Gastkommentar«Ein dreister und beispielloser Diebstahl geistigen Eigentums»: Die Brandrede des Verlegers der «New York Times»KI-Giganten bezahlen die Arbeit ihrer Ingenieure, die Chips der Rechenzentren und natürlich den Strom. Den wichtigsten Faktor ihres Geschäfts aber stehlen sie: die Inhalte und Daten. Der Verleger der «New York Times», Arthur Gregg Sulzberger, ruft seine Kollegen weltweit zum Handeln auf – zum Erhalt der Medien und des öffentlichen Diskurses.Arthur Gregg Sulzberger07.06.2026, 05.30 Uhr11 LeseminutenLetztes Jahr veröffentlichte die «New York Times» fast eine halbe Million journalistischer Beiträge zu Kosten von über zwei Milliarden Dollar: Der Newsroom der Zeitung in Manhattan.Sarah Krulwich / The New York Times / Redux / LaifDas Zeitalter der künstlichen Intelligenz hat vor weniger als vier Jahren mit der Einführung von Chat-GPT begonnen. Innerhalb weniger Monate verzeichnete der Chatbot von Open AI 100 Millionen Nutzer – er ist das am schnellsten gewachsene Konsumprodukt der Geschichte und bildet heute eines von vielen immer leistungsfähigeren KI-Angeboten, neben denen von Anthropic, Google, Meta, Microsoft und X.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Es besteht kein Zweifel daran, dass generative KI die nächste grosse technologische Revolution ist. Wird sie einen Produktivitätsschub auslösen? Ganze Berufsgruppen überflüssig machen? Medizinische Durchbrüche bringen?Ich bin heute hier, um über ein paar enger gefasste Fragen zu sprechen, die aber für mich, für Sie und für die Gesellschaft von fundamentaler Bedeutung sind: Wie wird KI die Medien verändern? Wie wirkt sich das auf das Informationsökosystem aus, das weltweit dem öffentlichen Diskurs dient? Und was können wir tun, um die Zukunft einer Berichterstattung auf der Grundlage von Fakten zu sichern?Die ersten Anzeichen geben Anlass zur Sorge. Die Tech-Giganten festigen ihre Kontrolle über unsere Daten und unsere Aufmerksamkeit. Gleichzeitig versäumen sie es, eine zentrale Verantwortung wahrzunehmen, die mit dieser Macht einhergeht – nämlich sicherzustellen, dass die Öffentlichkeit Zugang zu vertrauenswürdigen Informationen hat.Die Erbsünde der KI: Ein dreister DiebstahlIhre Vereinnahmung des öffentlichen Diskurses wird durch die Erbsünde ermöglicht, die ihren Produkten zugrunde liegt – ein dreister Diebstahl geistigen Eigentums in beispiellosem Ausmass. Tech-Giganten plündern Nachrichtenwebsites ohne Erlaubnis und Entschädigung. Sie verpacken diese gestohlenen Inhalte neu und ziehen so das Publikum und die Einnahmen ab, die sonst den Nachrichtenorganisationen zugutekommen würden, die diese Arbeit gemacht haben. Und das geschieht nicht nur einmal, während des Trainingsprozesses, sondern unzählige Male jeden Tag.Infolgedessen steuern wir auf eine Zukunft zu, in der es immer weniger Journalisten gibt, die die teure, schwierige Arbeit der originären Berichterstattung leisten, zu Schauplätzen reisen, mit Menschen sprechen, Informationen ausgraben. Dieser potenzielle Schaden reicht weit über den Nachrichtenbereich hinaus; er bedroht auch die Zukunft von Büchern, Filmen, Musik und Forschung.Die hier versammelten Personen leiten Nachrichtenorganisationen aus mehr als sechzig Ländern. Und wir alle müssen in Bezug auf KI mehr tun. Unser Berufsstand war angesichts dieser Missbräuche bisher zu still, zu passiv und zu zersplittert. Wir können nicht tatenlos zusehen, wie KI-Unternehmen versuchen, die Rechte, die uns die Kontrolle über unsere Arbeit geben, dauerhaft zu untergraben.Innovation contra RechtsbruchEinige Technologieführer werden meine Äusserungen als Anti-KI oder als Verteidigung des alten Status quo darstellen. Die «New York Times» allerdings kann auf eine lange Tradition zurückblicken, neue Technologien zu nutzen, um die Mission des unabhängigen Journalismus voranzubringen. Und um es hier ganz klar zu sagen: Sie nutzt KI-Technologie bereits – verantwortungsbewusst, ethisch und mit Menschen als Entscheidern –, um die Art und Weise zu verbessern, wie wir berichten, redigieren, unseren Journalismus verbreiten und monetarisieren. Eine neue Technologie auf Distanz zu halten, ist ein Rezept für Misserfolg.Ich behaupte auch nicht, dass KI von Natur aus schlecht oder böse ist. Ich warne nur davor, dass KI-Unternehmen Entscheidungen treffen, die gegen geltendes Recht verstossen, die Lebensfähigkeit kreativer Arbeit bedrohen und wahrscheinlich viel unnötigen Schaden anrichten werden.Die Medienunternehmen sollten das Gute anstreben, das ihnen KI bringen kann. Aber die Tech-Unternehmen sollten auch den gesunden, nachhaltigen Fluss von Informationen, Ideen und Kreativität unterstützen wollen, der KI antreibt.KI-Modelle bestehen aus vier grundlegenden Bestandteilen: erstens aus Talent (der Arbeitskräfte, Entwickler oder Ingenieure). Zweitens aus Rechenleistung (also aus Chips und den Rechenzentren). Drittens aus Energie (also Elektrizität). Und viertens aus Daten (gemeint sind da urheberrechtlich geschützte Inhalte wie Bücher, Filme und Journalismus).Die ersten drei Komponenten werden anstandslos bezahlt. Kein Tech-CEO würde erwarten, dass Ingenieure umsonst arbeiten oder Chips aus einer Nvidia-Fabrik stehlen. Anders bei den sogenannten Daten, die nehmen KI-Unternehmen ohne Zustimmung oder Entschädigung.Ihre Argumente für diesen Diebstahl halten keiner Prüfung stand. Sie behaupten, die Innovation erfordere dies, Verhandlungen dauerten zu lange oder: die sogenannte Fair-Use-Doktrin erlaube es ihnen. Doch ein Chatbot kann nur deshalb Fakten ausspucken, weil er ganze Nachrichtenartikel illegal kopiert hat. Fair Use erlaubt diese Art des schädlichen, ersetzenden Kopierens, Speicherns und Wiederkäuens eines einzelnen Werks nicht, geschweige denn von allem, was die Menschheit jemals hervorgebracht hat. Im Wettbewerb mit China schwächt sich Amerika selbst, indem es den Schutz des geistigen Eigentums aufgibt, der Innovationen beflügelt und Amerikas kreative Unternehmen antreibt.Die kombinierte Marktkapitalisierung der sechs führenden KI-Unternehmen beträgt 11 Billionen Dollar – das ist mehr als das Dreifache des BIP von Frankreich. Der Diebstahl geschieht also sicherlich nicht aus Geldmangel. Dennoch fliessen weniger als ein halbes Prozent der KI-Investitionen in die Vergütung der Menschen und Unternehmen, die die Daten erstellen. Dabei hat Open AI selbst eingeräumt, dass es «unmöglich wäre, die heute führenden KI-Modelle ohne die Verwendung urheberrechtlich geschützter Materialien zu trainieren». Ein Ingenieur schrieb treffend, der Erfolg der Modelle hänge vom Datensatz ab, von nichts anderem. Mit anderen Worten: Man ist, was man isst.Das Fallbeispiel «New York Times»Wenn Sie umfassende und genaue Antworten in Ihrem KI-Chatbot wünschen, fällt es schwer, sich eine bessere Datenquelle vorzustellen als ein Medium wie die «New York Times», die seit 175 Jahren erfahrene, gut bezahlte professionelle Journalisten beschäftigt, um neue Informationen aufzudecken, aktuelle Ereignisse zu dokumentieren und Entwicklungen in Politik und Gesellschaft zu analysieren. Allein im letzten Jahr veröffentlichte die «New York Times» fast eine halbe Million solcher Beiträge – von Artikeln über Fotos und Videos bis hin zu Podcasts – zu Kosten von über 2 Milliarden Dollar.Qualitätsjournalismus ist für Technologieunternehmen extrem wertvoll, weil er unabhängig überprüft und nach höchsten Standards erstellt wurde. Obwohl KI-Unternehmen ihre Trainingsquellen geheim halten, war die «New York Times» die grösste Einzelquelle für geschützte Daten. KI-Unternehmen betrachten das Beziehen von Informationen aus hochwertigen Medien als eines der sichersten Anzeichen dafür, dass ihre Produkte korrekt funktionieren. Wie ein Vizepräsident von Microsoft sagte: «Premium-Inhalte verbessern die Antwortqualität erheblich.»Dennoch argumentieren die Tech-Giganten, sie müssten nicht um Erlaubnis bitten. Meta trainierte Modelle mit raubkopierten Büchern, Perplexity ignoriert Crawling-Verbote, Open AI fordert rechtliche Immunität.Aus diesem Grund hat die «New York Times» Open AI, Microsoft und Perplexity vor Gericht gebracht. Die Verstösse gegen das Urheberrecht gefährden die langfristige Fähigkeit, vertrauenswürdigen Journalismus bereitzustellen. Doch Gerichtsverfahren sind langwierig und kostspielig. Unser Verfahren dauert bereits zweieinhalb Jahre und hat über 20 Millionen Dollar gekostet. Den meisten Nachrichtenorganisationen fehlen die Ressourcen für einen solchen Kampf.Das Ende des «Abonnements des offenen Webs»Schon vor der KI kämpfte die Branche ums Überleben. In den letzten zwei Jahrzehnten haben die USA 75 Prozent ihrer Journalisten und mehr als 3000 Zeitungen verloren. Die Umwälzungen durch KI werden voraussichtlich noch verheerender sein.Bisher gab es einen echten – wenn auch unausgewogenen – Werteaustausch im offenen Web: Suchmaschinen und Social-Media-Plattformen strichen zwar den Grossteil der Werbeeinnahmen ein, leiteten im Gegenzug aber über Links erheblichen Traffic an Medienunternehmen weiter. In der nächsten Phase der Disruption nehmen sich nun die Tech-Unternehmen auch den Journalismus und einen wachsenden Anteil von dessen Publikum.Man betrachte Google. Die Nutzer gingen zu Google, suchten nach einem Thema und klickten dann auf einen Link zu Websites wie der «Financial Times», «Le Monde» oder «El País», um den Artikel zu lesen. Google strich den Grossteil der Werbeeinnahmen ein. Aber es leitete über Links auch erheblichen Traffic an Medienunternehmen weiter, wodurch die Verlage Geld verdienen konnten, indem sie Anzeigen schalteten oder Abonnements verkauften. In der KI-Ära nimmt sich Tech nun auch das Publikum.Google nutzt zunehmend unsere Inhalte, um Fragen direkt auf der Suchseite zu beantworten. Es ist heute zehnmal schwieriger als vor einem Jahrzehnt, einen Nutzer dazu zu bringen, auf einen Link zu klicken. Miteinander konkurrierende KI-Modelle leiten sogar 96 Prozent weniger Traffic weiter als die traditionelle Google-Suche. Microsofts KI wirbt unverblümt: «Anstatt dich durch Links zu klicken, können wir über alles sprechen.»In der Folge verzeichneten die grössten Zeitungen in den letzten vier Jahren einen durchschnittlichen Besucherrückgang von mehr als 45 Prozent. Geringere Besucherzahlen bedeuten entgangene Werbemöglichkeiten, während die Werbeeinnahmen der Zeitungen ohnehin bereits um 80 Prozent eingebrochen sind. Allein Meta erzielt mittlerweile achtmal so viele Werbeeinnahmen wie alle Zeitungen der Welt zusammen. Auch Bezahlschranken schützen nicht zuverlässig: Eine Studie zeigte, dass etwa 30 Prozent der KI-Bot-Scrapes gegen ausdrückliche Zugriffsbeschränkungen verstossen.Zwar haben einige Verlage Lizenzverträge unterzeichnet, doch es ist fraglich, ob dies die Verluste ausgleicht. Kleineren Verlagen wird meist gar keine Entschädigung angeboten. Andere haben Mikrozahlungen von KI-Unternehmen für jeden einzelnen Scrape und jede Nutzung von journalistischen Inhalten akzeptiert. Es gibt jedoch gute Gründe, zu bezweifeln, dass beides ausreichen wird, um die Einnahmen und Leser auszugleichen, die an miteinander konkurrierende KI-Produkte verlorengegangen sind.Die Tech-Plattformen haben nie ernsthafte Versuche unternommen, die zugrunde liegenden Arbeiten selbst zu erstellen. Sie übernehmen einfach die Berichterstattung anderer. Open AI nennt in nur 1 Prozent der Antworten die Nachrichtenorganisation, die die Information eigentlich aufgedeckt hat.Um es klar zu sagen: Ich bringe diese Bedenken nicht vor, weil Nachrichtenorganisationen Konkurrenz fürchten sollten. Wenn die Tech-Unternehmen echte Ressourcen investieren würden, um eigene Reporter vor Ort einzusetzen und originären Journalismus zu produzieren, würde ich das begrüssen. Aber das ist nicht der Fall.Während frühere Disruptionen wie Spotify zumindest eine symbiotische Beziehung suchten, agiert KI rein parasitär. Ein leitender Forscher bei Microsoft schrieb, dass eines der «Kernversprechen von LLM» ihre Fähigkeit sei, «ihre Trainingsdaten als Ersatz für die bezahlte Arbeit derjenigen zu nutzen, die diese Daten erstellt haben».KI-Produkte können keine Originalberichterstattung leisten. Sie durchforsten die öffentlichen Aufzeichnungen, fügen ihnen aber nichts Neues hinzu. Und selbst das Durchforsten ist fehlerhaft: Untersuchungen zeigen, dass führende KI-Assistenten in fast der Hälfte aller Antworten die Nachrichten erheblich falsch darstellen. Da KI dazu neigt, Unsicherheit schlecht auszudrücken, ist sie oft nicht nur falsch, sondern selbstbewusst falsch. Und im Gegensatz zu den Nachrichtenorganisationen, von denen sie Inhalte stehlen, verfolgen oder korrigieren KI-Unternehmen solche Fehler nicht, so dass ihre Nutzer keine Möglichkeit haben, zu erkennen, wann sie in die Irre geführt wurden.Dies ist unter anderem deshalb von Bedeutung, weil KI-Produkte für viele Menschen wahrscheinlich nicht nur eine Ergänzung, sondern einen direkten Ersatz für die Beziehung zu Nachrichtenorganisationen darstellen werden. Umfragen deuten darauf hin, dass dieser Wandel weitaus schneller voranschreitet, als die meisten Menschen vermuten.Bezeichnenderweise behaupten KI-Unternehmen nicht, dass die Ergebnisse ihrer Produkte zuverlässig sind. Sie sagen auch nicht, dass sie fair oder korrekt sind. Das liegt zum Teil daran, dass sie es nicht sind. Microsoft warnte bei der Einführung von Copilot: «Nur zu Unterhaltungszwecken. Es kann Fehler machen und funktioniert möglicherweise nicht wie beabsichtigt. Verlassen Sie sich bei wichtigen Entscheidungen nicht auf Copilot. Die Nutzung von Copilot erfolgt auf eigene Gefahr.»Eine schwächelnde Nachrichtenbranche mag machtlos erscheinen. Aber es gibt Massnahmen, die wir ergreifen können. Was den Schutz Ihrer Arbeit vor Tech-Unternehmern angeht, so habe ich vier zentrale Gedanken:1. Setzen Sie sich für Ihre Rechte ein: Die Rechte an geistigem Eigentum müssen gewahrt bleiben. Der alternative Weg, den systematischen Diebstahl stillschweigend zu tolerieren, wird letztlich Ihre Fähigkeit, diese Arbeit fortzusetzen, zunichtemachen.2. Gehen Sie bei Verhandlungen umsichtig vor: Es ist vernünftig, wenn Nachrichtenorganisationen Verträge über die Lizenzierung von Inhalten an KI-Unternehmen abschliessen. Ich rate Ihnen jedoch dringend, die langfristige Tragfähigkeit jedes Vertrags zu prüfen. Fragen Sie bei Lizenzangeboten, ob die Vergütung auch nur annähernd dem fairen Wert entspricht – und ob Sie weiterhin ein Mitspracherecht darüber behalten, wie Ihre Arbeit genutzt wird.3. Setzen Sie sich bei Gesetzgebern ein: Wir brauchen eine kurze Liste klarer Forderungen: Schutzrechte stärken; verlangen, dass Bots sich identifizieren und das illegale Kopieren einschränken; Transparenz bei den Trainingsdaten einfordern; und sicherstellen, dass KI-Unternehmen die rechtliche Verantwortung für diffamierende Inhalte tragen.4. Schliessen wir uns zusammen: Wir stehen einer Übermacht gegenüber. Der einzige Weg, diesem Einfluss entgegenzuwirken, besteht darin, zusammenzuarbeiten – auch mit anderen kreativen Branchen. Schauen Sie sich an, wie unsere Kollegen aus der Musikbranche und anderen Berufen ihre «Napster-Momente» gemeistert haben.Es gibt aber auch Massnahmen, die wir ergreifen können, um unsere eigenen Medien widerstandsfähiger zu machen, während wir uns dieser Herausforderung stellen. Auch hier wieder vier Ideen:1. Setzen Sie KI richtig ein: Redaktionen sollten durchdachte Standards für den verantwortungsvollen Einsatz von KI schaffen und die Technologie aggressiv nutzen, um das eigene Geschäft zu stärken. An der Technologie ist nichts falsch – es sind die Handlungen der Konzerne, die reformiert werden müssen.2. Seien Sie in erster Linie eine Anlaufstelle: Der klarste Weg führt über direkte Beziehungen zum Publikum. Nutzer müssen lernen, dass es besser ist, direkt mit Ihrer App oder Website zu interagieren als über einen KI-Vermittler.3. Konzentrieren Sie sich auf originäre Berichterstattung: Viele Nachrichtenorganisationen haben sich selbst untergraben und zu einer Ware gemacht, indem sie versuchten, die sich ständig ändernden Präferenzen von Such- und Social-Media-Algorithmen mit Clickbait, Aggregation und reisserischen Kommentaren zu bedienen. Die wirtschaftlichen Aussichten dieses Ansatzes werden sich noch weiter verschlechtern. Um in einer von KI vermittelten Welt eine Anlaufstelle zu sein, braucht man einen Journalismus, der so unverwechselbar ist, dass er seine eigene Anziehungskraft besitzt. Die Öffentlichkeit hat keine andere Quelle für diese Arbeit. Die KI auch nicht.4. Erklären Sie, warum Journalismus wichtig ist: Wir müssen deutlich machen, dass originäre Berichterstattung ein wesentlicher Bestandteil einer gesunden Demokratie ist – und aufzeigen, wie die Handlungen der Tech-Giganten diese gefährden.Handeln, bevor der Tsunami da istWährend des letzten digitalen Wandels schlossen sich viele Verlage naiv der Silicon-Valley-Floskel an, dass «Informationen frei sein wollen». Stewart Brand fügte damals jedoch noch hinzu: «Informationen wollen auch teuer sein, weil sie so wertvoll sind.» Wir können es uns diesmal nicht leisten, so naiv zu sein. Die Tech-Giganten sind heute grösser und weitaus eher bereit, ihre Macht skrupellos einzusetzen. Diese ersten KI-Wellen kündigen einen herannahenden Tsunami an.Während wir uns vorbereiten, müssen wir uns daran erinnern: Informationen sind wertvoll. Journalismus ist wertvoll.Das Internet ist bereits von Bots und Schund überflutet. Es wird immer schwieriger, zu erkennen, woher Dinge stammen und ob sie wahr sind. Dies hat zu einem wachsenden Gefühl geführt, dass man nichts mehr trauen kann, was von jedem eine fast paranoide Wachsamkeit gegenüber allem erfordert oder, schlimmer noch, einen Abstieg in den Nihilismus.Die Folge ist nicht nur, dass die Menschen Unwahrheiten glauben, sondern dass sie auch den Wahrheiten nicht mehr glauben. Diese giftige Kombination führt bereits dazu, dass sich immer mehr Menschen gänzlich zurückziehen. Die Tech-Unternehmen winken diese Trends ab und sagen: «Nicht unsere Schuld.» Oder noch vielsagender: «Nicht unser Problem.»Nachrichtenorganisationen sollten sich als verlässliche Alternative zu diesem Chaos positionieren. Umfragen zeigen: Wenn jemand eine Information überprüfen möchte, ist die bevorzugte Option eine vertrauenswürdige Nachrichtenquelle. Ganz unten auf der Liste steht der KI-Chatbot.Wer sonst wird an die Fronten des Krieges gehen? Uns in Krisen mit verlässlichen Fakten versorgen? Die Lügen von Politikern aufdecken? Journalisten. Die Frage ist, ob der Wert dieser Arbeit von den Tech-Giganten dauerhaft abgeschöpft wird oder ob er an die Medienunternehmen zurückfliesst. Ich glaube, dass die Zukunft unserer Nachrichtenorganisationen und das Wohlergehen des öffentlichen Diskurses davon abhängen, wie wir darauf reagieren.Arthur Gregg SulzbergerGettyArthur Gregg «A. G.» Sulzberger, 45, ist der Chef der The New York Times Company und Herausgeber der «New York Times». Der Spross der langjährigen Eigentümerfamilie der Zeitung hat die – hier leicht gekürzte und bearbeitete – Rede in Marseille am Kongress der World Association of News Publishers gehalten.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel