Babymilch-Skandal: Nach dem Tod eines St. Galler Säuglings drohten in der Schweiz halb leere RegaleIn der Affäre um verunreinigte Säuglingsnahrung reagierte der Lebensmittelkonzern Danone sehr zögerlich. Neue Dokumente zeigen, wie die Behörden darüber nachdachten, die Produkte des Marktführers zu beschlagnahmen.06.06.2026, 21.45 Uhr6 LeseminutenDie Gefahr verunreinigter Babymilch verunsicherte Anfang Jahr viele Eltern.GettyAm Vormittag des 11. Februar 2026 erreicht die Bundesbehörden die Nachricht von einem Todesfall: In St. Gallen ist ein Baby gestorben. Nachdem es Babymilch von Danone getrunken hatte, zeigte es Symptome starken Erbrechens, wie sie bei der übermässigen Einnahme des Giftstoffs Cereulid vorkommen können.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Behörden sind alarmiert. Cereulid steht seit Wochen im Zentrum eines weltweiten Babymilch-Skandals. Zwar hat Danone einige Tage davor, am 5. Februar, betroffene Produkte der Marke Aptamil in der Schweiz zurückgerufen. Doch die vom Baby in St. Gallen konsumierte Milch gehörte nicht dazu. Die Behörden befürchten, dass immer noch kontaminierte Säuglingsnahrung im Umlauf sein könnte.Eilig wird ein Krisentreffen auf 16 Uhr am Nachmittag einberufen. Vertreter des Bundesamtes für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) fordern, Danone müsse sämtliche Produkte zurückrufen, wenn nicht «zweifelsfrei» nachgewiesen werden könne, dass diese kein Cereulid enthielten.Das Kantonale Labor Zürich, das für die Aufsicht von Danone zuständig ist, wirft der Firma vor, sie habe trotz wiederholter Aufforderungen verlangte Analyseberichte und andere Informationen nicht eingereicht.Das Misstrauen gipfelt in einem Ultimatum: Bis um 8 Uhr morgens am Folgetag habe Danone die Informationen abzuliefern. Die Behörden wollen unter anderem wissen, ob die vom St. Galler Baby getrunkene Babymilch kontaminiert war. «Sollte Danone dem nicht nachkommen, wird die Vollzugsbehörde die Produkte sicherstellen und öffentlich darüber informieren.»So steht es im Protokoll der Krisensitzung, das die «NZZ am Sonntag», basierend auf einem Gesuch nach dem Öffentlichkeitsgesetz, hat einsehen können.Damit stand die Schweiz Mitte Februar kurz vor einem Versorgungsengpass. Danone ist der grösste Anbieter von Säuglingsnahrung mit einem Marktanteil von fast 50 Prozent. Hätten die Behörden ihre Drohung wahr gemacht und die Danone-Produkte beschlagnahmt, wären die Regale in den Schweizer Supermärkten halb leer gestanden.Feiertage verzögerten RückrufEs ist der Höhepunkt der Babymilch-Krise, die im Dezember 2025 beginnt: Der Nahrungsmittelkonzern Nestlé startet einen Rückruf in 16 Ländern, nachdem in einer niederländischen Fabrik der Giftstoff Cereulid in Babymilchpulver gefunden worden ist. Auch das BLV wird von Nestlé informiert – mit der Botschaft, dass die Schweiz nicht betroffen sei.Wenige Tage später, an Weihnachten, stellt sich die Entwarnung als verfrüht heraus. Neue Analysen zeigen, dass der Fehler nicht wie angenommen bei der Nestlé-Fabrik liegt, sondern weiter vorne in der Lieferkette entstanden ist: Das chinesische Unternehmen Cabio Biotech hat mit Cereulid verunreinigtes Arachidonsäure-Öl geliefert, das weltweit als Rohstoff in Babynahrung eingesetzt wird. Damit ist klar: Das Problem betrifft die ganze Branche. Am 30. Dezember informiert Nestlé den Dachverband für Hersteller von Spezialnahrung. Nun wissen auch Konkurrenten wie Danone über das kontaminierte Ara-Öl Bescheid.Die Schweizer Bevölkerung ahnt zu diesem Zeitpunkt noch nichts. Wegen der Feiertage verstreicht wertvolle Zeit, bis sich Hersteller und Behörden koordinieren. Ab dem 5. Januar geht es Schlag auf Schlag: Nestlé weitet den Rückruf aus, die Schweiz ist nun doch betroffen mit Produkten der Marken Beba und Alfamino. Andere Hersteller wie Hochdorf aus dem Kanton Luzern (u. a. Bimbosan) oder Lactalis aus Frankreich ziehen nach. Plötzlich betrifft die Affäre mehr als 60 Länder. Doch ein Akteur schweigt beharrlich: Vom französischen Giganten Danone hört man bis weit in die zweite Januarhälfte nichts.Warum wartet Danone? Es ist das Besondere an dieser Krise. Ara-Öl ist zuvor noch nie auf Cereulid getestet worden, weil es schlicht keine Hinweise darauf gab, dass der Giftstoff in dem Rohstoff vorkommen kann. Es existierten auch keine offiziellen Grenzwerte, weshalb im Januar jeder Konzern nach eigenen Standards testet. Was Nestlé als potenziell gefährlich einstuft, hält Danone für vertretbar. Denn, das weiss man heute: Der französische Konzern toleriert deutlich höhere Cereulid-Werte.Während Danone schweigt, häufen sich Berichte über Säuglinge, die krank wurden, nachdem sie Milchpulver verabreicht bekamen. Bis Ende Februar wird das BLV für die Schweiz 34 Verdachtsfälle registrieren. Wo die Eltern dies wünschen, werden die angebrochenen Packungen im Labor analysiert. Auch in Belgien, Grossbritannien und Frankreich werden Fälle von erkrankten Babys publik.Trotzdem dauert es bis zum 2. Februar, bis die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) eingreift und einen einheitlichen Grenzwert für Cereulid festlegt. In der Folge müssen die Hersteller ihre eigenen Analysen neu prüfen und teilweise erneut testen.Für Danone hat das einschneidende Konsequenzen. Nach neuer Lesart sind nun auch Aptamil-Produkte kontaminiert, die vom Konzern als sicher eingestuft wurden. Am 5. Februar schreibt Danone in einer E-Mail an den Schweizer Handel: «Leider müssen wir Sie aufgrund von einer erst seit kurzem erfolgten Referenzdosisanpassung (...) über den öffentlichen Rückruf diverser Aptamil-Artikel informieren.»Mit dem Eingeständnis des Marktführers scheint das Schwierigste überstanden. Bei Herstellern und Behörden glaubt man, die Lage endlich unter Kontrolle zu haben. Wenige Tage später stirbt der Säugling in der Ostschweiz.BLV-Vizedirektor kritisiert HerstellerAm Morgen des 12. Februar stellen sich die Behörden auf das Schlimmste ein, wie die Protokolle des BLV zeigen. Das Amt hat eine Medienmitteilung vorbereitet: Sollte sich bestätigen, dass das verstorbene Baby ein Danone-Produkt konsumiert hat, das kontaminiert war und hätte zurückgerufen werden müssen, wird die Öffentlichkeit informiert.Doch um 9 Uhr kommt die Entwarnung. Das Kantonale Laboratorium Zürich meldet sich: Die Eltern hätten das Produkt über der Grenze in Österreich gekauft, und die Charge habe kein kontaminiertes Ara-Öl enthalten. Das BLV verzichtet auf die Publikation der Medienmitteilung – und auf die Beschlagnahmung von Danone-Produkten.Dennoch hat die Angelegenheit ein Nachspiel. Am 14. Februar gibt der BLV-Vizedirektor Michael Beer ein Interview im «Blick». Er sagt: «Ich bin nicht zufrieden, wie die Konzerne reagiert haben – vor allem so spät.» Schon bei einem Verdachtsfall erwarte die Behörde, dass Produkte sofort vom Markt genommen würden. «Einzelne Konzerne hätten schneller reagieren können.»Beer spielt auf Danone an. Im Gegensatz dazu wird in Behördenkreisen das Verhalten von Nestlé hinter vorgehaltener Hand gelobt. Der Konzern habe das Cereulid-Problem entdeckt, seine Produkte früh und breit zurückgerufen und stets alle notwendigen Informationen geliefert.Danone spricht von «engem Austausch»Heute, vier Monate nach der dramatischen Krisensitzung, beschäftigt der Fall die Behörden noch immer. Wie das BLV auf Anfrage schreibt, wird derzeit untersucht, ob rechtliche Anpassungen nötig sind, «um die Qualität der Selbstkontrolle der Betriebe auf höchstem Niveau zu halten». Bis Resultate vorliegen, dürfte es noch Monate dauern.Derweil verteidigt Danone das eigene Vorgehen. Das Unternehmen habe «stets schnell und transparent gehandelt», erklärt ein Sprecher. Den Rückrufen seien «umfassende globale, unabhängige Testungen» vorausgegangen. Während dieser Phase habe man «in engem und kontinuierlichem Austausch» mit den Behörden gestanden und auf die «sich rasch weiterentwickelnden behördlichen Leitlinien zu Cereulid-Schwellenwerten» reagiert.Unklar ist, wie die Behörden auf einen sofortigen, breit angelegten Rückruf von Danone reagiert hätten. Damit wären zwar alle gesundheitlichen Risiken gebannt gewesen. Dafür drohen bei einem Ausfall des Marktführers Versorgungsengpässe. Denn für viele Eltern gibt es kaum schnelle Alternativen zur gewohnten Babymilch.Drei Proben mit zu hohem Cereulid-WertDie Schweizer Behörden haben mittlerweile 24 Verdachtsfälle von erkrankten Babys genauer untersucht. Laut Angaben des BLV wurde in drei Babymilch-Proben ein Cereulid-Wert festgestellt, der den Richtwert der EFSA überschritt. Bei den Proben habe es sich um Aptamil-Produkte gehandelt, die Danone Anfang Februar zurückgerufen habe.Das BLV betont aber, eine Kausalität zwischen konsumierter Säuglingsnahrung und Symptomen lasse sich nicht herstellen. «Es besteht immer die Möglichkeit, dass ein Kind an einem unerkannten Infekt litt oder das entsprechende Produkt nicht tolerierte.» Auch beim verstorbenen Säugling aus St. Gallen hat eine von Danone in Auftrag gegebene Untersuchung später zwar Spuren von Cereulid in der Probe nachgewiesen, doch lag die Menge weit unter dem EFSA-Wert. Das Baby starb offiziell an einer Blutvergiftung.Trotzdem denkt die Politik über eine Verschärfung der Vorschriften nach. Der Bundesrat hat Mitte Mai eine Motion zur Annahme empfohlen, die unter anderem die Informationspflichten der Unternehmen ausweiten will. Der Bundesrat verspricht sich davon eine «gezielte Neubewertung» bei den Standards für Lebensmittelsicherheit. Denn nirgends ist Vertrauen so wichtig wie bei Säuglingsnahrung.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel