Wie Peter Thiel in Argentinien sein libertäres Paradies gefunden hatDer Milliardär und Tech-Unternehmer fühlt sich in Buenos Aires sicher vor einem Atomkrieg und glaubt an die Vision seines anarcho-kapitalistischen Gesinnungsgenossen Javier Milei.06.06.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenPeter Thiel bei seiner Ankunft in der «Casa Rosada», dem Präsidentenpalast in Buenos Aires, wo Javier Milei auf ihn wartete.Matias Baglietto / ReutersDer Mann im hellen Poloshirt zahlte wie alle anderen die Startgebühr von 10 000 Pesos, umgerechnet rund 5 Franken 50, setzte sich an einen der Holztische und eröffnete seine erste Schachpartie. Doch brillieren konnte er am letzten Freitag im Schachklub von Belgrano, einem gehobenen Viertel von Buenos Aires, nicht: Laut dem Newsportal «Infobae» gewann er nur ein Spiel und holte ein Remis, zwei Partien verlor er.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Das war für die Medien in der argentinischen Hauptstadt indes die kleinere Sensation, auch wenn der Mann einst zu den besten 1000 Schachspielern in den USA gehört hatte. Für noch mehr Aufsehen sorgte, dass es Peter Thiel ist, der sich immer wieder unter die Menschen mischt. Der Tech-Unternehmer und Milliardär lebt mit seinem Partner Matt Danzeisen sowie den Kindern seit einigen Monaten in Buenos Aires – und es scheint, dass er gekommen ist, um zu bleiben.Er hat sich in Palermo Chico, einem bei Diplomaten beliebten Quartier, für 12 Millionen Dollar eine Villa mit sechs Schlafzimmern gekauft. Die beiden Töchter sollen bereits auf eine lokale Schule gehen. Und Thiel besuchte den «Superclásico» des argentinischen Fussballs, River Plate gegen Boca Juniors.In Kalifornien drohte happige SteuerThiel selbst hat sich bisher nicht zu seinem Wegzug aus den USA geäussert. Doch seine Motive lassen sich aufgrund der Aussagen von Vertrauten gegenüber verschiedenen Medien herleiten. Der Paypal-Gründer ist zwar ein Unterstützer von Donald Trump und steht insbesondere dessen Vizepräsident nahe: J. D. Vance arbeitete einst für dessen Firmen, und Thiel unterstützte seine Senatskampagne 2022 mit 10 Millionen Dollar. Dennoch fühlte sich Thiel in seiner Heimat offenbar nicht mehr wohl.In einem Artikel unter dem Titel «Warum Peter Thiel ans Ende der Welt zieht» führte die «New York Times» die drohende Reichensteuer im demokratisch dominierten Gliedstaat Kalifornien als Grund für den Unmut des Unternehmers an. Voraussichtlich im November stimmt die kalifornische Bevölkerung über eine Initiative ab, die eine einmalige Besteuerung aller Milliardenvermögen in der Höhe von 5 Prozent vorsieht. Das soll rückwirkend gelten für all jene Superreichen, die am 1. Januar 2026 ihren Wohnsitz in Kalifornien hatten.Thiel, dessen Vermögen auf 30 Milliarden Dollar (24 Milliarden Franken) geschätzt wird, hätte bei einem Ja zur Initiative dem Staat also rund 1,5 Milliarden Dollar abliefern müssen. Dieses Risiko wollte er nicht eingehen und verlegte seinen Wohnsitz bereits im letzten November vom Silicon Valley nach Miami. Das war aber nur ein Zwischenhalt auf dem Weg nach Argentinien.Nicht das stabilste LandDem Vernehmen nach soll Thiel dort stabile Verhältnisse suchen. Das mag etwas verwegen erscheinen angesichts der jüngeren argentinischen Geschichte, die nicht gerade von Stabilität geprägt war: Seit dem Ende der Militärdiktatur 1983 wechselten sich linke und rechte Regierungen ab, fast immer kam es dabei zu abrupten politischen Richtungswechseln. Auch die argentinische Wirtschaft steckt permanent in der Krise: Die Inflationsraten lagen in den letzten zehn Jahren bei 25 bis 220 Prozent.Dafür könnte man sich in Argentinien aufgrund seiner Lage relativ sicher fühlen im Fall eines dritten Weltkriegs. Martín Varsavsky, ein spanisch-argentinischer Tech-Unternehmer und Freund von Thiel, sagte der «New York Times»: «Im Moment, in dem China Taiwan angreift oder Russland Litauen, werde ich in Buenos Aires sein.» Es ist plausibel, dass Thiel das ähnlich sieht. Denn sein Denken ist geprägt durch eine apokalyptische Zukunftsvision: Er hat Angst vor dem Weltuntergang, hervorgerufen durch einen technologiefeindlichen Tyrannen, den er als «Antichrist» bezeichnet.Ein starkes Argument für Argentinien ist aus Thiels Sicht auch Staatspräsident Javier Milei, dessen staatskritische Philosophie und Abneigung gegen alles Woke er teilt. Im April hiess Milei Thiel in seinem Palast, der Casa Rosada, willkommen. In einem Radiointerview sprach der Präsident danach von einem «wunderbaren» Treffen. «Ich bin ein Anarcho-Kapitalist und er auch.» Sie seien sich einig, dass Steuern Diebstahl seien.Euphorische Rechte, entsetzte LinkeThiel habe sich für das Agrargeschäft interessiert, aber sie hätten nicht konkret über die Möglichkeit von Investitionen Thiels in die argentinische Wirtschaft diskutiert, sagte Milei. Offen ist auch, ob der prominente Gast bald die argentinische Staatsbürgerschaft erhält. Mileis Regierung hegt Pläne, einen «goldenen Pass» für reiche ausländische Investoren einzuführen. Thiel hat neben der amerikanischen Staatsbürgerschaft auch jene von Deutschland, wo er geboren wurde, und von Neuseeland.Thiel hat sich auch bereits mit weiteren wichtigen Exponenten der argentinischen Regierung getroffen, etwa dem Deregulierungsminister Federico Sturzenegger, der Wurzeln in Appenzell hat, oder dem Wirtschaftsminister Luis Caputo. Das Milei-Lager reagiert entsprechend euphorisch auf den prominenten Einwanderer.Mileis Direktor für digitale Kommunikation, ein libertärer Aktivist, postete auf der Plattform X ein Foto von einer früheren Teilnahme Thiels am Schachturnier von Belgrano und schrieb dazu, Thiel sei bereits argentinischer als die «Kukas» – das ist ein Begriff, der die Anhänger der früheren Präsidenten Néstor Kirchner und Cristina Fernández de Kirchner diffamiert.El TIPAZO de Peter Thiel (valuado en US$ 30 billion y una de las personas más influyentes de Estados Unidos) fue a jugar ajedrez en un torneo en una escuelita en Balvanera y salió 3ro.Ya es más argentino que los kukas. pic.twitter.com/tImihhh6PO— Juan Doe (@jdoedoe101101) May 17, 2026