Adrian (Axel Moustache) träumt. Früher waren seine Träume anders, und sein bescheidenes Leben als Maurer im Dorf in Rumänien, die unbeschwerten Momente mit seiner Frau Marina (Alina Serban) und Sohn Sorin (Theodor Ioan Dobrescu) genügten ihm. Bis sein Chef betrogen wurde, der Lohn ausblieb, der wenigstens für die Medikamente von Marina reichte, und man ihm Geschichten von Leuten erzählte, die für einige Monate in Deutschland gearbeitet hatten und als wohlhabende Männer zurückkamen.Adrian zögert, wird bedrängt. Kurz vor der Abreise redet er mit seinem Sohn über dessen Träume: Fußballer, Arzt, Pilot? So erzählen es Eltern ihren Kindern: Du kannst alles werden, was du willst, solange du nur Träume hast.Jetzt träumt Adrian in wirren Bildern von einer Dusche, aus der statt Wasser Blut strömt, unablässig. Ein Albtraum wie die Unterkunft, in der er für die Matratze jede Nacht extra zahlt, genau wie für das gefährlich scharfe Messer und die Schuhe. Wer ist der Mann, dessen Funktion nie ganz klar wird? Ist er Vorarbeiter oder Sklavenvermittler? Anscheinend ein Drücker, der mit Nötigung und Erniedrigung arbeitet. Einmal kommen Polizisten zur Kontrolle ins Wohnheim, sie sind nicht freundlich. Keiner der Männer hat einen Ausweis, sie wurden gleich einkassiert, angeblich zum Kopieren. Ihre Identitäten lassen sich nicht feststellen, ihre Individualität ist fort.Wer noch nie etwas über die Schattenseiten der fleischverarbeitenden Industrie in Deutschland mit ihren Leiharbeitern aus Südosteuropa, insbesondere Rumänien, erfahren hat, dem könnte schon beim fiktionalen Teil des Films „Fleisch“ übel werden. Konzentriert, dicht und detailliert schildert er in ausgewählten Szenen ein verbrecherisches System der Ausbeutung, das jeder Konsument, der Fleisch zum Billigpreis erwirbt, unwillkürlich unterstützt.Ein „hybrider“ Film entstehtDabei ist dieser Film aus der ZDF-Redaktion „Das kleine Fernsehspiel“ etwas Besonderes, denn die Arbeitsgrundlage seiner Ko-Regisseure Eike Weinreich und Alexej Hermann ist es, denen eine Stimme zu geben, über die sonst (bestenfalls) berichtet wird. Entstanden ist kein Dokudrama, sondern ein „hybrider“ Film. Man sieht gleich zu Beginn: In einer Turnhalle wird geprobt. Wie in einer merkwürdigen Tanztheateraufstellung stehen verteilt Männer in Weiß im Raum und üben ihre Choreographie. Es sind die Fleischverarbeiter-Darsteller.Dragos (Dragos Tomescu), Petrica (Petrica Onofrei) und Raluca (Raluca Gheorghe) üben mit den Männern. Die immer gleichen Bewegungen, wenn im Sekundentakt Köpfe am Fließband abgetrennt werden, den Schnitt in den Bauch des Schweins, nachdem der Blutschwall sich in die Wanne ergießt. Nur die Bewegungen, monoton, abstrakt, wie maschinell. Später werden die Darsteller in der Szenerie verteilt, arbeiten mit echten Tieren, wirken noch mehr wie blutverschmierte Roboter.Die Fleischzerlegung geschieht unter Hochdruck am Fließband.Alexej Hermann/ZDFDas Stationendrama von Adrians Gang nach Deutschland zieht sich durch den Film, der seine eigene Entstehung als work in progress zeigt. „Fleisch“ setzt Dragos und Petrica (die beide früher in ebensolchen Jobs gearbeitet haben) auf Regiestühlen ins Bild. In ihrer Mitte, ebenfalls in eleganter Kleidung, sitzt Raluca, als Gewerkschafterin für faire Arbeitsbedingungen kämpfend.Sie diskutieren über das Drehbuch, über Einzelheiten. Was ist authentisch, wie würde der Kollege sprechen, was tun? Dragos zeigt den Männern die Bewegungen. Sie reden mit den Hauptdarstellern der Fiktion, dann sieht man die Umsetzung der Szene. Manche Erfahrungsberichte scheinen zu gefährlich, um sie konkret ins Bild zu setzen. Schwarzblenden schieben sich in die Handlung, aus dem Off hört man die Protokolle. Von Unfällen, die vertuscht werden, denn Arbeitsunfälle darf es nicht geben. Von Zwang, von Betrug, von Willkür. Wie in der Landwirtschaft und in der Pflege könnte solch organisierter Missbrauch nicht blühen, wenn wir als Kunden und Verbraucher informierte und moralische Entscheidungen träfen.Es gibt dokumentierende Filme über industriell geprägte Lebensmittelerzeugung, die bleiben nicht nur lange im Gedächtnis, sondern können auch unser Konsumverhalten verändern. Unbedingt dazu gehören die Filme von Manfred Karremann (viele davon im ZDF), Nikolaus Geyrhalters Dokumentarepos „Unser täglich Brot“ (2005), „Wir und das Tier. Ein Schlachthausmelodram“ (2023) von David Spaeth. In „Wir und das Tier“ geht es in kaum auszuhaltender Weise um das Töten selbst. Auch „Fleisch“ ist, im positiven Sinn, eine Zumutung. Seine Zumutung ist die Behandlung von Menschen, die Deutschland mit Hoffnung auf Arbeit besuchen und die als geschundene Arbeitssklaven zurückkehren.Fleisch läuft im ZDF-Stream und in der Nacht von Montag auf Dienstag um 0.05 Uhr (eine Unverschämtheit) im ZDF.