Den Schlüssel behält er. Und den Zugang zur Werkstatt auch. Denn Detlef Köhler ist nicht nur bekannt wie ein bunter Hund in der Kinder- und Jugendtheaterszene. Er ist auch Schreiner. Als Techniker und Allrounder ist er 1991 in das Frankfurter Theater Grüne Soße geraten, Vorreiter des Kinder- und Jugendtheaters in der Region und weit darüber hinaus. Ist seltener Darsteller auf der Bühne, meist aber dahinter der Chefbühnenbildner und -bauer des Theaters gewesen. Und wer weiß, vielleicht brauchen die „Jungen“ sein Handwerk für das nächste, übernächste Stück: „Im Winter bin ich ja wieder hier“, sagt Köhler. Bald schippert er los, zusammen mit seiner Frau, die soeben, am selben Tag wie er, in den Ruhestand gewechselt ist: mit einem zehn Meter langen Stahlkahn aus den Siebzigerjahren, den er restauriert hat.Gemächlich, „nicht wesentlich schneller als ein gemütlicher Radfahrer“, sagt der passionierte Radler Köhler, soll es mit dem Boot die Mosel runter- und Frankreichs Kanäle entlanggehen. Ziel: Entschleunigung. Endstation: das Bassin de La Villette im Norden von Paris. Woher er das kennt? „Da gibt es einen Park, da wird öfter Kindertheater organisiert“, sagt Köhler. Als Netzwerker und Organisator des Theaters Grüne Soße ist er viel herumgekommen in den vergangenen Jahrzehnten. Erst recht, seit er, zusammen mit der einstigen Dramaturgin des Freien Theaterhaus Ensembles, Susanne Freiling, die internationalen Gastspiele des Festivals „Starke Stücke“ auswählt. Das will er noch ein bisschen weitermachen, aber auch da steht fest: „In zwei Jahren will ich mich überflüssig machen.“So absichtsvoll hat Köhler auch seinen Abschied aus der Grünen Soße herbeigeführt. Als Jüngster im Team mit Sigi Herold und Willy Combecher hat Köhler, Jahrgang 1959, schon vor gut zehn Jahren den Umbau des alteingesessenen Theaters vorangetrieben. Denn Köhler hatte, auch auf seinen vielen Reisen zu Festivals im In- und Ausland, immer wieder Kollegen gesehen, die der geordneten Übergabe keine oder erst zu spät Aufmerksamkeit geschenkt hatten. Und vielleicht sind es auch die frühe Prägung im Schreinerkollektiv Zebrano und seine späteren Nebenjobs als Messebauer gewesen, die Köhler deutlich vor Augen geführt hatten, dass auch ein freies Theater die Unternehmensnachfolge regeln muss.Den Kampf führen jetzt die Jungen weiterDas hat geklappt. Vieles, sagt Köhler, aber auch nicht. Heute sei im Vergleich zu den Neunzigerjahren das Theater für junges Publikum, auch in Frankfurt, viel professioneller. Gute Arbeit – „aber die Kosten sind enorm gestiegen, und der Topf wird nicht größer.“ Da gibt es „ein bisschen persönliche Erleichterung, dass diesen Kampf die jungen Leute weiterführen können, dürfen und müssen. Aber die Verbundenheit bleibt. Und auch die Ohnmacht, die ich erlebe. Das ist auch bitter.“ Kinder und Jugendliche hätten heute viel mehr Möglichkeiten, selbst zu spielen und an Theater teilzuhaben, sagt Köhler, der sich viele Jahre besonders mit Jugendensembles befasst hat.„Es sind im Rückblick 35 ungeheuer erfüllte Jahre gewesen. Ich habe es geliebt, viel zu arbeiten, den Kopf voll zu haben. Ich merke aber auch, es tut gut, das jetzt abzugeben. Und das mit dem Vertrauen, dass die das in der Hand haben“, sagt Köhler über die drei Nachfolger, die bislang mit ihm das Lenkungsteam bildeten: Fiona Louis, Ossian Hain und Liljan Halfen.Dass Halfens Regiedebüt bei der Grünen Soße, „Struwwelpeter“, nun zum Abschiedsfest Köhlers gespielt worden ist, hat besondere Bedeutung. Denn damit, so Köhler, habe 2019 der Wandel begonnen: „Wir haben ja immer Regisseure eingekauft. Aber das war ein Stück weit das Abgeben der künstlerischen Verantwortung“, erinnert er sich. Mit allem anderen ging es zügig weiter. Das Theater ist für die Mitarbeiter familienfreundlicher geworden, ist professioneller, akademischer auch. Das liege an der neuen Generation. Die habe eine andere Ausbildung, andere Erwartungen, es gebe auch höhere Kosten. „Es gibt ein paar Sachen, die wir nicht erreicht haben. Wir sind strukturell weiter unterfinanziert. Da ist die Lage nicht wirklich kritisch – aber dramatisch. Denn im Zuge des Generationenwechsels ist das Theater gewachsen, wir haben neue Räume dazugenommen, weil die Vermittlungsarbeit, schon immer ein Schwerpunkt, sich noch mehr ausgeweitet hat.“ 200.000 Euro bekommt das Theater von der Stadt Frankfurt, der Etat liegt bei rund 600.000 Euro, zwei Drittel davon sind Dritt- und Projektmittel, die immer wieder neu eingeworben werden müssen.Projekt klimaneutrales TheaterDennoch sieht Köhler viele Erfolge, auch weil die Jungen besser Anträge schrieben als er, sagt er lachend. Eines seiner letzten Projekte ist derzeit noch eine klimaneutrale internationale Kooperation mit dem schottischen Theater Tortoise in a Nutshell, dank des Fonds Zero der Bundeskulturstiftung: „Da bin ich der Klimabeauftragte.“ In dieser Rolle musste er allerdings feststellen, dass eine vollständig klimaneutrale Produktion sich schwer regeln lässt: „Wir fahren alle Fahrrad und verwenden jedes Bühnenbild mehrfach. Es ging darum, auszuloten, was sonst noch geht.“ Es gibt Grenzen, Kompensationszertifikate muss das Theater aus eigener Tasche zahlen. Aber bei der langen Zugstrecke nach Edinburgh und jungen Kindern im Ensemble gehe das ab und zu auch nicht. Im Herbst soll das Projekt mit den deutsch-schottischen Premieren beendet sein, auch das ein Grund, warum Köhler spätestens am 22. Juni das Boot zu Wasser lassen muss: Im Zuge der Nachhaltigkeit wohnt das schottische Team von da an in seinem Zuhause.Der jüngste Erfolg des Theaters Grüne Soße ist die Gewährung der Konzeptionsförderung vom Fonds Darstellende Künste. „Eine schöne Planungssicherheit“ für zwei Produktionen, so Köhler. Das Haus schaut also gut bestellt aus, zumal die Grüne Soße auch maßgeblich mitmischt an der Jungen Theaterwerkstatt am Zoo. Liljan Halfen leitet das Projekt unter dem Dach des Mousonturms, auch Ossian Hain arbeitet dort, Köhler selbst wiederum hat über Jahre hinweg die Planungen des städtischen Kinder- und Jugendtheaters begleitet und unter anderem die Beteiligung der Kinder und Jugendlichen geleitet. Die freie Szene und die Stadt schauen auf die Theaterwerkstatt als Testbetrieb, die Erwartungen sind hoch. „Das darf kein Minusgeschäft werden. Die Erfahrungen sind wertvoll, und die Kontakte werden wir mitnehmen“, sagt Köhler über die Theaterwerkstatt. „Aber ich habe große Befürchtungen, dass das Kinder- und Jugendtheater von der politischen Agenda verschwindet.“ Das hat er schon einmal erlebt, als der erste Versuch in Frankfurt scheiterte – da war Köhler ganz neu in der Szene.Mit einem Fest im Löwenhof in Bornheim, seit Langem nicht nur Verwaltungssitz des Theaters Grüne Soße, sondern auch der Ort, an dem geprobt wird, an dem die Jugendarbeit stattfindet und die ein oder andere Vorstellung, ist Köhler jetzt verabschiedet worden. Bis er losschippert, wird er den Löwenhof noch vollends so ertüchtigen, dass er endlich das sein kann, was das Theater Grüne Soße immer schon wollte: ein eigener vollgültiger Spielort. Und er meint es nur halb ironisch, wenn er den Thirtysomethings, die jetzt das Ruder ganz übernehmen, nahelegt: „Jetzt schon an die nächste Generation denken.“
Frankfurt: Detlef Köhler verlässt Theater Grüne Soße
Generationenwechsel geschafft, Haus zukunftsfähig: Detlef Köhler, der Senior im Theater Grüne Soße in Frankfurt, geht in den Ruhestand – fast. Erst einmal will er mit einem Kahn bis Paris schippern.








