Es gibt Poesie und es gibt Poetikvorlesungen. Nicht jede muss gehalten, erst recht nicht jede verschriftlicht oder dokumentiert werden. Wenn aber die Gestalterin und Literatin Judith Schalansky ein Buch aus ihren Lehrveranstaltungen drechselt, die sie im Sommer 2025 in Frankfurt am Main anbot, entsteht daraus ein eigenes aufklappbares Kunstwerk in Text und Gestalt. „Marmor, Quecksilber, Nebel“ lautet der abnehmend dingfeste Titel ihres Triptychons. Dass man Sätze darin findet, mit denen man gar nicht oft genug bis über die Wolken klettern möchte und die man nun einfach immer wieder nachlesen kann, beleuchtet erst einmal nur die pragmatische Seite der Darreichung in Schriftform. Dazu kommen herangeschleppte Bilder in angegilbtem Schwarzweiß; Kopfzeilen, die jede Seite extra betiteln und sowohl beim Sich-Orientieren als auch beim Sich-Verlieren helfen; und ein Einband samt Titelei, der die drei Welten des Buches – von ihrem Glanz über das Schillern bis zum Verbleichen – bildnerisch noch einmal zusammenfasst. Was für eine Schatzkiste!
Ein Satz wie eine Himmelsleiter
Jetzt kommt so ein Beispielsatz, mit dem Schalansky, besser als ein noch so kühn anverwandelter Rezensent das könnte, ihre eigene Arbeitsweise beschreibt. Sie tut es, indem sie einen tiefen Blick in den Lesesaal der Berliner Staatsbibliothek an der Potsdamer Straße wirft und die schwindelerregenden, aber doch begrenzten Kapazitäten dieses Wissensspeichers feiert: „Aber gänzlich versunken in der Klärung eines nebensächlichen, doch entscheidenden Details, in der kaum merklichen Mehrung des Wissens, im stummen Stillen eines rasenden Hungers, der immer neuen Appetit entfacht, schimmert doch die Welt durch, diese possierliche, blaue, weiß umwölkte Kugel, und mit ihr Momente jähen, schwerelos taumelnden Glücks, Ahnungen und Erkenntnisblitze, als geometrische Formen verkleidete Weisheiten, ein selbstgenügsamer Zustand, der anhält, solange der Gedanke an das Ganze abgewehrt bleibt, die Vereinbarungen und Verbindlichkeiten, das Werk.“







