Der Tag ist so heilig wie der eigene Geburtstag: Warum es den Frauenlauf auch 2026 noch brauchtAm Sonntag findet der 40. Schweizer Frauenlauf in Bern statt. Achtzehn Frauen haben jedes Jahr teilgenommen, drei von ihnen erzählen hier, warum.06.06.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenHauptsache, bunt: Fast 13 000 Läuferinnen starteten am 13. Juni 1999 zum 13. Schweizer Frauenlauf.Lukas Lehmann / KeystoneDer Tag des Frauenlaufs sei ihr Muttertag, sagt Sandra Glaus-Schär. Die 56-Jährige aus Burgäschi ist eine von achtzehn Frauen, die seit 1987 jedes Jahr am Frauenlauf in Bern mitgerannt sind, dem grössten Laufsportanlass nur für Frauen in der Schweiz. Glaus-Schär ist eine aus dem 40er-Klub, denn an diesem Sonntag findet der Schweizer Frauenlauf zum 40. Mal statt.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Noch ein Teenager war sie, als sie am allerersten Frauenlauf teilnahm. Ihre Eltern begleiteten sie aus Zweisimmen nach Bern, weil sie – lange vor Smartphone und mobilem Internet – nicht wusste, wohin in der grossen Stadt. Später, als sie ihre zwei Söhne hatte, war das ihr Tag. «Der einzige Tag im Jahr, an dem mein damaliger Mann zu den Kindern schaute; der einzige Tag, der nur mir gehörte», sagt sie.Und noch heute gehört der Frauenlauf in jeden Jahreskalender wie die Geburtstage der Familie. Ein Familienfest an diesem Tag – es war schnell allen klar, dass das nicht geht.Für manche Frauen war der Frauenlauf der einzige Tag im Jahr, an dem die Väter zu den Kindern schauten.Karin Hofer / NZZSport war für Frauen gefährlich – angeblich1987 war die Welt eine andere. PC standen nur in wenigen Haushalten, die Zugfahrt von Zürich nach Bern dauerte anderthalb Mal so lang wie heute, und in den Raucherabteilen wurde geraucht. Bis zum Inkrafttreten des neuen Eherechts 1988 war der Mann das Oberhaupt der Familie, und die Frau hatte sich um den Haushalt zu kümmern. Bei Sportanlässen waren Frauen mit einstelliger Prozentzahl stark untervertreten; bis 1973 durften Frauen am damals grössten Volkslauf der Schweiz, dem Murtenlauf, gar nicht starten – zu gefährlich für ihre Gesundheit, hiess es damals. Das ist alles überwunden. Und doch sind es die Erzählungen von Teilnehmerinnen wie Sandra Glaus-Schär oder von der Gründerin Jacqueline Ryffel, die begreifen lassen, warum es den Frauenlauf auch im Jahr 2026 noch braucht.Jacqueline RyffelPD«In den 1980er Jahren gab es kaum Sportangebote für Frauen», sagt Ryffel, die den Frauenlauf mitgegründet und viele Jahre organisiert hat und mit dem Familienunternehmen Ryffel Running AG noch immer besitzt. «Mit dem Frauenlauf wollten wir Frauen ein Ziel geben, damit sie sich regelmässig bewegen.»Bewusst wählten sie eine Strecke, die nur fünf Kilometer lang ist und flach – fünf Kilometer kann man auch gehend in einer Stunde zurücklegen. Als Termin entschieden sie sich für den zweiten Sonntag im Juni. Ein Sonntag, weil die Frauen häufig im Dienstleistungssektor arbeiteten, im Restaurant oder an der Kasse; vor den Sommerferien, damit sie im Frühling mit einem «Fit in 12 Wochen»-Programm starten konnten.Für den ersten Frauenlauf 1987 haben die Gründerinnen mit 1000 Anmeldungen gerechnet; es wurden mehr als doppelt so viele. Und als es beim Start geregnet hat wie aus Kübeln, war klar: Petrus ist ein Mann. «Der erste Zieleinlauf war auf der Aschenbahn vom Schwellenmätteli, es war schmutzig – und trotzdem haben alle Frauen gestrahlt», sagt Ryffel.Intimwaschmittel und FrauenzeitschriftenSonja Halbeisen hat extra für den Frauenlauf mit dem Joggen begonnen. Auch die 71-Jährige aus Worb gehört zum 40er-Klub, seit einigen Jahren meldet sie sich für die Walking-Kategorie an, wegen der Knie. 1987 war sie Mutter und ein Bewegungsmensch. Ein Bekannter hat sie auf den ersten Frauenlauf aufmerksam gemacht. Damals sah man kaum Frauen beim Joggen. Gemeinsam mit ihrem Mann hat sie sich auf den Frauenlauf vorbereitet.Sandra Glaus-Schär als 16-Jährige im Ziel des ersten Schweizer Frauenlaufs 1987. Seither hat sie jedes Jahr teilgenommen.PDSonja Halbeisen in Regenjacke und langen Hosen. Nach dem ersten Frauenlauf wusste sie: zu viel Kleidung, um zu laufen.PD«Schon der erste Frauenlauf hat mich gepackt», sagt sie. «Seither laufe ich. Sofort danach war ich viel selbstbewusster und trainierte auch auf den vielen Waldwegen in der Umgebung.» Schnell hat sie sich für andere Läufe angemeldet, doch mit Männern zu laufen, ist nicht dasselbe. «Am Frauenlauf fühlt man sich als etwas Besonderes, als grosse Familie. Und im Ziel bekommen wir Geschenke wie eine Königin.» Bananen, Getränke und ein Finisher-T-Shirt, viele Jahre gab es Intimwaschmittel oder die Frauenzeitschrift «Meyers Modeblatt».Für Silvia Iseli, 73 Jahre alt, aus Bern, auch im 40er-Klub, ist der Frauenlauf ein Fest. «Ich bin nicht die typische Joggerin, aber dank dem Frauenlauf gehe ich regelmässig in der Natur laufen und geniesse es sehr.» Es ergeht ihr immer gleich: Am Start ist sie nervös, sie steht eher vorne rechts ein, damit sie nicht die Letzte ist, auch wenn sie überholt wird, unterwegs geniesst sie die Stimmung, und im Ziel ist sie einfach glücklich.«Am Frauenlauf gibt es mehr Zuschauer, die einen anfeuern, als an anderen Läufen.» Ihre Leute bestellt sie jeweils zum Helvetiaplatz, da hat im vergangenen Jahr eine Rockband «Baby, Come Back» von The Equals gespielt, aus dem Jahr 1968 – «meine Musik. Da habe ich den Musikern zugewinkt. Ich glaube, sie haben sich gefreut.»Keine «kleinen Männer» mehrOb es einen Lauf nur für Frauen auch im 21. Jahrhundert noch braucht, fragen sich die Organisatorinnen rund um die Mitgründerin Jacqueline Ryffel regelmässig. Bisher kamen sie immer zu dem Schluss: ja. «Solange jedes Jahr rund 4000 neue Läuferinnen hinzukommen, solange rund 12 000 Frauen dafür nach Bern reisen – und sowieso, in anderen Sportarten stellt man diese Frage auch nicht.»Der Schweizer Frauenlauf, davon ist Ryffel überzeugt, hat dazu beigetragen, dass das Sporttreiben heute auch für Frauen eine Selbstverständlichkeit ist. Derzeit liegt der Frauenanteil bei grossen Volksläufen bei 40 bis 55 Prozent. Das Denken über Frau und Sport, auch die medizinische Sicht, hat sich gewandelt. Frauen gelten heute nicht mehr als «kleine Männer», sondern als eine eigenständige sportmedizinische Zielgruppe mit spezifischen Bedürfnissen.Der Frauenlauf ist ein Fest. Mit Live-Musik und Abkühlung, wenn nötig.Peter Klaunzer / KeystoneAls Sandra Glaus-Schär, für die der Frauenlauf Muttertag ist, mit ihrem ersten Sohn im vierten Monat schwanger war, sagte der Gynäkologe, sie dürfe den Frauenlauf nicht rennen. «Das war ein Schock für mich! Kein Frauenlauf?! Also fragte ich: ‹Und wenn ich gehe?› Das war okay.» Als hinter ihr der Besenwagen immer näher kam, ging sie dann doch etwas zügiger. Heute rät man Frauen, auch in der Schwangerschaft möglichst lange körperlich aktiv zu bleiben.In diesem Jahr findet der Frauenlauf am ersten Sonntag im Juni statt, nicht wie gewohnt am zweiten. Denn der zweite – der 14. Juni – ist Frauenstreik-Tag. Und in Bern gehen politische Veranstaltungen vor. Der erste Sonntag – der 7. Juni – ist auch Vatertag. Als Geschenk dürfen sich die Väter in diesem Jahr um die Kinder kümmern, während die Mütter am Frauenlauf starten.Passend zum Artikel