„Es ist keine super leichte Gruppe, aber eine machbare, in der wir uns durchsetzen wollen“, sagte Bundestrainer Julian Nagelsmann im Dezember nach der Auslosung der Gruppengegner. Dadurch, dass auch die acht besten Gruppendritten weiterkommen, ist es für die deutsche Nationalmannschaft tatsächlich beinahe unmöglich, zum dritten Mal in Serie bei einer WM in der Gruppenphase auszuscheiden. Aber ein Blick auf die Gegner zeigt: Super leicht sind mindestens zwei von drei tatsächlich nicht zu schlagen.Curaçao (14. Juni in Houston)Der Trainer und sein auffällgister Spieler: Dick Advocaat mit Thahith Chong. Scott Heppell/AP PhotoDick Advocaat hat keine Sensation angekündigt, aber er hat sie zumindest nicht ausgeschlossen. „Jeder kann überraschen, warum nicht Curaçao?“, sagte der Trainer des kleinsten WM-Teilnehmers der Fußball-Geschichte, als er rund zwei Wochen vor dem Auftaktspiel gegen die deutsche Nationalmannschaft eine Pressekonferenz in Noordwijk an der niederländischen Nordseeküste gab, wo seine Mannschaft die Vorbereitung auf das Turnier bestritt.Wer nach Gründen sucht, warum das Team aus dem Karibikstaat mit 156 000 Einwohnern konkurrenzfähig sein könnte, kommt an Referenzen zu den Niederlanden nicht vorbei, in deren Königreich die Insel ein autonomes Land ist. Da wäre zuvorderst natürlich der Niederländer Advocaat zu nennen, mit 78 Jahren der historisch bislang älteste WM-Trainer. 1994 war er als Trainer der Niederlande bei der WM, 2006 als Coach von Südkorea, nun ist er zum dritten Mal dabei. Nachdem er die Mannschaft durch die Qualifikation geführt hatte, trat er zwischenzeitlich aus privaten Gründen zurück. Sein Nachfolger Fred Rutten, wie Advocaat (2004/2005 bei Borussia Mönchengladbach) auch als Trainer aus der Bundesliga (2008/2009 bei Schalke 04) bekannt, hatte allerdings keinen Erfolg, zwei Testspiele gingen verloren. Nun ist Advocaat wieder da, offenbar auf ausdrücklichen Wunsch von Spielern und Sponsoren.Auch die Spieler sind bis auf eine Ausnahme alle in den Niederlanden geboren, viele haben ihre fußballerische Ausbildung in niederländischen Nachwuchsleistungszentren absolviert, einige spielen in der niederländischen Liga. Kapitän Leandro Bacuna kickt in der zweiten türkischen Liga, Stürmer Jordi Paulina beim Zweitliga-Absteiger Fortuna Düsseldorf. Der einzige Spieler, der auf der Insel geboren wurde, ist gleichzeitig der bekannteste: Offensivakteur Tahith Chong, 26, wurde bei Manchester United Profi, stand ein halbes Jahr lang für Werder Bremen unter Vertrag und spielt aktuell für den englischen Zweitligisten Sheffield United. Nach Einsätzen für diverse niederländische Juniorennationalteams debütierte er unter Advocaat für Curaçao. In fünf Länderspielen schoss er drei Tore, eines beim 1:4 in Schottland.Jenes WM-Vorbereitungsspiel Ende Mai zeigte die Grenzen der Mannschaft auf. Aber wie sagte Chong im Interview mit der ARD über die Ambitionen seiner Mannschaft in den USA? „Wir fahren da nicht zum Urlaub hin.“Elfenbeinküste (20. Juni in Toronto)Wer kann ihn stoppen? Yan Diomande (vorn), hier in einem Afrika-Cup-Spiel gegen Burkina Faso. Themba Hadebe/AP PhotoEs ist knapp zweieinhalb Jahre her, dass der ivorische Fußball am Abgrund stand. Damals verlor die Nationalmannschaft der Elfenbeinküste mit 0:4 gegen Äquatorialguinea – am dritten Vorrundenspieltag des Afrika-Cups im eigenen Land. Die Verantwortlichen trafen daraufhin eine Entscheidung, wie man sie selbst im aufgeregten Fußballgeschäft nur selten erlebt: Sie entließen den Cheftrainer, obwohl die Mannschaft noch gar nicht ausgeschieden war.Denn so blamabel die Niederlage anmutete, als Gruppendritter zog die Elfenbeinküste dank etwas Glück dennoch ins Achtelfinale ein. Doch kein einziges Spiel mehr sollte der Franzose Jean-Louis Gasset die Mannschaft betreuen. Ihm folgte, eigentlich als reine Notlösung, der Assistent Emerse Faé ohne jegliche Profitrainer-Erfahrung. Und dann das: ein Sieg gegen Senegal, ein Sieg gegen Mali, ein Sieg gegen Kongo, ein Sieg gegen Nigeria. Der ivorische Triumph beim Afrika-Cup 2024 gehört wohl zu den unwahrscheinlichsten Titeln der vergangenen Jahre.Vielleicht muss man sich diese Heldenreise noch einmal in Erinnerung rufen, um zu verstehen, wieso Faé, der wenig überraschend Nationaltrainer bleiben durfte, mit Blick auf die WM kürzlich sagte: „Ich glaube, die Elfenbeinküste hat das Potenzial, etwas Außergewöhnliches zu erreichen. Wieso sollten wir uns nicht das Finale vornehmen?“ Sein Selbstbewusstsein kommt nicht von ungefähr. Zwar gelang die Titelverteidigung beim diesjährigen Afrika-Cup nicht, doch durch die Qualifikation marschierte die Elfenbeinküste ungeschlagen, und im März feierte das Team zwei Achtungserfolge gegen WM-Teilnehmer – 4:0 gegen Südkorea und 1:0 gegen Schottland. Auch der letzte Test vor Turnierstart gelang: Die Elfenbeinküste besiegte Frankreich am Donnerstag mit 2:1.Der ivorische Kader ist der jüngste des Turniers, Faé hat den Altersschnitt der Mannschaft deutlich gesenkt und zuletzt etwa die Stürmer Ange-Yoan Bonny, 22, und Elye Wahi, 23, von der Elfenbeinküste überzeugen können. Beide hatten in den U-Nationalmannschaften Frankreichs gekickt. Auch der Rest der Offensive ist auffallend talentiert. Dazu zählen die aus der Bundesliga bekannten Yan Diomande, 19, von Leipzig und Bazoumana Touré, 20, von Hoffenheim, die den Trainer gemeinsam mit Amad Diallo, 23, von Manchester United und Simon Adingra, 24, von Monaco vor echte Luxusprobleme stellen dürften. Von so viel Geschwindigkeit auf den Außenbahnen kann Julian Nagelsmann nur träumen.Ecuador (25. Juni in New Jersey)Zwei deutsche Gegenspieler im Champions-League-Finale: Willian Pacho (Nr. 51, Paris Saint-Germain) und Piero Hincapié (rechts daneben, FC Arsenal) im Luft-Zweikampf in Budapest. Jumeau Alexis/Abacapress/ImagoWer noch Zweifel hatte, wo die Stärken des dritten deutschen Gruppengegners liegen, konnte sich im Champions-League-Finale einen guten Eindruck verschaffen. Die Abwehrspieler Willian Pacho von Paris Saint-Germain und Piero Hincapié vom FC Arsenal hatten beide großen Anteil daran, dass auf beiden Seiten bis zum Elfmeterschießen nur jeweils ein Tor fiel. Beide, Pacho als Innenverteidiger und Hincapié als Linksverteidiger, spielten 120 Minuten durch und rannten, klärten Bälle, blockten Schüsse, als würden sie niemals müde werden.Wenn auch bei diesem Turnier die alte Weisheit gilt, wonach die Offensive Spiele gewinnt, aber die Defensive Meisterschaften, dann gehört Ecuador unbedingt zu jenen Teams, die man als Gegner nicht unterschätzen sollte. Neben Pacho und Hincapié, beide 24, haben die Südamerikaner in Joel Ordóñez noch einen dritten außerordentlich begabten Verteidiger in ihren Reihen. Der 22-Jährige spielt zwar nicht bei einem europäischen Spitzenteam, könnte den Champions-League-Teilnehmer Club Brügge in diesem Sommer aber für viel Geld verlassen. Vor der Abwehr, die Trainer Sebastián Beccacece wahlweise als Dreier- oder Viererkette aufstellt, bricht außerdem in Moisés Caicedo vom FC Chelsea einer der besten defensiven Sechser der Welt die gegnerischen Wellen.Wie schwierig die Abwehr Ecuadors zu überwinden ist, zeigt eindrücklich die Bilanz des Teams in der WM-Qualifikation. Die letzten fünf Ergebnisse: 0:0, 0:0, 0:0, 0:0 und 1:0. Unter anderem gelangen Brasilien und Argentinien keine Treffer. Insgesamt kassierte Ecuador in 18 Partien nur fünf Gegentore und wurde hinter dem Weltmeister Gruppenzweiter.Zugegeben: Die Offensive ist weitaus weniger eindrucksvoll besetzt. Die meisten Tore schießt immer noch der 36 Jahre alte Kapitän Enner Valencia. Allerdings trifft der Stürmer bei Weltmeisterschaften zuverlässig: 2014 in Brasilien gingen drei Tore auf sein Konto, 2018 qualifizierte sich Ecuador nicht, 2022 in Katar traf er wieder dreimal. Sollte er diese Serie fortsetzen können, ist es realistisch, dass die Mannschaft zum zweiten Mal in der Geschichte des Landes eine WM-Gruppenphase übersteht. Mindestens.