Mit dem Taxi durch die Welt: Eine Nacht durch IstanbulWer Istanbul verstehen und etwas über das Leben lernen will, der unterhalte sich mit Taxifahrern.Konstantin Arnold07.06.2026, 05.30 Uhr8 LeseminutenIstanbul: Die Stadt röchelt und wuselt.Sarah Pannell / Kintzing / Connected ArchivesDiese Geschichte beginnt auf der Rückbank eines türkischen Taxis. Im Stau. Auf der Fahrt vom Flughafen Istanbul-Sabiha Gökçen, asiatische Seite, in die Stadt. Meine Gedanken flackern, angezündet von den religiösen Monumenten Istanbuls, dem Licht vorbeirauschender Strassenlaternen, von Parfumwerbung, die verschleierten Frauen Freiheit verspricht, und Ampeln, die dramatisch rot leuchten. Ein Rot, das niemand zu beachten scheint.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Wir fahren vorbei an einer Strassensperre, an Polizisten mit Maschinengewehren und an einigen der weissen Häuser, über die schon Ernest Hemingway schrieb, als er 1922 für einen Zeitungsjob nach Istanbul kam.Ich hingegen komme überstürzt und gegen viel Widerstand am Bosporus an. Ohne Handgepäck. Wieso Istanbul, wieso jetzt, wo alles voll mit düsteren Nachrichten ist? Genau deswegen.Die letzte Nacht war kurz, meine Freunde verdrehten die Augen, meine Mutter riet mir einmal mehr, bloss nicht in ein Flugzeug zu steigen. Seit meiner Kindheit kämpfe ich gegen ihre Angst an. Dass meine Heimatstadt näher an Kiew liegt als Istanbul an Teheran, ist ihr egal. Der Mensch hat eine düstere Vorstellung von der Welt, deren 61 staatliche Konflikte sich gerade im Livestream über die Welt verteilen.Goldene MitteIch hingegen hole mir meine Informationen statt aus dem Netz schon länger lieber von den heimlichen Länder-Korrespondenten: den Taxifahrern.Als Portugal während der Pandemie zum Seuchenstaat erklärt wurde, sass ich in einem Taxi in Lissabon. Kurz vor Russlands Angriff auf die Ukraine in einem in St. Petersburg – und just bevor der Krieg in Nahost eskalierte, in einem in Amman, mit dem ich bis nach Kairo gefahren wäre, um mir die Welt vom Taxifahrer erklären zu lassen.So vieles, was ich weiss, wurde mir von diesen Leuten erzählt. Wenn sich die Fronten verhärten und Menschen statt mehrerer Meinungen nur noch eine tolerieren, suche ich nach der goldenen Mitte.Geografisch gesehen ist diese Mitte nirgends besser zu finden als in Istanbul, das seit über 1600 Jahren eine Brücke zwischen Europa und Asien bildet. Ein kulturelles, wirtschaftliches und religiöses Zentrum, das schon im Mittelalter Ost und West verband, einst unser europäisches Wissen verwaltete und später mit osmanischem Einfluss zurück nach Europa trug.Heute muss in Istanbul jeder stets irgendwohin. Die Stadt wuselt, röchelt, rush-houred, sieht benutzt aus, ist voller Menschen, die Schuppen, Drüsen, Geschlechtsteile und Klingeltöne haben wie ich und mein Taxifahrer. Ihm sei das hier zu voll, aber im Auto ginge es, solange es sich nur staut und nicht steht und im Radio einheimische Musik läuft.Wir kommen über eine der drei Brücken, die Asien und Europa im Tauziehen seiner Unterschiede zusammenhält. 15 Millionen Einwohner sollen in dieser Stadt leben oder 20 oder 25 Millionen, so richtig weiss das keiner, auch nicht mein Taxi-Mann. Ist die Stadt europäisch oder asiatisch oder beides?«Sie besteht aus osmanischer Luft und europäischem Laub, das auf asiatische Gebäude fällt, in denen viele verschiedene Menschen in Eintracht leben und sich wundern, warum das der Rest der Welt nicht schafft», antwortet er.Jetzt das Freitagabendgebet, Männer, Moscheen, die sich über Lautsprecher verständigen. Das Wort Gottes hallt durch die Nacht. Goldgemalte Schrift auf grünem Grund. Mir gefallen diese geistigen Feste, weil sie gut sind gegen die Aufgeregtheit unserer Zeit, das strikte Programm ihrer Gebete wirkt Karrieregeilheit und längerem Arbeiten entgegen. Sie bremsen die Überschallgeschwindigkeit unserer Zeit und ihre ewig wechselnden Trends.Der Taxifahrer zeigt im Vorbeifahren auf Orte. Hier soll sich einst das Schicksal der Welt entschieden haben. Und dort auch. Vor allem aber hier, wo jetzt eine Mall steht, habe es Zehntausende dahingerafft. Osmanen gegen Griechen gegen Byzantiner.Die Geschichte ist so alt, man kann sie überall spüren, selbst im Stau, daran können auch Malls und parkierte Renault Clios nichts ändern. Die einst reichste und grösste Stadt der Welt herrschte bis Österreich und Afrika. An Konstantinopel musste die Welt vorbei, und wäre die Welt ein Land gewesen, dann wäre Istanbul laut Napoleon Bonaparte ihre Hauptstadt.Schon schön hier, murmle ich vor mich hin, so dass mein Taxifahrer das hören kann. Er sagt, ich sei ja gar kein richtiger Europäer. Ein richtiger Europäer habe Phantasien vom Weltende und wäre jetzt in Untergangsstimmung. Er sagt, die Menschen in Europa würden glauben, die besten Zeiten seien vorbei.Bereits die alten Griechen hielten die Zeit vor ihnen für die goldenere, als die Götter noch auf der Erde wandelten und Menschen sich von Eicheln ernährten.Brücke zwischen Asien und Europa.Marco Arguello / Connected ArchivesEuropa leidet am Bedeutungsverlust, wirtschaftlich, militärisch, moralisch. Die Amerikaner vergessen manchmal, dass es Europa gibt. Und was sie davon mögen, haben sie in Las Vegas nachgebaut. Sie sehen unseren Kontinent als Freizeitpark für Touristen und Flüchtende aus aller Welt, und irgendwie hat der Taxifahrer recht.Unsere Kinder spielen in den Ruinen der Vergangenheit, zwischen Blindgängern aus Weltkriegen und Bildern von van Gogh. Sie heiraten unter Deckengemälden restaurierter Stadtpaläste des Barock, lernen Griechisch und Latein, seufzen vor Tradition und feiern Trauergottesdienste nach einer zweitausendjährigen Liturgie, bevor sie mit ihren Ahnen unter der Erde liegen.Keine Gegenwart, nur GeschichteWas für den Taxifahrer, der sich als Byzantiner sieht, europäisch sei, möchte ich wissen. Kaffeehäuser und Ideen, sagt er. Europa sei eine Idee aus Tausenden von Ideen, die in unseren Bibliotheken reiften. Platon, Sokrates, Aristoteles, Epikur, er kenne sie alle, aber er kenne auch Zoroaster, einen antiken persischen Weisheitslehrer, ohne den es keinen Platon gegeben hätte.Wir Europäer kämen stets mit unserem Stoizismus, den Kirchenvätern, dem Mittelalter, der Renaissance. Wir hätten die Natur gezähmt und in Gärten wie den Jardin du Luxembourg in Paris gesteckt. Wir hätten Peter Sloterdijk, und wir hätten wahrlich eine grosse Geschichte, sagt der Taxifahrer, aber Europa habe keine einheitliche Gegenwart mehr, die einmal Geschichte werden könnte.Ob das mein erstes Mal hier sei, fragt er mich jetzt. Nein, ich komme alle paar Jahre. Das erste Mal für eine türkische Hochzeit, auch um mit Vorurteilen abzurechnen, die man hat, wenn man in Deutschland geboren wurde, Bushido gehört und ein wenig in Köln studiert hat.Europa ist ein Zuhause für mich und Istanbul ist genauso ein Teil davon wie St. Petersburg, weil die Welt für mich nicht aus einem einzigen Ort besteht, sondern aus vielen, die sich alle für einzigartig halten.Ich sei deshalb gerne hier und da, sage ich, und weil ich das nicht immer sein könne, sei ich viel an anderen Orten. Neapel, Palermo, Kairo, Südtirol, aber auch Rom und Wien. Ich hätte dort meine Leute, meine Lokale, meine Routinen und machte mit meinem Leben einfach anderswo weiter. Paris und Rom haben die gleiche Kunst, dieselben Götter, eine Zeitzone, den gleichen Grössenwahn. Wir glaubten, Europa gehöre uns, weil wir dort geboren seien und lange genug auf einem Stück davon stünden.Aber es ist alles nur geliehen.Wie mir denn die türkische Hochzeit gefallen habe? Gut, sage ich, vor allem das viele Tanzen, doch es habe zu viel Raki gegeben, den türkischen Anisschnaps.Im Gegensatz zum artverwandten Pastis aus Südfrankreich ist nicht wichtig, wie man Raki trinkt – sondern, mit wem man ihn trinkt. Seinen letzten habe er vor dieser Fahrt mit einem zwei Meter grossen Osmanen oder Perser oder Byzantiner gekippt, erzählt der Taxifahrer. In einem Lokal, in dem jeder willkommen sei, und das nicht nur dann, wenn er aussehe wie jeder.Heute, meint er, habe jeder eine Meinung, was ja okay sei, nur habe jede Meinung auch ihre eigene Bar. Deswegen gehe man kaum noch in ein Lokal und trinkt Raki mit jemandem, der nicht derselben Meinung sei, und glaube am Ende noch selbst, was man sage.Wir fahren über erhellte Plätze, durch kleine Gassen. Ich sehe Menschen auf Bordsteinen bei einem Glas Tee auf weissen Plastikstühlen, wie man sie aus dem Schrebergarten und von der Klagemauer kennt. Neonlicht fällt aufs Trottoir.Es ist nicht die Hektik, die man sonst aus muslimischen Ländern kennt, nicht die gleiche Nervosität. Sogar die Katzen sehen wohlgenährt aus. Wenig verschleierte Frauen, und bei denen, die man sieht, legt sich alles Schöne auf die Augen. Ich frage mich, ob sie das wollen oder ihre Eltern oder ihre Männer oder die Männer von anderen. Vielleicht arrangieren sich diese Frauen auch nur mit der Tatsache, dass so viele Männer genitalgesteuert sind, Kriege führen, sich die Haare transplantieren lassen und dauernd eifersüchtig sind.Und die Bazare, ob ich die Bazare schon kenne? Diese berühmten labyrinthischen Handelszentren aus dem 15. Jahrhundert. Parfumladen an Kofferladen an Gewürzladen an Brautmodeladen an Fleischerei für Innereien. Es riecht nach tausendundeinem Ding, so wie es in Büchern über den Orient und den Okzident steht. Überall wird gewerkelt. Überall hängt Mustafa Kemal Atatürk, der einstige Begründer der Republik Türkei.Im Vorbeifahren sehe ich Gucci, Prada, Balenciaga. Alles gefälscht, besser als das Original. Ich habe einmal einen «Luis Vitton»-Schal gekauft, ohne zu wissen, was Louis Vuitton ist, bis mir im Pera Palace, dem ältesten europäischen Hotel der Türkei, jemand ein Kompliment dafür machte. Ich fuhr wütend zurück, fühlte mich betrogen – und kam mit zwei anderen gefälschten Schals zurück.Wer auf dem Bazar kauft, wird natürlich betrogen, aber mit einer Leidenschaft, die einem das Gefühl gibt, für einen Moment der wichtigste Mensch auf der Welt zu sein.Die grösste Lektion zum SchlussDer Mond scheint unterdessen voll und weiss auf uns herab und hinter uns her, von Asien nach Europa, über das Meer, vom Morgen- ins Abendland. Osmanische Nächte sind so etwas wie ein immaterielles Weltkulturerbe, wie das Wiener Kaffeehaus oder das Gefühl, in Florenz zu sein. Arabische Städte sehen bei Nacht wacher aus.Die Bars sind voll mit Leuten, und man möchte sich mit Tee in die Nacht stürzen.Für Mitteleuropäer fühlt sich Istanbul an, als laufe nur die Demoversion eines Lebens, bei der die guten Sachen noch nicht freigespielt sind. Im Radio kommt etwas über Erdogan, und der Taxifahrer sagt, dass es damals, zur Tulpenzeit um 1800, keine Kriege gegeben habe. Die Leute verbrachten ihre Zeit damit, den Vögeln zuzuhören, sie schnitten Tulpen und assen Turkish Delight.Wir fahren am Museum der Unschuld vorbei, benannt nach dem gleichnamigen Roman des Nobelpreisträgers Orhan Pamuk, und halten vor dem Pera Palace, so wie schon Agatha Christie, Pierre Loti und Liam Neeson.Der Taxifahrer will 5000 Lira von mir. Kahretsin! Verdammt! 1500 wären normal. Ich weiss, er zieht mich ab, aber ich hoffe insgeheim, dass er mit dem Abziehen auf den Nächsten wartet und mich auf der Fahrt vom Flughafen nicht schon so abzieht, wie wenn man zurückfährt, den Flieger erwischen muss und die Zeit zugunsten der Taxifahrer tickt und sie das mit morgenländischer Ruhe aussitzen.Heute sei Freitag, erklärt er, der Unfall, die Führung, das Museum, er sei extra für mich über die Brücke gefahren, ausserdem verliere Fenerbahçe, sein Lieblingsklub.Er sagt es auf eine tückische und türkische Weise, und man gibt ihm, was er verdient, und eben mehr. So bleibe ich, nach einer Taxifahrt voller Lektionen, mit einem Vorurteil gegenüber Taxifahrern zurück, die man besser nicht für das ganze Land hält.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
Istanbul bei Nacht: Eine Taxifahrt voller Lektionen und Eindrücke
Wer Istanbul verstehen und etwas über das Leben lernen will, der unterhalte sich mit Taxifahrern.









