«Ideologisiertes Parteiprogramm!»: Der Regisseur Michael Steiner ist hässig«Sonja – ein Junkieleben» von Michael Steiner und Joel Basman ist ein Grosserfolg. Gefördert wurde das Theaterstück nicht. Kein Wunder, findet der Schweizer Regisseur. Um Kreativität gehe es in der Förderung schon lange nicht mehr.07.06.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenDie Stadt reisst sich um Tickets für das Theaterstück «Sonja – ein Junkieleben» von Joel Basman und Michael Steiner.Anna-Tia Buss für NZZAusverkauft, verlängert, wieder ausverkauft. Alle wollen «Sonja – ein Junkieleben» sehen, das Stück von Michael Steiner und Joel Basman, zwei, wenn man so will, Superstars des Schweizer Films. Basman spielt darin die fiktive Zürcherin Sonja, 50, drogensüchtig seit ihrer Jugend. Während er sie zum Leben erweckt und den Saal vom Bühnenrand bis zum Notausgang in seinen Bann zieht, fragt man sich: Warum wurde ausgerechnet dieses Stück von der Stadt Zürich nicht gefördert?Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Ausgangslage könnte kaum besser sein: Basman, Steiner und dann das Thema. Die offene Drogenszene der neunziger Jahre als trüber Fleck im kollektiven Erinnern der Stadt. So ein Stoff würde auch dem Schauspielhaus gut stehen. Warum also blitzten die beiden bei der Förderung ab? Dazu gibt die städtische Kulturabteilung keine Auskunft und weist darauf hin, dass die Gesuche von einer Fachkommission anhand von Kriterien wie Qualität, Originalität, Realisierbarkeit oder Vielfalt geprüft werden.«Wenn es sogar uns trifft!», sagt Steiner stöhnend am Telefon. «Joel und ich sind etablierte Künstler. Angenommen, ein junger da Vinci oder Michelangelo beantragten Kulturförderung für ein nicht konformes Projekt, diese Kommission würde diese Talente nicht erkennen.» Michael Steiner ist hässig. Auf die Bürokraten, die über die Fördertöpfe wachen, und auf die Diversity-Checklisten, die es bei den Förderstellen gibt. Denen gehe es schon lange nicht mehr um Kreativität, findet er. «Das ist keine Kunstförderung mehr, sondern ideologisiertes Parteiprogramm.» Wobei er damit keine bestimmte Partei meine, und er selbst sei, falls man das jetzt vermuten würde, auch nicht rechts, sondern Anarchist.Vorauseilender GehorsamSteiner ist sich sicher, dass die Absage für «Sonja» mit Checklisten zu tun habe. Joel Basman sei vom Gespräch mit der Kulturabteilung mit dem Eindruck zurückgekommen, es liege daran, «dass er eine Frau spielt. Niemand hat es ausgesprochen, aber sie hätten rumgedruckst deswegen», sagt Steiner. Die Kulturabteilung weist den Vorwurf zurück. «Die Tatsache, dass die Rolle einer Frau von einem Mann gespielt wird, war kein Absagegrund.» Und die Diversity-Checkliste werde bei Förderstellen im Bereich Filmproduktion angewandt. Bei der Kulturabteilung gebe es eine solche nicht.Diversity-Checklisten, die für Steiner nach politischem Eingriff in die Kunstfreiheit riechen, geben anderen wiederum ersehnte Möglichkeiten zur kreativen Entfaltung. 2015 publizierte die Stiftung Focal zum ersten Mal eine Studie dazu, wie die Fördergelder im Schweizer Film zwischen den Geschlechtern verteilt werden. 22 Prozent gingen an Frauen, der Rest an Männer.Diese Zahlen widerlegten die langgehegte Annahme, die Verteilung der Gelder sei gerecht. Mittlerweile, so zeigen Erhebungen des Bundes, ist sie ausgeglichener. Aber bei der Beschäftigung stellte die Studie zur «Gleichstellung im Schweizer Filmschaffen» 2021 fest, dass der Frauenanteil in den Bereichen Regie, Produktion und Drehbuch bei etwa 30 Prozent liegt.Während strukturelle Veränderungen Benachteiligten mehr Chancen und Möglichkeiten geben, drängt sich gleichzeitig die Frage auf: Ist in der Kulturförderung das Erfüllen von (gutgemeinten) formalen Vorgaben wichtiger als Originalität, Mut oder Radikalität?Michael Steiner sagt, er wolle ja nicht gegen Diversität reden. «Ich wurde beim Swiss Diversity Award für mein Lebenswerk ausgezeichnet.» Aber er stelle fest, wie diese Checklisten bei Produzenten zu vorauseilendem Gehorsam führten. Die wüssten genau, was sie einreichen müssten, damit sie Staatsgelder kriegten. Die Förderstellen beteuern, Checklisten seien nur als Richtlinie gedacht. «Bullshit, die Realität sieht anders aus», entgegnet Steiner.Er inszenierte das Theaterstück «Sonja – ein Junkieleben», weil er mit seinen Filmprojekten nicht vorankam. Vor zwei Jahren lehnte die Zürcher Filmstiftung (ZFS) seinen «Winkelried» ab, «weil zu männerlastig», wie er sagt. «Ich bin perplex ob solcher Aussagen. Da versucht jemand, die Kunst der Politik gefügig zu machen. Mit Totalitarismus in der Kunst beginnen Strömungen wie Kommunismus oder Faschismus.» Die ZFS sagt, man gebe aus Datenschutzgünden keine Auskunft über Anträge und Gründe für Ablehnung.«Wir wollen niemanden belehren»Im Moment versucht Steiner, einen Produzenten für sein Drehbuch über Blutrache unter Kosovaren zu finden. Aber: «Alle vier, die ich bisher angefragt habe, sagten: ‹Das fasse ich nicht an, das ist zu männlich, da bekommen wir keine Förderung.›» Selbst die Serie über die «Heidi»-Autorin Johanna Spyri, die sein Kollege Ditti Brook, ein Produzent, mit SRF entwickle, sei dem Fernsehen nicht weiblich genug, ärgert er sich. Brook präzisiert: «Sie wollten einfach mehr ‹female empowerment›, weil das die weibliche Zielgruppe von 20- bis 45-Jährigen anspreche.» Inhaltlich bedeute das, dass Spyris jahrelange Depression nur angedeutet werde und der Fokus darauf liege, wie sie sich von der Mutter frei- und das Schreiben erkämpfe.Steiner und Basman finanzierten «Sonja – ein Junkieleben» schliesslich mithilfe von Crowdfunding. Das brachte in zwanzig Tagen 30 000 Franken ein. «Und zum Glück hat uns die Kleinbühne Chur gebucht», meint er. Den unerwarteten Erfolg erklärt sich Steiner damit, dass «wir niemanden belehren wollen. Die Förderer wollen einen edukativen Charakter, aber dagegen wehre ich mich. Das ist der Tod der Kunst. Wir wollen nur eine gute Geschichte erzählen.»Wichtiger als Checklisten fände Steiner Mut zur Radikalität. Es sei ja nicht so, dass die Staatsgelder in Produktionen gesteckt würden, die viele Leute sehen wollten. «Ob im Theater oder im Film, wir haben so wenig Zuschauer wie noch nie. Und das liegt nicht an uns Autoren und Regisseuren.» Die Nachfrage nach Tickets für «Sonja – ein Junkieleben» lässt derweil nicht nach. Am 20. Juli spielen Steiner und Basman das Stück zum ersten Mal im Zürcher Kaufleuten. Die Vorstellung ist ausverkauft.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
Sonja – ein Junkieleben: Der Regisseur Michael Steiner greift die Kulturförderung an
«Sonja – ein Junkieleben» von Michael Steiner und Joel Basman ist ein Grosserfolg. Gefördert wurde das Theaterstück nicht. Kein Wunder, findet der Schweizer Regisseur. Um Kreativität gehe es in der Förderung schon lange nicht mehr.






