Aussergewöhnlich klarer Kopf bis ins hohe Alter – Forscher finden eine Ursache geistiger FitnessBei den sogenannten Super-Agern entstehen in einer Hirnregion unerwartet viele Nervenzellen. Bei einer Demenz gibt es dagegen kaum noch Nachschub. Diese Erkenntnisse befeuern den alten Streit über die Neubildung von Nerven im erwachsenen Gehirn.15.03.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenBald schachmatt? Nein, die zwei Herren halten Körper und Geist gesund, und das sogar gleichzeitig.Guillermo De La Torre / KintzingMit 80 Jahren die Einkaufsliste auswendig kennen oder dem Freund beim Schachspielen Paroli bieten – das ist die Wunschvorstellung von vielen für das Alter. In der Fachsprache werden 80-Jährige mit den Hirnleistungen von 50- bis 60-Jährigen als Super-Ager bezeichnet. Forscher finden immer mehr Hinweise darauf, was das Gehirn solcher Personen besonders macht.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die neueste Erkenntnis: Bei Super-Agern entstehen auch in hohem Alter in einer ganz speziellen Hirnregion noch neue Nervenzellen.Die Neubildung von Zellen ist für unseren Körper eine ganz normale Angelegenheit. Schleimhautzellen im Mund werden ungefähr alle vierzehn Tage erneuert, Hautzellen alle paar Wochen. Doch für das Gehirn galt viele Jahrzehnte das Dogma: Ist der Aufbau im Jugendalter abgeschlossen, geht es nur noch bergab. Sprich: Wir verlieren kontinuierlich Nervenzellen, bekommen aber keine neuen nachgeliefert.Nein, so stimme das nicht, sagt nun auch die Arbeitsgruppe von Orly Lazarov von der University of Illinois in Chicago und bestätigt frühere Kritik. In der kleinen Hirnregion namens Hippocampus bilden sich kontinuierlich im Laufe des Lebens Nervenzellen. Ungefähr 0,01 Prozent der Neuronen im Hippocampus seien neu. Ihre Erkenntnisse haben die Forscher in der Fachzeitschrift «Nature» veröffentlicht.Ein dichtes Netzwerk aus Nerven hält den Hippocampus funktionsfähig. Die rot eingefärbten Nervenkerne senden blaue Ausläufer in alle Richtungen. Dazwischen bilden grüne Gliazellen das Stützgerüst.Thomas Deerinck / SPL / ImagoDie Fachleute haben in Gehirnen von Verstorbenen unterschiedlichen Alters sowohl die Aktivität der Gene vor dem Tod als auch deren Verpackung analysiert. Diese verändert sich nämlich im Laufe des Lebens und ist ein Anzeichen für den Zustand einer Zelle.Zuerst bestimmte das Team um Lazarov mithilfe der Merkmale bei gesunden jungen Menschen drei Zelltypen: noch völlig unreife und sehr teilungsfreudige Babyzellen, Teenagerzellen mit einer gewissen Reife und gerade erwachsen gewordene Nervenzellen, bereit für grosse Aufgaben. Nur wenn alle drei Zelltypen in einem Gewebe vorkämen, sei gesichert, dass hier neue Neuronen gebildet würden, betonen die Autoren der Studie.Im zweiten Schritt fahndeten die Wissenschafter in den Gehirnen der älteren Probanden nach diesen drei Zelltypen. Sie sind zwar bei allen fündig geworden. Doch die Menge unterschied sich erheblich.Mehr neue Nervenzellen sind nicht der einzige VorteilSuper-Ager bilden ähnlich viele Nervenzellen wie Menschen in ihren Fünfzigern. Bei ihnen entstehen ungefähr doppelt so viele Neuronen wie bei geistig nicht ganz so regen Gleichaltrigen. Kaum noch neue Nerven existieren dagegen bei Personen mit einer Demenz. Welche Aufgaben die neugebildeten Neuronen übernehmen, ist unklar.Die Super-Ager unterschieden sich nicht nur in der Menge an neuen Neuronen von ihren Altersgenossen. Bei ihnen waren auch Gene aktiver, die die Verbindungen zwischen Nervenzellen stärken. Ein Molekül, das Nervenzellen sowohl bei ihrer Arbeit unterstützt als auch ihr Überleben verlängert, kam bei superfitten 80-Jährigen in grösseren Mengen vor.Zudem wies das Erbgut ihrer erwachsenen Nervenzellen ein ganz spezielles Verpackungsmuster auf. Giftige Moleküle, die in der Zelle bei Stoffwechselprozessen entstünden, würden dadurch effizienter entsorgt, vermuten die Studienautoren. Es könnte zudem sein, dass die Zellen insgesamt besser gegen altersbedingte Veränderungen wie beispielsweise Fehler bei der Proteinproduktion gewappnet seien.Leistungsfähigere Verbindungen zwischen HirnregionenFrühere Studien hatten weitere Besonderheiten in den Gehirnen von Super-Agern entdeckt. Bei ihnen sind sowohl der Hippocampus als auch andere Gehirnregionen etwas voluminöser als bei «normalen» Gleichaltrigen. Zudem existieren mehr Verbindungen zwischen einzelnen Arealen, speziell im Vorderhirn. Dieses ist für Denkprozesse zuständig. Da viele kognitive Leistungen mehrere Bereiche im Gehirn für die Verarbeitung der Aufgaben benötigen, sind vielfältigere Kontakte untereinander ein wichtiger Faktor für bessere Leistungen.Ob diese Unterschiede ausschliesslich dem stetigen Nachschub an neugebildeten Nervenzellen zu verdanken sind, ist unklar. Somit ist auch noch offen, ob die Superkraft der Super-Ager allein darauf zurückzuführen ist.«Warum die Gehirne der Super-Ager so viel langsamer altern, ist sehr vielschichtig und komplex und wahrscheinlich so individuell wie die Lebensläufe», sagt Gerd Kempermann, der an der TU Dresden die Neubildung von Nervenzellen bei Erwachsenen erforscht. «Aber die Neubildung von Nervenzellen kann ein Schlüsselfaktor sein.» Dadurch bliebe der Hippocampus anpassungsfähiger. Das helfe, Lernen und Gedächtnis flexibel und effizient zu halten. Denn der Hippocampus spielt eine wichtige Rolle bei der Bildung des Gedächtnisses.Für den Neurowissenschafter Kempermann ist die neue Analyse eine wichtige Bestätigung für die immer noch umstrittene Hypothese, dass im Gehirn von Erwachsenen Nerven entstehen können. Er hat sich festgelegt: «Mittlerweile sind die Beweise dafür überwältigend. Die Meinung der wenigen, die sich da sträuben, beruht auf sehr wenigen und wenig überzeugenden Daten.»Ein weiterer Befürworter ist Jonas Frisén vom Karolinska-Institut in Stockholm. Er hatte bereits 2013 berichtet, dass Nerven im Hippocampus Anzeichen für Zellteilung aufwiesen. Vergangenen Sommer zeigte die schwedische Arbeitsgruppe dann, dass in dieser Gehirnregion funktionsfähige Nerven aus Vorläufern entstehen.Weiterhin skeptisch bleibt der Neurobiologe Shawn Sorrells von der University of Pittsburgh. In allen bisher publizierten Studien mit menschlichen Gehirnen fehle ein wichtiger Beweis, erklärt er auf Anfrage. Niemand habe je eindeutig gezeigt, dass sich die Zellen mit den Merkmalen von Zellteilung im lebenden Gehirn tatsächlich teilten.Er ist daher nach wie vor überzeugt, dass die Neubildung von Nerven im erwachsenen menschlichen Gehirn sehr selten bis nicht existent ist.Angenommen, die Mehrheit hat recht, und im Hippocampus von Erwachsenen entstehen tatsächlich ständig einige neue Nervenzellen. Weiter angenommen, das Team aus Chicago hat recht, und dies passiert bei Patienten mit Alzheimer nicht mehr. Könnte das die Ursache der Demenz sein? Oder ist es nur eine Folge?Es ist denkbar, dass eine mangelnde Nervenbildung tatsächlich eine Ursache einer Demenz ist. Denn bei einer Alzheimer-Erkrankung sterben in der Regel zuerst im Hippocampus Nerven. «Wenn die Nervenneubildung ausbleibt, büsst der Hippocampus mutmasslich sehr wichtige Funktionen ein», sagt Kempermann. Aber der kognitive Verfall bei der Alzheimerdemenz habe darüber hinaus viele weitere Ursachen.Unabhängig davon, ob nun die fehlende Nervenbildung eine Ursache einer Demenz ist, stellt sich die Frage, ob und wie wir die Entstehung von Neuronen im Hippocampus positiv beeinflussen können. Denn wer wünscht sich schon nicht geistige Fitness bis ins Greisenalter?Langzeitbeobachtungen von Senioren mit besonderen kognitiven Fähigkeiten zeigen, dass sich keineswegs alle viel bewegen und gesund ernähren. Manche besassen sogar die Proteinklumpen im Gehirn, die typisch für eine Alzheimerdemenz sind. Aber eines hatten alle Super-Ager gemeinsam: Sie waren sehr kontaktfreudig, gesellig und gesprächig. Vielleicht sind viele Beziehungen, geknüpft in jungen und mittleren Jahren, die wahre Superkraft . . .Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
Aussergewöhnlich klarer Kopf bin ins sehr hohe Alter - Forscher finden eine Ursache
Bei den sogenannten Super-Agern entstehen in einer Hirnregion unerwartet viele Nervenzellen. Bei einer Demenz gibt es dagegen kaum noch Nachschub. Diese Erkenntnisse befeuern den alten Streit über die Neubildung von Nerven im erwachsenen Gehirn.







