Die vier Sätze, die Wim Wenders nicht sagte. Und die vieles anders gemacht hättenJust zur Ehrung für sein Lebenswerk ist der deutsche Regisseur von einer Klage Nastassja Kinskis eingeholt worden. Die Schauspielerin verlangte die Löschung einer Szene, die sie als 13-Jährige halbnackt zeigt. Wenders brauchte quälend lange für seine Antwort.07.06.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenAP; Bearbeitung NZZaSEs hätte der perfekte Moment werden können. Als Wim Wenders letzte Woche im Berliner Palais die Bühnentreppe emporstieg, zeigten die Bildschirme Schwarz-Weiss-Bilder aus seinem Leben, die 1900 Gäste erhoben sich und klatschten minutenlang Beifall. Wenders umarmte den Moderator und die Live-Band und nahm dann die goldene Ehren-Lola des Deutschen Filmpreises entgegen. Der 80-Jährige, Monument des Neuen Deutschen Films, hätte sich im Beifall suhlen können, die Medien hätten es wohlwollend vermeldet, und ein paar Tage später hätte die Öffentlichkeit es wieder vergessen. Wäre da nicht dieser Zeitungsartikel gewesen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Eine Woche vor Wenders’ grossem Auftritt veröffentlichte die «Süddeutsche Zeitung» einen Artikel über ihn. Darin geht es um «Falsche Bewegung», eine Peter-Handke-Verfilmung von 1975, vielfach ausgezeichnet. In dem Film gibt es eine Szene, die ein junges Mädchen mit nacktem Oberkörper zeigt. Ein erwachsener Mann, nur mit Unterhose bekleidet, schlägt es ins Gesicht und streichelt es dann. Das Mädchen war Nastassja Kinski. Sie war 13 Jahre alt.Aus dem Mädchen wurde ein Weltstar: Kinski drehte mit Roman Polanski, Francis Ford Coppola und zwei weitere Male mit Wenders selbst. Heute ist sie 65 Jahre alt und sagt: Die Szene von damals sei nicht in Ordnung gewesen. Niemand habe sie beschützt, auch der Regisseur nicht. Ihre Mutter war nicht am Set und wusste nichts von der Szene. Kinski verlangt, dass sie herausgeschnitten wird. Und fordert eine Entschädigung.Für Wenders wäre es an diesem Freitagabend ein Leichtes gewesen, die Situation zu entschärfen. Er hatte das Mikrofon in der Hand und die Augen der gesamten deutschen Filmelite auf sich gerichtet. Einmal kurz durchatmen, und dann: «Nastassja, es tut mir leid. Was dir damals passiert ist, war falsch. Ich hätte dich schützen müssen. Verzeih mir.» Vier Sätze. Doch Wenders entschied sich anders.Er sagte, die «Sensibilitäten» hätten sich geändert und dass er es heute nie mehr so machen würde. Dem «jungen Mann», der er vor 50 Jahren gewesen sei, könne er jedoch keinen Vorwurf machen. Der habe schliesslich einen Film in seiner Zeit gemacht.Die Verantwortung wälzte er auf die Anwesenden ab. Es würden sich Fragen stellen, die «euch alle betreffen», rief er ins Publikum. «Wie geht man mit Film-Erbe um? Darf man, kann man, soll man vielleicht eine Szene schneiden, wenn es in diesem Fall einer meiner Schauspielerinnen, die ich sehr verehrt habe und verehre, weh tut? Darf man das?»Man darf. Man kann. Als die Missbrauchsvorwürfe gegen Kevin Spacey publik wurden, schnitt der Regisseur Ridley Scott ihn aus dem fertigen Film «All the Money in the World» heraus und ersetzte ihn innert Wochen durch Christopher Plummer. Und als #MeToo Hollywood erfasste, strich Disney eine Szene aus «Toy Story 2», in der eine Figur jungen Barbiepuppen Filmrollen gegen Gefälligkeiten anbietet. Der Film war damals 20 Jahre alt.Dank der «Süddeutschen Zeitung» war bekannt geworden, dass Kinski seit über 10 Jahren versucht, die Szene herausschneiden zu lassen, sogar mit anwaltlicher Hilfe. Doch Wenders liess sich laut Kinskis Anwalt nicht einmal zu einem persönlichen Gespräch bewegen. Im Nachgang der Preisverleihung drohte der Anwalt sogar mit einer Klage.Wim Wenders’ Rede sorgte in Deutschland für Aufruhr. In den Leitmedien, von «Spiegel» bis «Zeit», konstatierten Journalistinnen, der Kulturbetrieb habe auch nach 10 Jahren #MeToo nichts gelernt. Selbst die feministische Ikone Alice Schwarzer meldete sich zu Wort. «Wim: Höre auf zu reden – und handle! Schneide endlich diese verdammten zwei Minuten raus aus deinem Film!», schrieb die 83-Jährige in der Zeitschrift «Emma».Am Mittwoch veröffentlichte Wenders dann plötzlich ein Statement auf seiner Website. Er werde alle Streaming-, TV- und Vertriebspartner anweisen, den Film nicht mehr zugänglich zu machen, bis eine einvernehmliche Lösung gefunden sei. Und er entschuldigte sich: «Als einziger der damals für ‹Falsche Bewegung› handelnden Verantwortlichen, der noch da ist, sehe ich, dass Nastassja Kinski damals hätte besser beschützt werden müssen. Dafür bitte ich dich um Entschuldigung, Nastassja, ohne Wenn und Aber.»Es sind die Worte, die er am Freitagabend hätte sagen können. Oder vor 10 Jahren. Aber er hat es getan. Für Nastassja Kinski ist das ein Anfang.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
Die vier Sätze, die Wim Wenders nie sagte – und ein jahrelanger Konflikt
Just zur Ehrung für sein Lebenswerk ist der deutsche Regisseur von einer Klage Nastassja Kinskis eingeholt worden. Die Schauspielerin verlangte die Löschung einer Szene, die sie als 13-Jährige halbnackt zeigt. Wenders brauchte quälend lange für seine Antwort.














