G-7-Gipfel in Évian: Genf will einen erneuten Kontrollverlust vermeiden – und schottet sich abDas Trauma sitzt tief: 2003 organisierte Frankreich schon einmal ein Spitzentreffen von Industrieländern, während Gewalttäter Genf heimsuchten. Diesmal sollen Polizisten aus allen Kantonen das verhindern.06.06.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenGeschäftsleute in Genf lassen bereits ihre Schaufenster verrammeln.Salvatore di Nolfi / KeystoneKaum ein Tag vergeht ohne neue Einschränkungen. Am Freitag wurde bekannt, dass die Schweizer Behörden während des G-7-Gipfels im französischen Évian einen Teil der A 1 sperren wollen. Drei Tage lang, vom 15. bis 17. Juni, soll die wichtige Verkehrsachse vom Genfer Flughafen bis zur französischen Grenze geschlossen werden.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.In der Gegenrichtung soll die A 1 zwar befahrbar bleiben. Doch der Generaldirektor der Genfer Handelskammer, Vincent Subilia, prognostizierte im Radio RTS bereits gravierende Konsequenzen für die Wirtschaft. Die Sperrung dürfte den Verkehr von Grenzgängern und Waren erheblich einschränken.Évian ist bestens geschütztDie Massnahme verdeutlicht, wie sehr der Kanton Genf sich rund um den Gipfel der sieben grossen Industriestaaten abschottet. Denn das Trauma von 2003 sitzt tief, als Frankreich schon einmal einen Gipfel – damals noch als G-8 mit Russland – in Évian-les-Bains veranstaltete. Das Thermalstädtchen liegt gut 40 Kilometer von Genf entfernt und lässt sich aufgrund seiner Lage zwischen See und Alpen gut schützen.Umso mehr leidet die weitläufige Metropolregion Genf unter den Konsequenzen des «Mini-Davos», wie Verantwortliche den G-7-Gipfel auch nennen. Für Évian Glanz und Gloria, für Genf das Unheil, fasste der Ständerat Mauro Poggia die Lage sinngemäss zusammen.Rund um den Gipfel 2003 war in Genf einiges aus dem Ruder gelaufen. Schon Wochen zuvor war die Stimmung angespannt gewesen. Bei einer Demonstration gegen die Welthandelsorganisation in Genf wurde eine Gewerkschafterin durch ein Projektil der Polizei getroffen. Das Foto ihrer Verletzung direkt unter einem Auge schockierte die Romandie.Vermummte zerstörten LuxusboutiquenEinen Tag vor Beginn des G-8-Gipfels suchten mindestens 100, laut anderen Schätzungen 200 Vermummte die Genfer Unterstadt mit ihren Luxusboutiquen heim. Sie zerstörten systematisch Geschäftsvitrinen, setzten Autos in Brand und warfen Molotowcocktails. Die Behörden hatten damit nicht gerechnet, wie die FDP-Sicherheitsdirektorin zugab.Zur grossen Demonstration der «altermondialistes», also der Verfechter einer anderen Globalisierung, kamen dann nach Schätzungen der Polizei 50 000 Leute. Diese Zahl kursiert auch diesmal für den Protestumzug «No G7» am 14. Juni in Genf. Die Menschenmasse damals, von den Organisatoren auf bis zu 100 000 Personen geschätzt, demonstrierte weitestgehend friedlich.Doch auch bei jener Demo sowie in den Folgetagen während des Gipfels kam es zu Ausschreitungen und Gewalt zwischen Aktivisten und der Polizei. Wurde den Sicherheitskräften zunächst mangelnde Präsenz und Überforderung vorgeworfen, gingen sie nun kompromisslos gegen ungenehmigte Versammlungen in den Strassen von Genf vor.Andernorts in der Romandie gab es ebenfalls Protestaktionen, vor allem in Lausanne. Noch mehr jedoch bewegte die Gemüter ein Vorfall beim Städtchen Aubonne zwischen Genf und Lausanne: Hier hatten sich Aktivisten auf einer Brücke aneinandergeseilt. Ein Aktivist, der am Seil befestigt an der Brücke hing, fiel rund zehn Meter in die Tiefe, als ein Polizist das Seil durchschnitt. Der Aktivist überlebte schwer verletzt, weil er in ein Flüsschen fiel.Mehr als 1000 Polizisten aus der ganzen SchweizSolche Szenen wollen die Behörden diesmal unbedingt vermeiden. So werde der Kanton Genf Verstärkung von allen Schweizer Kantonspolizeien erhalten, sagt der Sprecher des Sicherheitsdepartements auf Anfrage. Weit mehr als 1000 Polizisten sollen die Genfer Polizei verstärken. Dazu kommen zum Beispiel deutsche Polizisten mit Wasserwerfern.Zudem will die Schweizer Armee rund 4000 Soldaten in die Region schicken. Sie sollen unter anderem für Sicherheit im Luftraum, am Flughafen Genf und im Cyberspace sorgen. Der Bundesrat hat dazu am Freitag ein Dokument zur Zusammenarbeit mit Frankreich verabschiedet.Ausserdem hat der Bundesrat dem Kanton Genf bereits erlaubt, 28 seiner insgesamt 35 Grenzübergänge nach Frankreich zu schliessen, und zwar schon vom 12. bis zum 18. Juni. Im Jahr 2003 hatten sich noch Demonstrationszüge aus beiden Ländern an der Grenze getroffen. Auch Gewalttäter dürften damals aus dem Ausland eingereist sein, wie an vielen G-7-Gipfeln üblich.Der Grossraum Lausanne ist ebenfalls direkt von Einschränkungen betroffen. Denn die französischen Behörden sperren den Genfersee rund um Évian. Deshalb wird eine wichtige Fährverbindung für Grenzgänger umgeleitet. Der Zugsverkehr in Évian ist ebenfalls eingestellt.All die Einschränkungen am Arc lémanique machen deutlich, wie eng Frankreich und die Schweiz hier verwoben sind: 170 000 Grenzgänger gibt es, viele arbeiten in Schweizer Spitälern, Universitäten oder Kitas. Einige von ihnen sind Schweizer, die auf der anderen Seite der Grenze günstiger wohnen, bis hin zu Studenten der Uni Lausanne.Prioritäre Angestellte bekommen SondergenehmigungÄhnlich wie während der Covid-Pandemie haben die Genfer Behörden deshalb eine Kategorie von «essenziellem Personal» definiert. Diese rund 25 000 Personen dürfen ab Montag eine Plakette abholen, um während des G-7 prioritär über die Grenze gelassen zu werden.Etwas Entspannung gibt es derweil vorerst bezüglich der Massendemonstration gegen den G-7 am 14. Juni, die auch als Kundgebung des Schweizer Frauenstreiks fungieren soll und zeitlich mit der richtungsweisenden Volksabstimmung über die 10-Millionen-Schweiz zusammenfällt. Die Veranstalter, eine Koalition aus rund 60 zivilgesellschaftlichen Organisationen, hatten den Genfer Behörden wochenlanges Taktieren, Verzögern und die Verletzung von Grundrechten wie der Demonstrationsfreiheit vorgeworfen.Die Koalition namens «No G7» störte sich zudem an mehreren Verboten: dass die Protestroute weder über die symbolträchtige Mont-Blanc-Brücke im Herzen der Stadt noch zum linken Rhoneufer führen sollte – an beiden Orten hatte es 2003 schwere Auseinandersetzungen gegeben – und dass es kein Protestcamp in einem Park geben soll.Schliesslich jedoch akzeptierte die Koalition die vom Genfer Staatsrat vorgeschriebene Demo-Route rund um den Bahnhof Cornavin, ins Uno-Quartier und am See entlang. Mit einer Einschränkung: Um Provokationen an der symbolträchtigen Mont-Blanc-Brücke zu vermeiden, überzeugte die Koalition nach eigenen Angaben am Donnerstagabend die Sicherheitsvorsteherin davon, die Route weiter von der Brücke entfernt zu führen.In Genf rüsten sich Behörden wie Gegner des G-7 für das Gipfeltreffen Mitte Juni.Denis Balibouse / ReutersPassend zum Artikel
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