Im Exil in Mexiko überlebt Leo Trotzki einen Mordanschlag. Dann macht er einen fatalen FehlerDer russische Revolutionär wird 1940 von einem spanischen Agenten mit einem Eispickel erschlagen. Es ist der makabre Höhepunkt einer internationalen Hetzkampagne.07.06.2026, 05.30 Uhr13 LeseminutenIllustration Simon Tanner / NZZDer Besucher, der am 20. August 1940 den Innenhof der Villa an der Avenida Viena in Coyoacán betritt, wirkt nervös. Natalja Sedowa beobachtet ihn aus dem Fenster, wie er mit ihrem Mann vor den Kaninchenställen plaudert und mit ihm ins Haus geht. Sie kennt ihn, es ist Jacques Mornard, der belgische Geschäftsmann und Journalist, der seit einer Weile mit Sylvia Ageloff liiert ist und den alle Jacson nennen. Aber warum trägt er mitten im Sommer einen Mantel über dem Arm?Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Kurze Zeit später sind laute Schreie zu hören, vor allem ein langgezogenes «Aaaaaaa . . .!» Als die Wachen herbeieilen, liegt Leo Trotzki schwer verletzt am Boden, neben ihm umgeworfene Stühle, Blutflecken und zerknitterte Zeitungen, die runde Brille liegt verloren auf dem Pult. «Er darf nicht getötet werden», ruft Trotzki den Leibwächtern zu, die auf Mornard einschlagen, «er muss reden!»Den Leichenzug begleiten 300 000 MenschenEinen Tag danach stirbt der weltberühmte Revolutionär im Spital von Mexiko-Stadt. Im Kopf eine sieben Zentimeter tiefe Wunde von dem Eispickel, den Mornard unter seinem Mantel versteckt hatte. Es ist das traurige Ende eines Mannes, der sich zuletzt wie ein gejagtes Tier in seinem Bau versteckt, Kakteen gezüchtet und auf seinen Mörder gewartet hat.Dabei schien er einst dazu berufen, das grösste Land der Erde zu führen. Oder gleich die ganze Welt zu befreien, wie seine Anhänger hofften. 300 000 Menschen folgen seinem Leichenzug in Mexiko-Stadt, ein Rekord für einen Ausländer.Was die Weltöffentlichkeit damals erst ahnt: Trotzkis Ermordung ist der makabre Höhepunkt einer beispiellosen, von westeuropäischen und amerikanischen Claqueuren unterstützten sowjetischen Kampagne gegen angebliche Feinde des Sozialismus, die Hunderttausende Menschen das Leben kostet.Wer Jacques Mornard wirklich ist und wer seine Auftraggeber waren, erfährt man erst Jahre später. Denn anders als Leo Trotzki in seinem Todeskampf gehofft hat, redet er nicht.Guillotine für die «Feinde des Volkes»Geboren wird Leo Trotzki 1879 als Lew Dawidowitsch Bronstein im ukrainischen Janowka. Er wächst in einer Familie von aufgeklärten jüdischen Bauern auf. Von sozialrevolutionären und marxistischen Ideen inspiriert, wird er als junger Mann mehrmals von der zaristischen Polizei verhaftet, eingesperrt und verbannt. 1902 flieht er mit einem gefälschten Pass aus Sibirien und später nach London.Der Pass lautet auf den Namen Trotzki, den er sich von einem Gefängniswärter in Odessa aneignet. Unter diesem Nom de Guerre wird der mitreissende Redner und brillante Stratege 1917 zu einem der wichtigsten Anführer der russischen Revolution. Dies trotz Differenzen mit den Bolschewisten um Lenin, dem er einmal hellsichtig vorwirft, er strebe die Diktatur einer kleinen Parteielite an.Mit der Roten Armee, die er nach dem Kollaps des zaristischen Heeres ohne viel militärische Erfahrung aufbaut, trägt Trotzki massgeblich zur Rettung der Revolution bei, die während des Bürgerkriegs von einheimischen und ausländischen Armeen bedroht wird. Legendär ist dabei auch Trotzkis Rücksichtslosigkeit, die nicht nur reale Feinde trifft.Schon vor dem Bürgerkrieg sagt er 1917 bei einer Rede in Kronstadt, man müsse «die Feinde des Volkes» einen Kopf kürzer machen, wie in der Französischen Revolution. Vier Jahre später lässt er in der gleichen Stadt aufständische Matrosen massakrieren, die eher links als reaktionär sind («eine tragische Notwendigkeit», wie er später sagt).«Ist das ein Teufel?», fragt der Nazi-KünstlerAls die Bolschewisten 1922 mit der Sowjetunion den ersten kommunistischen Staat der Welt gründen, ist Trotzki neben Lenin der Star des neuen Regimes, das nicht weniger als ein irdisches Paradies für Arbeiter und Bauern schaffen will. Er gilt als aussichtsreichster Nachfolger des Revolutionsführers, im Ausland verkörpert er die Revolution fast noch mehr als Lenin. Trotzki, so schreibt die amerikanische Journalistin Anna Louise Strong noch 1925, werde geliebt für den Nervenkitzel, den er mit seinen neuen Ideen verursache, er inspiriere Millionen.Als Jude und Internationalist gibt er jedoch auch ein perfektes Feindbild ab. Der Nazi-Künstler Otto von Kursell stellt ihn 1921 in einer Broschüre von Alfred Rosenberg als «Leiba Trotzky-Braunstein» und «eigentlichen Diktator Russlands» vor. «Ist das ein Mensch?» lautet die Unterschrift, «Ein Teufel? Ein tollgewordn’er Faun? Sagt alles nur in allem: Ein Hebräer!»Die antisemitischen Wahnvorstellungen, die sich mit Trotzki bedienen lassen, macht sich sein Rivale Josef Stalin später selbst zunutze. Die Rivalität zwischen den beiden zeigt sich erstmals im Machtkampf innerhalb der kommunistischen Führungsriege, der nach Lenins Tod am 21. Januar 1924 ausbricht.Der 1922 von Lenin zum Generalsekretär berufene Josef Stalin intrigiert geschickt gegen den eitlen Trotzki, über den das Bonmot kursiert, er würde selbst auf dem Weg zur Hinrichtung zuerst nach einem Spiegel fragen. Über den mit Günstlingen besetzten Parteiapparat lässt er ihn als Gefahr für den Frieden und den Sozialismus darstellen. Denn der Held der Roten Armee beharrt darauf, die Revolution müsse in andere Länder exportiert werden, damit die Sowjetunion überleben könne.In dem vom Bürgerkrieg verwüsteten Staat weckt das nachvollziehbare Ängste vor neuen Konflikten, weshalb die Weltrevolution von einer Mehrheit lieber vertagt wird. Auch wenn die 1919 in Moskau gegründete Dritte Internationale (Komintern) die ihr angeschlossenen Parteien weiter auf einen weltweiten kommunistischen Umsturz einschwört.Aus allen Ämtern entfernt, aus der Partei geworfenZupass kommt Stalin, dass Trotzki das Talent hat, selbst potenzielle Verbündete zu brüskieren. Vor allem neigt er dazu, andere zu unterschätzen, wenn sie ihm intellektuell unterlegen sind. Und das sind die meisten.Stalin, der sich während der Zarenzeit nicht mit brillanten Analysen, sondern mit krimineller Geldbeschaffung für die Partei verdient gemacht hat, ist für Trotzki nichts weiter als die «hervorragendste Mittelmässigkeit unserer Partei». Ein pockennarbiger Grobian mit «beschränkten Interessen, mangelnden Visionen, psychologischer Plumpheit und dem besonderen Zynismus eines Kleinbürgers».Die Einsicht, wonach gerade diese Charakterzüge Stalins Stärke ausmachten, kommt Trotzki allerdings zu spät. Er hält sie 1929 im Exil in der Türkei fest, als er die Autobiografie «Mein Leben» schreibt. Zu jenem Zeitpunkt hat er bereits verloren, bloss will er sich das noch nicht eingestehen. Zuerst hat ihn Stalin aus allen Ämtern entfernt, dann aus der Partei geworfen und nach Kasachstan verbannt.Dort holt ihn eines Tages die Geheimpolizei ab und weist ihn mit seiner zweiten Frau Natalja in die Türkei aus. Es ist der Anfang einer lebenslangen Flucht. Stalin ist Ende der 1920er Jahre der unangefochtene Diktator des Sowjetreichs. Er setzt die Zwangskollektivierung der Landwirtschaft durch, die Hungersnöte mit Millionen Toten verursacht, und lässt das Land mithilfe von Zwangsarbeit und Terror industrialisieren.Wo er auch hinkommt, gibt es ÄrgerDie Geschichte schreibt der «grosse Steuermann» schon kurz nach Trotzkis Entmachtung um. Hatte er 1918 noch brav festgehalten, «Genosse Trotzki» habe beim Oktoberaufstand eine «unmittelbare», führende Rolle gespielt, behauptet er 1924, derselbe Mann sei nie wichtig gewesen, weder in der Partei noch während der Revolution. Um dieser Wahrheit Nachdruck zu verleihen, wird Trotzkis Name aus Artikeln und Büchern getilgt, sein Gesicht verschwindet aus Fotos, die ihn neben Lenin am Rednerpult zeigen.Die Sicherheitsorgane der Tscheka und anderer Geheimdienste, die bereits unter der Ägide von Lenin und Trotzki massenhaft «Volksfeinde» verhafteten und liquidierten, werden unter Stalin zu einem gewaltigen Repressionsapparat ausgebaut. Der Apparat verfolgt Feinde bis ins Ausland, und er spiegelt Stalins Rachsucht wider.Sicher kann sich Trotzki nirgends mehr fühlen. Weder auf der Insel Büyükada, die er im Juli 1933 Richtung Frankreich verlässt, noch in Norwegen, das ihm 1935 dank einer sozialdemokratischen Regierung Asyl gewährt. Wo er auch hinkommt, intervenieren die sowjetischen Behörden, um seine Ausweisung zu bewirken. Lokale Kommunisten und Faschisten machen Stimmung gegen ihn und drohen mit Überfällen.Hitlers selbstsichere geistige BeschränktheitGleichwohl schreibt Trotzki in Büchern und Artikeln unermüdlich gegen Stalin an. Er bezeichnet ihn als «Totengräber der Revolution», als Anführer einer bürokratischen Kaste, die man stürzen müsse. Und er sieht richtig voraus, dass die Strategie der Komintern, die Sozialdemokraten als «Sozialfaschisten» zu bekämpfen, am Ende nur Adolf Hitler hilft. Einem Mann, der sich laut Trotzki zunächst «nur durch grösseres Temperament, eine lautere Stimme und selbstsichere geistige Beschränktheit» ausgezeichnet hat.Die Antwort des Kreml lässt nicht auf sich warten. Die Opposition in der Sowjetunion ist zwar längst zerschlagen und Trotzki nicht wirklich gefährlich. Seine Versuche, im Exil ab 1933 eine Vierte Internationale aufzubauen als Alternative zur Komintern, sind mehr verzweifelt als erfolgreich. Dennoch bauscht Stalins Propaganda den Trotzkismus in den 1930er Jahren zur grössten Gefahr für die Menschheit auf, weil er angeblich das Gleiche ist wie der Faschismus.Die Vorwürfe sind umso absurder, als Trotzki nie zur Zerstörung der Sowjetunion aufgerufen hat. Vielmehr betrachtet er es als Pflicht, sie bei einem Angriff trotz aller «bürokratischen Entartung» zu verteidigen. Aber Stalin braucht Verschwörer, die er für all die Hungersnöte und Fehlschläge seiner Politik verantwortlich machen kann. Und wer eignet sich besser für die Rolle des Verräters als der Jude Trotzki?Verstümmelte Leiche in der SeineIn den grossen Schauprozessen, die von 1936 bis 1938 in Moskau inszeniert werden, spielt Trotzki die «phantastische Rolle eines Weltagentenführers» (Gerd Koenen). Ein Schwein mit Hakenkreuz, so stellen ihn Karikaturisten dar. Er soll mit westlichen Grossmächten und der Gestapo kooperiert haben, um den Sozialismus zu zerstören und Stalin zu töten.Wie «tollwütige Hunde», so tobt der Chefankläger Andrei Wyschinski, müsse man die Schuldigen erschiessen, welche die absurdesten Verbrechen gestehen. Neben alten Revolutionären wie Sinowjew und Kamenew landen allein von 1937 bis 1938 rund 1,5 Millionen Menschen in Folterkellern, Lagern und vor Erschiessungskommandos.Treffen kann es jeden, selbst Grossmütter, die Trotzkismus nicht einmal buchstabieren können, wie die Schweizer Gulag-Überlebende Elinor Lipper später berichtet. Mitsamt ihrer Sippe, so drückt es Stalin 1937 aus, müssten die Feinde vernichtet werden.Das gilt natürlich auch für Leo Trotzkis Familie und seine Freunde. Sein Sohn Sergei Sedow, der sich nie für Politik interessiert hat, wird 1935 verhaftet und zwei Jahre später erschossen. Am 16. Februar 1938 stirbt Trotzkis zweiter Sohn Leo in Paris. Dieser hat seinem Vater wie ein treuer Sekretär zugedient und all seine Launen ertragen. Einiges deutet darauf hin, dass er vergiftet worden ist. Ein paar Monate später verschwindet der Sekretär der Vierten Internationale, Rudolf Klement. Seine Leiche findet man in der Seine, ohne Kopf und ohne Arme.Leo Trotzki ist bewusst, dass ihn Stalin nur so lange am Leben lässt, bis er seinen Zweck als Popanz erfüllt hat.Prominenter Applaus für Stalin aus den USAAnfang 1937 siedelt er mit Natalja nach Mexiko über, auf Einladung der linken Regierung von Lázaro Cárdenas. Von begeisterten Anhängern, aber auch von wütenden Protesten der Kommunisten empfangen, zieht das Paar im Vorort Coyoacán ins Blaue Haus von Frida Kahlo und Diego Rivera.Das Künstlerpaar, das 1938 auch André Breton und dessen Frau einlädt, bewundert Trotzki. Mit Frida Kahlo hat der alte Revolutionär eine Affäre, die der eifersüchtige, notorisch untreue Rivera jedoch nicht bemerkt. Zu jener Zeit wird Trotzki die Gelegenheit geboten, im Blauen Haus vor einer unabhängigen, vom Philosophen John Dewey geleiteten Untersuchungskommission anzutreten. Und all die grotesken Vorwürfe zu widerlegen, die Stalins Ankläger in Moskau gegen ihn erhoben haben.Allerdings muss Trotzki mit ansehen, wie selbst scheinbar intelligente Leute auf die Propaganda des Kreml hereinfallen. In den USA wenden sich prominente Intellektuelle gegen Deweys Gegenprozess, der bloss Hitler «in die Hände spiele». Im April 1938 verkünden gar rund 150 Kulturschaffende ihre Unterstützung für die Urteile der Moskauer Prozesse gegen die trotzkistischen «Verräter». Auf der Liste finden sich Namen wie Dashiell Hammett und Dorothy Parker, die heute als Opfer des McCarthyismus gelten.Auch europäische Schriftsteller wie Romain Rolland und Louis Aragon halten zumindest öffentlich treu zu Stalins Reich. Obwohl dort bereits Zwölfjährige zum Tod verurteilt werden dürfen. Verstärkt wird die internationale Hexenjagd von den Anhängern der Kommunistischen Parteien, die überall Stimmung gegen die vermeintlichen Verbrecher machen, egal ob in New York, Zürich, Paris oder Barcelona.Trotzkisten, so schreibt die heute unkritisch verehrte spanische Kommunistenführerin Dolores Ibárruri 1937, müsse man «ausrotten und wie tollwütige Bestien erschlagen».Ein Mörder wird im Spanischen Bürgerkrieg rekrutiertIn diesem Milieu ist es für die sowjetischen Geheimdienste leicht, Spione und Mörder zu rekrutieren. Besonders aktiv sind sie in Spanien, wo die Sowjets der stalinistischen KP ab 1936 nicht nur im Bürgerkrieg gegen die Faschisten helfen, sondern auch bei der Verfolgung und Liquidierung von linken Konkurrenten, die man des Trotzkismus beschuldigt.Einer der Agenten vor Ort heisst Leonid Eitingon alias General Kotow. Sein Spezialgebiet sind Entführungen und Attentate. Und er hat den Auftrag, trotzkistische Organisationen zu infiltrieren – auch im Hinblick auf den zu erwartenden Befehl Stalins, «den Alten» in Mexiko endgültig aus dem Weg zu räumen. Eine Aufgabe, die angesichts der vermeintlich monströsen Verbrechen Trotzkis Orden und ewigen Ruhm verspricht.Eitingon rekrutiert unter anderem Caridad Mercader, eine fanatische Anhängerin Stalins aus wohlhabenden Verhältnissen, die behauptet, sie habe es mit allen Führern der KP Frankreichs getrieben und ihr Hass auf die bürgerliche Gesellschaft rühre daher, dass ihr Mann sie ins Bordell geschleppt habe. Einer ihrer Söhne ist im Krieg gefallen, die beiden anderen sind ebenfalls stramme Stalinisten.Allen voran der 24-jährige Ramón Mercader, der schon bei der Entführung und Ermordung des spanischen Trotzki-Sympathisanten Andrés Nin seine Finger im Spiel hatte.Nächtlicher Überfall auf die Festung an der Avenida VienaErmuntert von seiner Mutter und aufgrund seiner Fähigkeiten wird Ramón Mercader 1937 in die Sowjetunion, möglicherweise auch nach Frankreich geschickt, um unter Anleitung von kommunistischen Offizieren das Töten zu lernen. Und die Gabe, sich in eine andere Person zu verwandeln, mit neuer Biografie und unverdächtigen politischen Ansichten. Eine dieser neuen Identitäten heisst Jacques Mornard.Die Trotzkis leben zu jener Zeit zunehmend wie Gefangene. Nachdem sich Lew Dawidowitsch mit seinem Gastgeber Diego Rivera verkracht hat, ziehen sie Anfang 1939 in eine nahe gelegene Villa an der Avenida Viena, die schrittweise zur Festung ausgebaut wird, mit Wachtürmen, Alarmanlage und gepanzerten Türen.Obwohl ihn Mitarbeiter warnen, empfängt Trotzki immer wieder Besucher in seinem Arbeitszimmer. Dies selbst nach dem 23. Mai 1940. In jener Nacht stürmen mehrere Männer in die Villa und schiessen auf das Schlafzimmer, wo sich die Trotzkis und ihr Enkel Esteban Wolkow unter dem Bett verstecken. Wie durch ein Wunder bleiben alle fast unverletzt, abgesehen von einem Streifschuss an Estebans Fuss.Unter den Tätern ist David Alfaro Siqueiros, ein kommunistischer Maler, der Ketten sprengende Indigene malt oder sich selbst mit gereckter Faust verewigt. Zudem findet die Polizei die Leiche von Robert Sheldon Harte, einem Leibwächter Trotzkis, der dem Mordkommando Zugang zum Haus verschafft hat. Später stellt sich heraus, dass er sowjetischer Agent und Mitglied der KP der USA war.«Stalin will meinen Tod», schreibt Trotzki zwei Wochen nach dem Überfall. Tatsächlich ist im über 10 000 Kilometer entfernten Moskau der Mordbefehl längst erteilt worden. Mehrere Agententeams halten sich bereit, um die Geheimoperation (Deckname: «Ente») abzuschliessen.Die Falle mit dem ZeitungsartikelDennoch schöpft Trotzki zunächst kaum Verdacht gegen einen gewissen Jacques Mornard, einen gutaussehenden Journalisten aus Belgien, der nach dem Anschlag der Siqueiros-Gruppe vermehrt an der Avenida Viena auftaucht. Der Diplomatensohn und Journalist beschäftigt sich seltsamerweise überhaupt nicht mit Politik und gibt sich gegenüber dem grossen Revolutionär anfänglich betont desinteressiert. Er behauptet, er sei mit einem kanadischen Pass nach Mexiko gekommen, unter dem Namen Frank Jacson, um dem Militärdienst zu entgehen und Geschäfte zu treiben.Seit 1938 ist Mornard alias Jacson mit Trotzkis Mitarbeiterin und Anhängerin Sylvia Ageloff liiert, einer New Yorkerin, die er in Paris kennengelernt hat. Er freundet sich mit den Wachen an, macht sich mit freundschaftlichen Diensten nützlich. Die Trotzkis sind von dem jungen Mann angetan, einmal laden sie ihn mit Sylvia Ageloff zum Tee ein.Als er am 20. August 1940 die Villa betritt, will er mit Trotzki zum zweiten Mal einen Artikel besprechen, den er, nun plötzlich doch an Politik interessiert, verfasst hat.In der Tasche hat er ein fingiertes Schreiben, wonach ihn Trotzki zum Mord an Stalin anstiften wollte. Eitingon und seine Mutter warten in einem zweiten Auto an der Avenida Viena auf ihn. Trotzki beugt sich wie erhofft über den schlecht geschriebenen Artikel, den er schon in der ersten Version furchtbar fand, um genervt Kommentare zu kritzeln. Es ist sein letzter Fehler. Mercader schlägt mit voller Wucht zu.Die Flucht gelingt ihm nicht mehr, bei der Verhaftung weint und schreit er. Die NZZ schreibt am 23. August 1940, Trotzki sei «in Moskau gedungenen Mördern» zum Opfer gefallen. Mit Sicherheit weiss man das erst 1953, als die mexikanischen Behörden Fingerabdrücke vergleichen und Ramón Mercader identifizieren. Der amerikanische Autor Isaac Don Levine gehört 1959 zu den Ersten, welche die Hintergründe des Mordes aufdecken. Damals sitzt Mercader wegen Mordes bereits 19 Jahre im Gefängnis, darauf beharrend, dass er Mornard heisse.Ein Versuch von Caridad Mercader, ihren Sohn mithilfe sowjetischer Agenten aus dem Gefängnis zu befreien, scheitert. Als er 1960 entlassen wird, muss Mercader erkennen, wie sich die Zeiten geändert haben. Zwar wird er bei einem Zwischenstopp in Kuba von Fidel Castro empfangen, doch in der vom Tauwetter erfassten Sowjetunion sind stalinistische Mörder ein wenig peinlich.Unter falschem Namen begrabenImmerhin erhält Mercader nach dem Lenin-Orden (den ihm Stalin 1940 in Abwesenheit verliehen hat) 1960 auch noch den Orden «Held der Sowjetunion». Der erlaubt es ihm in seiner neuen Heimat Moskau, sich in den Warteschlangen vor den Geschäften vorzudrängeln. Mercader stirbt 1978 in Havanna an Krebs. Begraben wird er in Moskau, unter falschem Namen, neben anderen Spionen. Der Schrei seines Opfers soll ihn ein Leben lang verfolgt haben.Mercaders Mutter Caridad lebt dank einer Pension aus der Sowjetunion in Paris und arbeitet dort kurzzeitig bei der kubanischen Botschaft, wo sie als stalinistischer als Stalin gilt. Sie stirbt 1975, unter einem Bild ihres Idols. Ihr mutmasslicher Geliebter Eitingon wird nach dem Krieg selbst von Stalins Schergen verhaftet, wie viele Agenten vor ihm; im Zuge einer antisemitischen Kampagne beschuldigt man ihn, ein «wurzelloser Kosmopolit» zu sein. Er überlebt, weil Stalin am 5. März 1953 stirbt.Sylvia Ageloff wird nach dem Mord an Trotzki verhaftet und befragt, darf aber kurz nach dem Attentat nach New York ausreisen. In Artikeln, Romanen und Dokumentarfilmen wird sie bis heute als hässliches Entlein und «leichtes Opfer» (Arte) dargestellt, das dem Verführer Mercader verfällt. Allerdings wird diese Version von trotzkistischen Forschern neuerdings bezweifelt. Aufgrund von Ageloffs Intelligenz und der systematischen Unterwanderung der amerikanischen Trotzkisten halten sie es für wahrscheinlicher, dass das vermeintliche Dummchen eine Agentin war.Auch Frida Kahlo und Diego Rivera geraten kurzzeitig in Verdacht, etwas mit dem Mord zu tun zu haben. Sie sind mit Siqueiros befreundet und wenden sich nach dem Bruch mit Trotzki wieder dem Stalinismus zu.Trotzkis TestamentLeo Trotzki, von dem die NZZ 1940 schreibt, er werde «schwerlich eine fühlbare Lücke» hinterlassen, gerät wegen der Wirren des Zweiten Weltkriegs zunächst etwas in Vergessenheit. Später inspiriert er viele Schriftsteller, Musiker und Studenten.Die Punkband Stranglers verewigt ihn 1977 im Hit «No More Heroes». Bei George Orwell erscheint er als Hassfigur Goldstein im Roman «1984» und bei «Animal Farm» als Schwein Snowball, das die Revolution der Tiere anführt, um danach als Spion und Verräter verleumdet zu werden. Im Zuge der 68er-Revolte werden Trotzkis Ideen plötzlich wieder populär. Zumindest in studentischen Kreisen, denen die moskauorientierten Kommunisten im Westen zu wenig revolutionär sind.Kritiker sehen Trotzki heute vor allem als Opfer seiner eigenen Ideologie, die stets zu Gewalt und Terror führe. «Der Tod ereilte ihn früh», schreibt sein konservativer Biograf Robert Service, «weil er für eine Sache gekämpft hatte, die destruktiver war, als er jemals vermutet hatte.» Andere wie Slavoj Zizek sehen den Revolutionär trotz allen Irrtümern als Inspirationsquelle für die radikale Linke.Ein Demokrat wurde Trotzki nie, bei aller Kritik am Stalinismus. «Das Leben ist schön», schreibt er 1940 in seinem Testament. «Möge es die kommende Generation reinigen von allem Bösen, von Unterdrückung und Gewalt und es voll geniessen.»Der politische MordVerschwörungen, Attentate und politische Morde prägen die Geschichte und verändern die Welt. Aber wie laufen sie ab? Was macht sie erfolgreich, was bringt sie zum Scheitern? Welche Nebenwirkungen haben sie? Und was passiert mit den Opfern und den Tätern? In einer Artikelserie widmet sich die NZZ in den kommenden Wochen einigen der gravierendsten politischen Morde der Weltgeschichte. Am 13. Juni lesen Sie über den französischen Hugenottenführer Gaspard de Coligny, der als eines der ersten Opfer der Bartholomäusnacht am 24. August 1572 von Attentätern erstochen wurde.Passend zum Artikel
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Der russische Revolutionär wird 1940 von einem spanischen Agenten mit einem Eispickel erschlagen. Es ist der makabre Höhepunkt einer internationalen Hetzkampagne.






