging darauf nicht ein, worauf Selenski die Idee letzte Woche öffentlichkeitswirksam in seinem Brief bekräftigte. Auch wenn der Vorstoss vorerst ins Leere ging, schliesst dies eine Fortsetzung von Abramowitschs Tätigkeit hinter den Kulissen nicht aus.Parallel dazu bringen sich die Europäer in Position. Sie sehen sich anders als die Amerikaner nicht als Vermittler, sondern als Verhandlungspartei. Das Treffen in London zeugt vom Anspruch der «drei Grossen», als Gruppe E3 wichtige Entscheidungen vorzuspuren. Aus Berlin verlautete jüngst, vor Verhandlungen brauche es einen «klaren Kompass» und ein «klares Zielbild». Das klingt nach vielen offenen Fragen.Der finnische Präsident Alexander Stubb wies in einem am Sonntag veröffentlichten NZZ-Interview darauf hin, dass man mit den Russen nur dann verhandeln könne, wenn sie nicht in einer Position der Stärke seien. EU und Nato tun sich derzeit jedoch schwer damit, den Druck auf Moskau zu erhöhen. Die USA haben sogar die Sanktionen gelockert und wollen laut «Politico» aus Rücksicht auf russische Befindlichkeiten die Stationierung von Tomahawk-Marschflugkörpern in Deutschland annullieren.Ein schmutziges Geheimnis besteht darin, dass das Szenario eines Waffenstillstands in der Ukraine die Europäer in Zugzwang brächte: Sie müssten plötzlich die Idee einer westlichen Schutztruppe für die Ukraine konkretisieren, wofür sie nicht ansatzweise vorbereitet sind. Zudem wären Vorkehrungen für den Fall zu treffen, dass Putin Truppen aus der Ukraine an die Grenze des Baltikums verlegt.Hochrisikoangriff bei AKWAllerdings deutet wenig auf einen baldigen Waffenstillstand hin. Russland hat im Mai eine Rekordzahl von Langstreckendrohnen gegen die Ukraine eingesetzt sowie mehrere grosse Raketenangriffe auf Kiew ausgeführt. Besondere Besorgnis erregte am Sonntag der Einschlag einer russischen Geran-Drohne in ein Gebäude des Atomkraftwerks Tschernobyl.Ein vom ukrainischen Atomenergiekonzern verbreitetes Bild zeigt die Schäden an einem der Gebäude im AKW Tschernobyl.EPAEinen erkennbaren militärischen Grund für eine Attacke in dieser risikoreichen Zone gibt es nicht. Laut der Internationalen Atomenergieagentur trat keine Radioaktivität aus, aber nur einige Meter entfernt würden grosse Mengen von Nuklearmaterial gelagert.Derweil fühlt sich die Ukraine im Krieg ermutigt, weil ihr in jüngster Zeit mehrere militärische Erfolge geglückt sind. Mit einem Drohnenangriff auf das Erdölterminal von St. Petersburg gelang es ihr, just zum Auftakt des dortigen internationalen Wirtschaftsforums dicke Rauchsäulen über dieser Metropole aufsteigen zu lassen. Eine weitere Drohne beschädigte in der nahen Marinebasis Kronstadt das russische Kriegsschiff «Boiki» schwer.Ein Satellitenbild zeigt Löscharbeiten an der russischen Korvette «Boiki», die am Mittwoch in einem Trockendock auf der Basis Kronstadt von einer Drohne in Brand gesetzt wurde.Vantor via APSystematische Luftangriffe auf die wichtigste Versorgungsroute zur Krim haben zudem eine Benzinkrise auf der besetzten Halbinsel ausgelöst. Nach einem Angriff am Sonntag auf die Tschonhar-Brücke zwischen der Provinz Cherson und der Krim meldeten die Besetzungsbehörden zudem, dass diese Strassenverbindung vorläufig geschlossen sei. Der ohnehin stark beeinträchtigte Verkehr durch die besetzte Südukraine zur Krim wird nun über eine mehr als 100 Kilometer längere Umwegroute geleitet.Passend zum Artikel