Der kontrollierte Körper: wie Russlands Regime in die Kleiderschränke der Kinder und unter die Bettdecke der Menschen schautIn Russland verbieten mehrere Schulen Kleidung mit ausländischer Aufschrift. Sie wollten «asoziale Ideen» bekämpfen, sagen sie. Dahinter steckt mehr als eine Kleiderordnung: ein Staat, der immer tiefer ins Private greift.06.06.2026, 18.23 Uhr5 LeseminutenKinder mit einem Z auf der Uniform marschieren in Wladiwostok bei der Aktion «Urenkel des Sieges».OPA Images / LightRocketEs könnte ein Pullover mit der Aufschrift «New York» sein. Oder ein T-Shirt, auf dem «Mon amour» steht, vielleicht auch «Lieblingsmensch». Eine regionale Bildungsbehörde im Osten Russlands fasst solche Aufschriften unter «asoziale Ideen» zusammen – und verbietet es Schülern, Kleidung mit fremdsprachigen Prints zu tragen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Beamten der Region Tomsk erklären, sie betrieben lediglich eine «systematische Prophylaxe» gegen eine mögliche Radikalisierung und das «destruktive Verhalten» des Nachwuchses und schützten diesen vor fremdartigen Bedeutungen. Kinder und Jugendliche hätten schliesslich «unreife Hirne». Ihre Eltern wiederum beherrschten kaum Fremdsprachen und wüssten somit nicht, was auf den bunten Sachen stehe, die sie für ihre Töchter und Söhne kauften. Darin liege ein grosses Risiko.Schwammige Formulierungen erleichtern RepressionenWas wie eine überdrehte Provinzposse in den Orten Kedrowy und Morjakowski Saton klingt, knapp 3500 Kilometer östlich von Moskau gelegen, ist nichts anderes als der vorauseilende Gehorsam von Behörden, die sich immer weiter ins Private einmischen. Der Staat sagt, wie viele Kinder eine Frau zur Welt bringen soll (mindestens drei, Russlands Präsident Wladimir Putin spricht gar von acht). Er schreibt vor, welches Geschichtsbuch in der Schule ausgegeben werden darf (es gibt nur eines). Er lässt Romane, Krimis und Gedichte aus den Buchläden räumen, weil sie «extremistische» Informationen enthielten («extremistisch» sind sie deshalb, weil die Autoren dieser Bücher das Regime Putin und den Krieg in der Ukraine kritisieren).Primarschüler müssen «Briefe an Soldaten» schreiben und Jugendliche «Kriegsszenarien» durchspielen. Vorn an der Tafel steht dabei nicht selten ein «Swoschnik», so heissen die Teilnehmer von Russlands «militärischer Spezialoperation» im Nachbarland. Nun schaut der Staat auch in die Kleiderschränke der Kinder. Dabei lässt er offen, ob ein Pulli mit der Aufschrift «New York» tatsächlich unter das ausgerufene Verbot fällt.Die schwammigen Formulierungen, ob es nun um Kleider geht oder um Bücher, sind dabei bewusst gewählt. Seit Jahren nimmt Russland Gesetze an, in denen kaum etwas konkret formuliert ist. Das erleichtert Repressionen und macht die Willkür zum Hauptinstrument des Regimes. Die Menschen erkennen gar nicht mehr, wo etwaige «rote Linien» verlaufen. Sie wissen nicht, was erlaubt ist und was bereits eine Straftat sein könnte. Wenn der eine mit etwas noch durchgekommen ist, bedeutet das nicht, dass ein anderer ebenfalls damit durchkommt.Das durchzieht alle Bereiche. Aus Angst, auf irgendeine Weise aufzufallen, unterlassen es viele im Land, sich überhaupt irgendwie zu äussern oder etwas zu tun, was zu Fragen führen könnte. Der Konformismus, bereits zu Sowjetzeiten bestens eingeübt, ist wieder zum kollektiven Überlebensmechanismus geworden. Die Gefahr, so machen es Russlands Funktionäre immer wieder deutlich, drohe vor allem aus dem westlichen Ausland.Deshalb sollen Kinder keine Kleider mit fremdsprachigen Aufschriften tragen. Deshalb dürfen Maturanden bei ihrer Abschlussfeier nicht zu fremdsprachigen Liedern tanzen, und seien es solch weltbekannte Hits wie Whitney Houstons «I Will Always Love You» oder Toni Braxtons «Unbreak My Heart». Mehrere Schulen in Jaroslawl, Tambow und Rjasan im Westen Russlands hatten es ihren Schülern vor wenigen Tagen untersagt, fremdsprachige Lieder zu spielen. Sonst würde die «Letzte Klingel», wie die Feier zum Schulabschluss heisst, nicht stattfinden. Die Jugendlichen spielten schliesslich russische Lieder, die eingeübte Choreografie zu Houston und Braxton war dahin.Die Jacke der Schülerin könnte bald verboten sein, vielleicht auch ihre roten Haare. Der russische Staat meint zu wissen, was für jeden Einzelnen richtig ist, und setzt vor allem auf Willkür. Vielfalt ist nicht gefragt.Pelagiya Tikhonova / ImagoBereits im Februar 2023 unterzeichnete Putin ein Gesetz, das Fremdwörter im offiziellen Gebrauch verbietet, sofern russische Entsprechungen existieren. So verschwanden von den Fassaden Schilder wie «Hotel», «Café» oder «Shop», die russischen Ausdrücke «Gostiniza», «Kofeinja» oder «Magasin» kamen immer mehr auf. Seit März dieses Jahres müssen Wegweiser in den Städten auf Russisch verfasst sein, Fremdsprachen sind lediglich als Ergänzung erlaubt.Putin, der selbst fliessend Deutsch spricht und seine Töchter auf die deutsche Schule in Moskau schickte, zieht immer wieder über den Einfluss von Fremdsprachen her. Diese verunreinigten und verzerrten das Russische. Russland müsse sich von den «vulgären und mechanischen ausländischen Entlehnungen befreien», sagte er im Juni 2025 vor dem Rat der russischen Sprache. Nur: Selbst das Wort «vulgär» (wulgarny) ist aus dem Französischen entlehnt, wie so viele Begriffe im Russischen, auch ganz alltägliche wie «Hocker» (taburetka) oder «Mantel» (palto).Reproduktive Kontrolle für VorschulkinderDoch es geht nicht nur um die Sprache, sondern auch um die Kontrolle des Einzelnen. Der Staat gibt vor zu wissen, was für das Volk das Richtige ist, selbst wenn es um vollkommen intime Dinge geht. So gilt LGBTQ in Russland als «extremistische Vereinigung». Jegliches Reden darüber ist bereits «Propaganda für nichttraditionelle Werte». Vor wenigen Tagen erst sprachen sich mehrere Ärzte an einem vom Gesundheitsministerium veranstalteten Kongress in St. Petersburg zudem für die Abkehr von WHO-Standards aus. Homosexualität bezeichnen sie in mehreren Verordnungen als Geisteskrankheit, die es in Konversionstherapien zu heilen gelte.Für Abtreibungen müssen sich Frauen mehrheitlich an staatliche Kliniken wenden, die ihnen die Behandlung auch verweigern können. Private Kliniken in fünfzehn Regionen bieten, auch das im vorauseilenden Gehorsam, Abtreibungen als Leistung nicht mehr an. Dem russischen Parlament liegt ein Gesetzesentwurf vor, wonach verheiratete Frauen vor einer Abtreibung die Zustimmung des Ehemannes beibringen müssen. Liegt die Scheidung weniger als zwölf Monate zurück, sollen laut dem Entwurf auch geschiedene Frauen ihren Ex-Mann um eine Zustimmung zu einem Schwangerschaftsabbruch bitten.Jungen Frauen wird offiziell eingebleut, dass nicht die Ausbildung im Vordergrund stehe, sondern ihre Gebärfähigkeit. Bildung sei nichts wert, wenn am Ende die Wiege leer bleibe, meint Margarita Simonjan, die Chefin des russischen Auslandsenders RT und eine stolze Kreml-Propagandistin. Bereits bei sechsjährigen Mädchen werden Tests gemacht, wie fertil sie später wären. «Fehlentwicklungen von Geschlechtsorganen», so steht es in einer Verordnung vom September 2025, seien sogleich zu korrigieren. Frauen bis 25, die im Studium ein Kind bekommen, erhalten Extrazahlungen vom Staat. Das erste Kind, so sagen es mehrere russische Abgeordnete, müsste bereits vor dem 20. Geburtstag der Frau zur Welt kommen.Wenn die Kinder auf der Welt sind, geht es sogleich mit staatlicher Indoktrination weiter. Bereits im Kindergarten gibt es sogenannte «Gespräche über Wichtiges», ein im Jahr 2022 zunächst an Schulen eingeführtes Fach, in dem die Kleinen lernen, dass es nichts Wichtigeres gebe, als fürs Vaterland zu sterben. Sie marschieren zur gehissten Fahne, huldigen dem Präsidenten und lernen, die Ukraine und den Westen zu hassen. «Patriotische Erziehung» nennt es der Staat.Das Fach «Familienkunde», ab der 5. Klasse Pflicht, zementiert traditionelle Rollenbilder. In «Grundlagen der Sicherheit und des Schutzes des Vaterlandes» gehen Kinder ab 14 Jahren in Militärcamps, wo sie Waffenkunde haben und mit Kalaschnikows, aber auch mit Drohnen hantieren. Etliche auch privat organisierte Sommerlager werben mit der «Erziehung zum Soldaten». Vielen Eltern imponiert die so zur Schau gestellte «Männlichkeit».Vielfalt stellt der Staat als Bedrohung dar. Der Westen gilt als verweichlicht. Alles, was an Ideen als westlich gekennzeichnet wird, ist potenziell «extremistisch», «radikalisierend», schlicht «fremd». Und seien es Hoodies von Schülern.Konformismus und vorauseilender Gehorsam: Was zu Sowjetzeiten eingeübt wurde (hier eine Pionierin im Sibirien 1983), ist im Russland der Gegenwart wieder zum Überlebensmechanismus der Menschen geworden.Albert Liberman / Hulton ArchivePassend zum Artikel
Russland greift immer tiefer ins Privatleben ein – selbst Kleiderschränke sind nicht sicher
In Russland verbieten mehrere Schulen Kleidung mit ausländischer Aufschrift. Sie wollten «asoziale Ideen» bekämpfen, sagen sie. Dahinter steckt mehr als eine Kleiderordnung: ein Staat, der immer tiefer ins Private greift.







