Interview«Wir sollten mit Putin reden», sagt Finnlands Präsident Alexander Stubb. Er ist der Europäer, der mit Trump kannIm Interview im Präsidentenpalast in Helsinki weist Stubb auf die bessere Lage der Ukraine im Verteidigungskrieg gegen Russland hin und erklärt, ob er sich auch eine Rolle als Europas Verbindungsmann für Putin vorstellen kann.Robert Sundman, Helsinki07.06.2026, 05.30 Uhr9 LeseminutenDer finnische Präsident Alexander Stubb ist überzeugt, dass Artikel 5 im Nato-Bündnis noch funktioniert.Saara Mansikkamäki / The New York Times / LaifSie sind der Präsident eines relativ kleinen Landes, Finnland hat fünfeinhalb Millionen Einwohner. Aber Sie sind auch dafür bekannt, Donald Trump nahezustehen. Sie spielen Golf mit ihm, er respektiert Sie.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Alexander Stubb: Ich möchte meinen Einfluss auf den Präsidenten der Vereinigten Staaten nicht überbewerten. Aber es ist richtig, ich komme aus einem kleinen Land, und es ist sehr wichtig, ein gutes Arbeitsverhältnis mit dem mächtigsten Präsidenten der Welt zu haben. Unsere Beziehung begann durch Golf, aber die Tiefe dieser Beziehung reicht weit darüber hinaus, und das hängt damit zusammen, dass Finnland über Dinge verfügt, an denen die Vereinigten Staaten interessiert sind, wie Eisbrecher, Mineralien und Quantentechnologie. Und es gibt natürlich diesen Respekt vor unseren Streitkräften, der vom amerikanischen Präsidenten und zuletzt auch von seinem Aussenminister zum Ausdruck gebracht wurde.Für jemanden, der mit Trump umgehen kann, muss der Streit um Grönland eine grosse Belastung sein. Sie klangen kritischer, als der amerikanische Präsident Anspruch auf diese grosse Insel erhob, die zum Gebiet des Nato-Verbündeten Dänemark gehört.Ich würde eher sagen: pragmatisch. «Kritisch» ist ein starkes Wort. Aussenpolitik ist nie schwarz-weiss, sie ist nie binär. Der Präsident und ich, wir kennen uns seit etwa anderthalb Jahren, nicht länger. Und natürlich haben sich die Themen in dieser Zeit geändert. Im ersten Jahr haben wir viel an der Ukraine und an Russland gearbeitet, jetzt geht es eher um Iran, wo für Finnland weniger auf dem Spiel steht. Die Themen variieren, aber wir stehen immer in Kontakt. Wir haben zuletzt diese Woche Textnachrichten ausgetauscht.Alexander Stubb und Donald Trump beim Golf in Mar-a-Lago.Finnische Präsidentschaft via Social MediaIst das Kapitel Grönland nun erledigt?Unser Ziel Anfang dieses Jahres war es, zu versuchen, die Situation einzudämmen und einen Ausweg zu finden. Das haben wir geschafft, glaube ich. Es gibt zwei Auswege: trilaterale Gespräche, also die Verhandlungen, die zwischen Grönland, Dänemark und den Vereinigten Staaten laufen, sowie die Stärkung der Sicherheit in der Arktis, insbesondere die Aufnahme entsprechender Formulierungen in das Schlussdokument des Nato-Gipfels in Ankara im Juli. In beiden Punkten sind wir auf einem guten Weg.Vertrauen Sie auf Artikel 5 der Nato und darauf, dass die USA Finnland oder beispielsweise den baltischen Staaten im Fall eines Angriffs zu Hilfe kommen würden?Ja, auf jeden Fall. Bei der Abschreckung geht es um zwei Dinge. Es geht um Fähigkeiten, und es geht um die Sprache. Was die Fähigkeiten angeht, habe ich hundertprozentiges Vertrauen, denn wir sind das grösste Militärbündnis der Welt. Wir haben die grösste Armee an unserer Seite, die Vereinigten Staaten. Was die Sprache angeht, würde ich mir wünschen, dass unsere Abschreckung etwas robuster wäre. Aber dann haben wir natürlich auch zwei Länder, die Artikel 5 stärken: Finnland und Schweden, die dem Bündnis beigetreten sind. Wir alle erhöhen zudem unsere Verteidigungsausgaben. Die Beistandsgarantie von Artikel 5 wird also tatsächlich stärker.Zur PersonAlexander StubbDer 58-Jährige ist seit Juni 2024 Staatspräsident Finnlands. Als junger Mann wollte er eigentlich Golfspieler werden und studierte mit einem Golf-Stipendium Politikwissenschaften an der Furman University in South Carolina. Am Ende ging er doch in die Politik, schloss sich der liberal-konservativen Nationalen Sammlungspartei in Finnland an. Er wurde 2008 Aussenminister, war von 2014 an für eineinhalb Jahre Regierungschef, dann Finanzminister. Nach einer verlorenen innerparteilichen Entscheidung zog sich Stubb 2017 aus der Politik zurück, bis ihm mit der Wahl zum Präsidenten ein Comeback gelang.Es gibt Geheimdienstberichte, wonach Russland nach dem Ende des Krieges in der Ukraine oder sogar jetzt einige der Nato-Länder wie die baltischen Staaten auf die Probe stellen wolle. Glauben Sie an diese Bedrohung?Nein. Warum sollte Russland Artikel 5 auf die Probe stellen, wenn es in vier Jahren nicht gelungen ist, die Ukraine zu erobern? Im Zweiten Weltkrieg hat es vier Jahre gedauert, bis Russland Berlin erreicht hat – 1600 Kilometer haben sie zurückgelegt –, und jetzt sind die Russen während des aktiven Krieges etwa 60 Kilometer in die Ukraine vorgedrungen. Die Ukraine ist auf dem Schlachtfeld in einer besseren Position als jemals zuvor seit Beginn des Krieges. Hybride Tests Russlands gegen Nato-Länder wird es immer geben, Cyberangriffe, Sabotage, aber militärische, kinetische Tests? Die Leute müssen sich einfach beruhigen. Ich verstehe die öffentliche Debatte, aber ich sehe alle Geheimdienstberichte, ich lese sie sehr sorgfältig, ich habe eine umfassende Einschätzung der Verteidigungsfähigkeiten eines Landes wie Finnland. Und es ergibt keinen Sinn, das zu testen.Worauf stützen Sie Ihre Einschätzung, die Ukraine sei jetzt erstmals in einer besseren Position in diesem Krieg?Auf Fakten.Und welche sind das?Im ersten Kriegsjahr ging es für die Ukraine ums Überleben. In den folgenden drei Jahren ging es um Widerstandsfähigkeit, und jetzt geht es um Mathematik. Mathematik auf dem Schlachtfeld.Mathematik?Erste Rechnung: Die Ukrainer haben in den vergangenen sechs Monaten jeden Monat etwa 35 000 russische Soldaten getötet oder verwundet. Dazu kommt zweitens: Die Russen können monatlich etwa 27 000 Mann rekrutieren – es gibt also einen Mangel. Fakt Nummer drei: Im Dezember lag das Verhältnis bei den Opfern bei eins zu drei – auf einen Ukrainer kamen drei Russen; jetzt ist es eins zu acht. Fakt Nummer vier: 95 Prozent der Opfer sind die Folge von Angriffen mit Drohnen und Raketen, es gibt also weniger direkte Auseinandersetzungen von Mensch zu Mensch. Fakt Nummer fünf: Es gibt eine 20 bis 40 Kilometer breite «killing zone», eine Todeszone, an der Ost- und Südfront. Die Sterblichkeitsrate liegt bei fast 95 Prozent, wenn man diese Zone betritt, und die Russen schicken jeweils ein bis sieben Soldaten hinein, die Ukrainer hingegen nicht. Fakt Nummer sechs: Im März feuerten die Ukrainer zum ersten Mal mehr Raketen und Drohnen auf Russland ab, als die Russen abwehren konnten. Und die Ukraine ist in der Lage, 10 Millionen Drohnen in einem Jahr zu produzieren. Fakt Nummer sieben: Im April eroberte die Ukraine zum ersten Mal mehr Gebiete zurück, als sie an Russland verloren hatte.Hinzu kommt, dass in Russland mittlerweile die Mehrheit der Bevölkerung gegen den Krieg ist. Zum einen wegen der Fähigkeit der Ukraine, Ziele in Russland fern von der Front mit Drohnen und Raketen anzugreifen, die nach Moskau und St. Petersburg fliegen, wie wir auch diese Woche gesehen haben. Zum anderen wegen der Einschränkungen des Internets. Putin musste Telegram und Whatsapp sperren, und dies begann sich auf das reale Leben auszuwirken.Für Russland läuft der Krieg gegen die Ukraine gerade nicht besonders gut. Nach einem Drohnenangriff steigen von einem Öllager in St. Petersburg dicke Rauchwolken auf.APDer ukrainische Präsident Wolodimir Selenski hat Putin jetzt in einem Brief ein Treffen vorgeschlagen, um über Frieden zu verhandeln. In Europa wird viel darüber diskutiert, dass es sich irgendwie an Verhandlungen beteiligen und den russischen Präsidenten anrufen sollte. Was halten Sie davon?Ja, ich glaube, wir sollten mit Putin reden. Mit den Russen kann man nur dann verhandeln, wenn sie nicht in einer Position der Stärke sind. Wir müssen das gemeinsam mit den Amerikanern tun, aber uns gleichzeitig die Frage stellen, ob die amerikanische Aussenpolitik gegenüber Russland und der Ukraine derzeit im Interesse Europas liegt. Wenn nicht – und in bestimmten Aspekten ist das nicht der Fall –, dann müssen wir uns engagieren. Aber auf koordinierte Weise. Idealerweise würde der erste Schritt von der Europäischen Union kommen, und wenn das scheitert, von den E3, also Frankreich, Deutschland, Grossbritannien, und wenn auch das scheitert, müssten wir ein anderes Format finden.Es gibt Spekulationen, dass Sie derjenige sein könnten, der Putin anruft?Viele Spekulationen, aber ich glaube, der Inhalt ist wichtiger als die Person. Ich würde es vorziehen, wenn eine Gruppe von Personen solche Verhandlungen übernimmt, und deshalb habe ich eine Rangfolge festgelegt: zuerst die EU-Institutionen, dann die grossen Jungs und Mädels in Europa, und falls dann Hilfe aus dem «Backoffice» nötig ist, geht das auch in Ordnung, aber für mich oder für irgendjemand anders ist das keine Frage der Person.Sie sind also gegen diese Idee, in Europa einen Putin-Verbindungsmann zu haben?Diese Idee ist eine Vereinfachung. Diplomatie ist viel komplexer. Wir werden sehen, was passiert.Aber wenn man Sie bittet, eine solche Rolle zu übernehmen?Darüber möchte ich nicht spekulieren.Sie scheinen sich gut zu verstehen: Der ukrainische Präsident Wolodimir Selenski (links) und sein finnisches Pendant Alexander Stubb. Stubb wird auch als derjenige gehandelt, der mit Wladimir Putin reden soll, um den Ukraine-Krieg zu beenden.Pressestelle des ukrainischen Präsidenten via ReutersWenn der Krieg enden sollte, wie sollten die Beziehungen zu Russland danach gestaltet werden?Sie werden aus offensichtlichen Gründen wahrscheinlich nicht mehr so sein wie vor dem Angriff auf die Ukraine. Aber eine Beziehung zu Russland muss es geben. Das sage ich als Staatsoberhaupt eines Landes, das eine über 1300 Kilometer lange Grenze zu Russland hat. Diese Grenze wird bleiben. Wir werden irgendwann politische Beziehungen unterhalten müssen.In Europa wird viel über die Notwendigkeit diskutiert, die Verteidigungsindustrie auszubauen. Gleichzeitig wollen die USA aber immer noch, dass wir bei ihnen einkaufen. Finnland tut es, die Schweiz auch. Gibt es bei diesen Anschaffungen wie jenen des Kampfjets F-35 ein «Amerika-Risiko», zum Beispiel einen «Aus-Schalter»?Bei jeder Transaktion gibt es ein Druckmittel, sei es militärischer, technologischer oder anderer Art. Die gute Nachricht ist, dass wir gegenseitig voneinander abhängig sind, Europa und die Vereinigten Staaten. Wobei wir zugeben müssen, dass wir abhängiger von Amerika sind als Amerika von uns. Aber letztlich ist das Gleichgewicht, das wir haben, gar nicht so schlecht. Diese ganze Diskussion über einen Aus-Schalter halte ich nicht nur für hypothetisch, sondern auch für ziemlich realitätsfern.Warum das?Weil man keine Kampfflugzeuge baut und verkauft mit der Idee, dass sie von Washington aus ausgeschaltet werden können, und ich kann mir einfach keine Situation vorstellen, in der so etwas überhaupt zum Einsatz kommen würde. Wir haben bei unseren Eisbrechern, die wir verkaufen, auch keinen Ausschaltmechanismus eingebaut.Was halten Sie von den widersprüchlichen Aussagen der USA über einen Truppenabzug aus Europa?Es wird eine Verlagerung der Lasten im Nato-Bündnis geben. Das wird mehr mit den militärischen Fähigkeiten der Amerikaner zu tun haben, teilweise mit den Truppen. Wir haben in Europa noch nichts davon gesehen, aber wir sollten uns auf beides vorbereiten. Und genau das werden wir beim Nato-Gipfel in Ankara tun.Finnland hat 64 F-35-Tarnkappenjets bestellt. Die ersten Kampfflugzeuge sollen Ende 2026 in Finnland stationiert sein.Angel Del Cueto / Lockheed MartinVor etwa einem Jahr haben Sie ein Buch veröffentlicht, in dem Sie die Welt in den globalen Westen, den globalen Osten und den globalen Süden unterteilt und Letztgenannten als eine Art Königsmacher dargestellt haben. Hält Ihre Analyse noch?Ich denke, die Analyse hat sich verändert und weiterentwickelt, aber die These bleibt dieselbe. Ich würde es heute wahrscheinlich als Macht-Rechteck bezeichnen, nicht als Dreieck. Die USA würden sich um die westliche Hemisphäre kümmern. Das ist ihr oberstes Ziel. Der frühere globale Westen wird vom globalen Norden, das sind Mittelmächte wie Kanada, Frankreich oder Südkorea, übernommen, der Multilateralismus sowie Regeln und Normen unterstützt. Meine These lautet, dass es der globale Süden sein wird, der den Wettstreit zwischen Multipolarität und Multilateralismus entscheidet. Multipolarität ist transaktional, konfliktreich, basiert auf Absprachen. Multilateralismus beruht auf internationalen Institutionen, Regeln und Normen. Die derzeitige amerikanische Aussenpolitik treibt nicht den Multilateralismus voran, sondern die Multipolarität.Wer führt den globalen Norden an?Ich glaube nicht, dass es im globalen Norden einen einzigen Anführer gibt, so wie ich dachte, dass die USA den globalen Westen anführen würden. Es wird wahrscheinlich eher eine Art Zusammenschluss von Mittelmächten sein wie Grossbritannien, Frankreich, Deutschland, Japan, Südkorea, Kanada, Italien und Polen.Sie sind ein liberaler . . .Ich bin ein liberaler Mitte-Daddy.Es ist eine schwere Zeit für liberale Politiker, die an Rechtsstaatlichkeit, Demokratie, politische Freiheiten und Multilateralismus glauben.Selbst im Liberalismus kann man nie alles bekommen, was man will. Man muss Unterschiede tolerieren, man muss Umstände und Veränderungen tolerieren. Doch wenn man das tut, versteht man plötzlich, dass es in der Politik oder in den internationalen Beziehungen nicht darum geht, dass man recht hat, sondern darum, es richtig zu machen. Das erfordert, glaube ich, zu einem gewissen Grad Liberalismus. Ich konzentriere mich derzeit sehr darauf, diese Zeit zwischen den alten und den neuen Weltordnungen zu meistern. Die Ära des Kalten Krieges ist vorbei, und die neue Ordnung ist noch nicht entstanden. Ich versuche darüber nachzudenken: Okay, wie können wir sie multilateraler gestalten, zu einer Art liberaler internationaler Ordnung? Das ist eine schwierige Aufgabe, aber genau dafür wurde ich angeheuert.Finnland war bis vor kurzem ein militärisch bündnisfreies Land. Die Schweiz ist es immer noch. Sollte sich die Schweiz trotz ihrer geografisch komfortablen Lage wegen der Bedrohung durch Russland sorgen?Russland ist bei weitem die grösste Bedrohung für ganz Europa, und dies auch nach Kriegsende.Würden Sie der Schweiz also eine Nato-Mitgliedschaft empfehlen?Ich werde nicht anfangen, anderen Ländern Ratschläge zu erteilen. Nach der Eishockey-WM wäre das ja ein weiterer Skandal.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
Alexander Stubb: Europas neuer Brückenbauer zu Russland?
Im Interview im Präsidentenpalast in Helsinki weist Stubb auf die bessere Lage der Ukraine im Verteidigungskrieg gegen Russland hin und erklärt, ob er sich auch eine Rolle als Europas Verbindungsmann für Putin vorstellen kann.













