Reformstau, China-Schock und der Krieg am Golf beenden den kurzen deutschen Aufschwung. Durchgreifende Reformen erwartet kaum jemand. Aber der Druck auf die Politik steigt, und ein grosser Trend bietet Chancen.06.06.2026, 05.30 Uhr8 LeseminutenElegant, aber marode: Die Köhlbrandbrücke im Hamburger Hafen (hier mit Kränen und Strommast) muss in einigen Jahren ersetzt werden.ImagoDies ist ein Artikel aus dem digitalen Finanzmagazin «The Market NZZ».Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Als Chefstratege der MM Warburg spricht Christian Jasperneite fast täglich mit Unternehmern, im hellgrauen Gründerzeitbau nahe der Binnenalster oder bei den vielen Kundenbesuchen in ganz Deutschland. Seit seinem Abschied von der Universität Passau vor mehr als einem Vierteljahrhundert arbeitet er bei der Hamburger Privatbank. Er hat dort den Dotcom-Crash erlebt, die Finanzkrise ab 2008 und die Euro-Krise von 2011. Doch so bedrückend wie derzeit war die Stimmung noch nie.«Die reden untereinander über Untergangsszenarien», sagt Jasperneite. Der Vorsitzende eines Unternehmerklubs habe ihn kürzlich gebeten, einen Vortrag zu halten über Anlagestrategien in der Krise: Was passiert, wenn das System versagt? «In der Euro-Krise hatten viele einen Panikanfall», sagt der Ökonom. «Jetzt herrscht strukturelle Lethargie, das ist fast schlimmer.»Der deutsche Aktienmarkt dagegen jubiliert. Der Leitindex DAX müsste nur wenige Prozentpunkte klettern, um seinen Rekordstand von 25507,79 Punkten von Mitte Januar zu übertreffen. «Der deutsche Aktienmarkt und die deutsche Wirtschaft haben nichts miteinander zu tun», sagt Jasperneite.«Wir haben eine gespaltene Wirtschaft», konstatiert Ulrich Kater, Chefvolkswirt der Deka, dem Spitzeninstitut der Sparkassen. Die Oberklasse reiche vom DAX bis zum SDAX und bespiele den Weltmarkt recht erfolgreich, mit Ausnahmen wie der Autoindustrie. «Aber in den unteren Etagen bröckelt der Putz von den Wänden.»Der Flugzeugbauer Airbus und der Rüstungskonzern Rheinmetall gehören zur Oberklasse: Ihr grösstes Problem ist es, das für mehrere Jahre prall gefüllte Orderbuch zügig abzuarbeiten.Viele nicht börsennotierte, kleinere Unternehmen dagegen, die vor allem auf dem Heimatmarkt ihr Geschäft betreiben, leiden schwer unter der jahrelangen Wirtschaftsflaute, die strukturelle Züge trägt. «Die Gewinnquote als Anteil des Volkseinkommens ist auf Corona-Tief», klagt Kater. Das Gegenstück zur Gewinnquote ist die Lohnquote, die auf sehr hohem Niveau thront. «Die Unternehmen zehren ihre Kapitalreserven auf, weil sie zu wenig Gewinn erzielen.» Deshalb investierten sie auch so wenig, sagt Kater: «Für die Produktion in Deutschland sieht es sehr problematisch aus.»Hoffnungslosigkeit macht sich breit in der Wirtschaft. Doch selbst die konsternierten Ökonomen, mit denen «The Market» gesprochen hat, sehen Auswege aus der Krise. Der Druck auf die Politik wächst, diese teilweise beschwerlich steilen Pfade zu beschreiten anstatt weiterhin den des geringsten Widerstands.Chinas Exportpolitik und der Krieg in Iran als externe SchocksZwei schwere Belastungen von jenseits der Grenzen machen vielen deutschen Unternehmen zu schaffen. Da ist einerseits die überwältigend wirkende Exportwelle aus China, angetrieben vom inzwischen hohen Qualitätsniveau der dortigen Unternehmen, aber auch von billigen Krediten, billigem Strom und geringer Regulierung. Unternehmerverbände und China-Kenner sprechen längst vom zweiten China-Schock nach dem ersten ab den neunziger Jahren.Der zweite externe Schock folgte auf den von US-Präsident Donald Trump befohlenen Angriff der USA auf Iran. Der Krieg am Persischen Golf habe der europäischen Konjunktur das Genick gebrochen, sagt Jeremie Peloso. Grossanlegern rät der Chefstratege für Europa beim Researchanbieter BCA derzeit von den Aktienmärkten des alten Kontinents ab.«Europa rutscht von der Stagflation in die Rezession», konstatiert Peloso. Die anhaltende Schliessung der Strasse von Hormuz schwäche Wachstum, Arbeitsmarkt und Lieferketten; und sie führt zu Inflation. Noch dazu hätten viele Regierungen kaum finanziellen Spielraum, um die Wirtschaft zu stützen. Die Konsequenz: «Sogar wenn die USA und Iran ein Abkommen schliessen, bleibt die Euro-Zone anfällig für einen tieferen Wirtschaftsabschwung», warnt er.Den Folgen des Kriegs am Golf kann die deutsche Wirtschaft sich nicht entziehen. Umfragen bei Einkaufsmanagern, die BCA-Stratege Peloso von Europa abrücken lassen, sehen auch für Deutschland schlecht aus. Der kurze Aufschwung in der Industrie ist bereits wieder beendet, legen die am Montag veröffentlichten Daten für den Mai nahe.Der von S&P Global erhobene Einkaufsmanagerindex für das produzierende Gewerbe ist auf 50,1 Punkte gefallen, nach 51,4 im April. Der niedrigste Wert seit vier Monaten liegt nahezu auf der zwischen Auf- und Abschwung trennenden 50-Punkte-Marke und signalisiert damit praktisch Stagnation.Der 500-Milliarden-Euro-Fonds für Infrastruktur und die hohen Rüstungsausgaben wirken nur noch stabilisierend, können gegen China-Schock und Energiepreisanstieg aber keinen spürbaren Aufschwung auslösen. Jedenfalls vorerst. «Die grossen staatlichen Ausgabenprogramme für Infrastruktur kommen erst noch», sagt Michael Heise, Chefökonom des Vermögensverwalters HQ Trust in Bad Homburg. Dass 2025 noch nicht viel von dem in Aussicht stehenden Geld investiert wurde, sei angesichts der Planungszeiträume hierzulande verständlich. Doch aufgeschoben ist nicht aufgehoben, sagt Heise: «Der Konjunkturimpuls wird bedeutend sein.» Für 2026 erwartet er 0,8 Prozent Wachstum, 2027 könne Deutschland auf 1,1 oder 1,2 Prozent Wachstum kommen. Auch für den privaten Sektor sei der Nachfrage- und Investitionsanreiz durch die staatlichen Mehrausgaben erheblich.Voraussetzung für eine Konjunkturbelebung sei allerdings, dass der Ölpreis wieder auf rund 90 Dollar pro Fass falle, schränkt Heise ein: «Das ist immer noch eine Belastung, aber sie ist verkraftbar.»Der langjährige Niedergang der deutschen IndustrieEin Teil der ökonomischen Probleme des Landes hat sich allerdings bereits seit Jahren manifestiert. «Die deutsche Wirtschaft ist in einer desaströsen Lage: Noch nie haben wir so viele Industriearbeitsplätze verloren wie in den zurückliegenden zwei Jahren», sagt der MM-Warburg-Stratege Jasperneite. «Es wird nicht mehr neu in Deutschland investiert, das ist hochdramatisch und war vor sieben Jahren noch anders.»Zu den Ursachen gehören die im internationalen Vergleich hohen Energiekosten, die der Krieg in Iran weiter hochgetrieben hat, und der erdrückende Wettbewerb durch chinesische Unternehmen, die dank hohen Subventionen oft 30 oder 40 Prozent billiger anbieten als deutsche Konkurrenten. «Ausgleichszölle gegen unfairen Wettbewerb auch aus China sind notwendig», sagt der Deka-Ökonom Kater.Doch ein erheblicher Teil der Probleme liegt im Inneren der Bundesrepublik. «Wenn die Rahmenbedingungen besser werden, investieren die Unternehmen auch wieder mehr», prophezeit der HQ-Trust-Ökonom Heise. «Wir sollten nicht sagen, das bringe ja doch alles nichts. Defaitismus ist auch ökonomisch falsch.»Die Republik hat in der Tat schon grössere Herausforderungen bewältigt. Verglichen mit den Problemen, vor denen die Nachkriegsgeneration stand, ist Deutschland heute immer noch ein glückliches Land. Aber etwas von der Arbeitswut und der Eigeninitiative jener Menschen, die den Absturz in Barbarei und Zerstörung erlebt hatten und danach das Wirtschaftswunder erzeugten, hätte es heute nötig.«Die Regierung muss auch die Ausgaben und die Subventionen senken», sagt der HQ-Trust-Ökonom Heise. «Vor allem beim sehr grossen Posten Staatskonsum gibt es Handlungsbedarf.» Dieser ist nach Berechnung des Ifo-Instituts seit 2015 um etwa 25 Prozent gestiegen, während die privaten Investitionen wieder auf das Niveau von 2015 gefallen sind. «Bei dieser Rechnung sind die Sozialausgaben noch gar nicht enthalten.»Die Regierung müsste für die Reformpolitik zwei Aufgaben angehen, fordert der Deka-Ökonom Kater: Bei Sozialversicherung, Krankenversicherung, Pflege und Rente müsse sie die steigenden Ausgaben bändigen. «Und sie muss den Unternehmern signalisieren, dass sie zu Innovationen bereit ist und an Traditionen rüttelt, um Aufbruchstimmung bei den Investoren zu erzeugen.» Das Risiko der politischen Krise setze Kräfte frei, hofft er: «Es besteht die grosse Chance, dass die Koalition Aufgabe eins erfolgreich in Angriff nimmt und auch bei der zweiten Aufgabe vorankommt.»Die Erziehung der Menschen zur Tatenlosigkeit«Gesundheits-, Steuer-, Sozial- und Rentensystem müssten neu gedacht werden», sagt der MM-Warburg-Stratege Jasperneite. Ein Single mit 70 000 Euro Bruttoeinkommen zahle die Hälfte davon als Steuern und Abgaben. «Das geht nicht mehr viel höher.»Dem Sozialhilfeempfänger wiederum würden mehr als 100 Prozent des Zuverdienstes weggenommen, wenn er arbeite. «Der Anreiz ist dafür gesetzt, zu Hause zu bleiben», sagt Jasperneite. «Das ist fast Sabotage. Das muss auf 50 Prozent runter.»Diese Fehlanreize gegen das Arbeiten beschreiben nicht nur Ökonomen aus der Makroperspektive. Sondern auch die Physiotherapeutin, die sich fragt, warum sie überhaupt noch arbeiten geht, wenn sie durch Grundsicherung und Wohngeld ähnlich viel hätte, wie sie bei der Behandlung erzählt. Oder der Mitarbeiter eines Bildungsanbieters für Arbeitslose, der selbst aus einem weit weniger finanzkräftigen Land in Nordafrika stammt und den Eindruck hat, dass sich viele Sozialhilfeempfänger, denen er in seiner Wahlheimat begegnet, mit ihrer Situation abgefunden hätten.«Entscheidend sind vielfach die finanziellen Anreize», sagt der HQ-Trust-Ökonom Heise. «Grundsicherung und Wohngeld sind für viele ausreichend hoch.» Verglichen mit den Arbeitseinkommen und den Sozialleistungen in anderen Ländern mit geringerem Einkommensniveau sei die Grundsicherung finanziell attraktiv, so dass es einen Pull-Faktor gebe. Von den 5,2 Millionen Empfängern der Grundsicherung sind 2,4 Millionen Ausländer, berichtete die Wochenzeitung «Die Zeit». Zu Letzteren gehörten viele Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine und Syrien, aber zum Beispiel auch 100 000 Bulgaren. Einen ähnlichen, gegenläufigen Trend zwischen Hilfsempfängern mit oder ohne deutschen Pass zeigt der Blick auf die erwerbsfähigen Leistungsberechtigten der Grundsicherung.«Die Regierung muss den Eindruck erzeugen, dass sie darangeht, die Sozialabgaben zu reduzieren», rät Heise. «Die Sozialabgaben belasten über hohe Zwangsabgaben und Steuern die Arbeitnehmer, und sie machen Arbeit für die Unternehmen teuer.»Reformaverse Bevölkerung, konfliktscheuer KanzlerLimitierte Reformen «werden wohl im Sommer kommen», prophezeit Heise. «Bei der Einkommenssteuer, aber hoffentlich auch bei den Sozialbeiträgen und der Ausgabenbegrenzung.»Bei der Steuerentlastung der Unternehmen agiert die Regierung von Bundeskanzler Friedrich Merz jedoch mit einer Langmut, die nicht zur tiefen Krise passt. Die Senkung der Körperschaftssteuer von 30 auf 25 Prozent kommt erst ab 2028 und auch dann nur in mehreren Schritten – also viel zu spät, wie «The Market» bereits im Januar 2025 kritisierte. «Dass die Regierung die Körperschaftssteuer erst ab 2028 schrittweise um insgesamt 5 Prozentpunkte senkt, ist als Massnahme zur Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit ein Witz», sagt Heise.Auch für ein weiteres Grossprojekt hat der Ökonom wenig Hoffnung. «Bürokratieabbau in grösserem Umfang sehe ich nicht», sagt Heise. «Da gibt es immer starke politische Fraktionen, die dagegen sind.»Neben handwerklichen Fehlern bei der Organisation von Mehrheiten in Partei und Fraktion konstatieren Beobachter auch geringen Ehrgeiz und mangelnde Entschlossenheit bei Regierungschef Merz, der mit dem Einzug ins Kanzleramt bereits seinen Lebenstraum erfüllt zu haben scheint.«Die Politik fürchtet den Absturz bei den nächsten Wahlen», sagt der Deka-Ökonom Kater. «Bei vielen Wählern fehlt immer noch die Einsicht, dass Reformen notwendig sind, zu denen sie persönlich auch etwas beitragen müssen.» Hoffnung auf Besserung macht ihm deshalb gerade die Tatsache, dass der Druck steigt und damit auch die Erkenntnis, dass Einschnitte notwendig sind. «Ohne Reformen werden wir in den kommenden Jahrzehnten einen Wohlstandscrash in Zeitlupe erleben: Wir würden nicht alle arm, von heute auf morgen. Aber wir fallen im internationalen Vergleich dann weiter zurück, der technologische Abstand zu anderen Ländern würde grösser und damit auch die politische Abhängigkeit», warnt Kater.Es wäre ein Eingeständnis des Scheiterns, wenn die Regierung die Wende hin zu Reformen nicht schaffe, sagt er: «Dann droht eine politische Krise und die Unregierbarkeit.» Die fürchten inzwischen auch andere besonnene Geister wie Peter Altmaier, ehemals Kanzleramtschef und Wirtschaftsminister von Bundeskanzlerin Angela Merkel. Er habe erstmals Angst vor einer Staatskrise, sagte der CDU-Politiker Anfang Mai.Investitionszyklus als Chance für die IndustrienationUm die Wende zu schaffen, sollte Merz sich an die Aufbruchstimmung nach der Regierungsbildung erinnern, ausgelöst durch die Hoffnung auf echten Wandel und auf die angekündigten Investitionen. Schliesslich läuft in den USA ein grosser Investitionszyklus in die Infrastruktur für die künstliche Intelligenz, aber ebenso für die Rückholung von Teilen der Industrie, auch aus sicherheitspolitischen Gründen. Mit Zöllen als Schutz. Der in Schottland lebende Marktbeobachter Russell Napier hat einen solchen Boom der Kapitalinvestitionen im Herbst 2022 mitten in der damaligen Rezessionsangst in einem Gespräch mit «The Market» eingeführt.Erweitern Sie Ihr NZZ-Abonnement um «The Market NZZ»Als NZZ-Kunde erhalten Sie «The Market NZZ» für 29.60 Euro statt 37 Euro im Monat. Testen Sie jetzt das flexible Angebot. Monatlich kündbar.Zum rabattierten Angebot für NZZ-Abonnenten«Ein grosser Investitionszyklus zur Relokalisierung und Schutz vor unfairem Wettbewerb sind für mich fast der letzte Rettungsanker», sagt der MM-Warburg-Stratege Jasperneite. «Von Maschinenbau, Autos und Flugzeugen verstehen wir noch etwas.» Das sei ein Prozess von fünfzehn bis zwanzig Jahren. «Dann vermeiden wir vielleicht die Staatskrise und wachsen möglicherweise wieder um 1,3 bis 1,6 Prozent pro Jahr», sagt er über ein Szenario, das seinen Unternehmerkunden wieder etwas Hoffnung geben könnte.
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