Kai Wegner kann machen, was er will: Noch vor zwei Jahren wurde der Regierende Bürgermeister beim Berliner Christopher Street Day (CSD) kritisch beäugt – 2024 durfte er die Veranstaltung nicht eröffnen. Jetzt unternimmt der CDU-Politiker einen neuen Anlauf, und wieder gibt es mächtig Ärger. Diesmal wegen der Kosten, die dadurch auf das Land Berlin zukommen. Am 25. Juli werden in Berlin wieder Hunderttausende Teilnehmende erwartet, die sich gemeinsam für die Rechte queerer Menschen einsetzen. Gleichzeitig haben die Organisatoren angekündigt, sich um die Ausrichtung des WorldPride 2032 zu bewerben – und starten eine Kampagne für diese wohl größte queere Veranstaltung der Welt. Für den bunten Demozug zwei Monate vor der Abgeordnetenhauswahl – nach der Wegner als Berlins Regierungschef bestätigt werden will – wurde ein doppelstöckiger Truck unter dem Namen „Regenbogenhauptstadt“ angemeldet. Damit ist der Senat das erste Mal mit einem eigenen Wagen beim CSD vertreten. Doch der Regierungswagen soll nur Teil einer Senatskampagne im Rahmen des Berliner „Pride Month“ sein, bei dem es insgesamt um Aufmerksamkeit für Selbstbestimmung, queere Sicherheit und ein diskriminierungsfreies Zusammenleben gehen soll. So oder so: Die Kosten sind erheblich. Senatssprecherin Christine Richter bezifferte die gesamte Kampagne auf 375.000 Euro. Für den Wagen allein stehen der Sprecherin zufolge 140.000 Euro bereit. Hinzu kämen Sachleistungen im Wert von rund 235.000 Euro. Die CSD-Veranstalter erheben nach eigenen Angaben alleine pro Truck eine Teilnahmegebühr in Höhe von 6250 Euro. 375.000 Euro zwei Monate vor der Wahl? Das bleibt nicht unkommentiert im politischen Berlin. „Angesichts der Tatsache, dass der CSD keine zwei Monate vor der Abgeordnetenhauswahl stattfindet und Wegner daher offensichtlich Steuergelder für seinen Wahlkampf einsetzt, ist der Vorgang ein Skandal“, sagt Kristin Brinker, AfD-Partei- und Fraktionsvorsitzende, und am 20. September Spitzenkandidatin. Es könne nicht Aufgabe der Senatskanzlei sein, die Teilnahme des Regierenden Bürgermeisters an einer Demonstration zu erkaufen. Und Brinker hat noch einen Punkt. In einer Pressemitteilung erinnert sie daran, dass Wegner zuletzt beim CSD unterschiedlich willkommen war. Jetzt, so Brinker spitz, „kauft er sich einen eigenen Wagen, und die Steuerzahler müssen dafür aufkommen“. Das Verhältnis – wenn man so sagen mag – von Wegner zu den Berliner CSD-Aktivisten begann im Juli 2021. Auch damals war das zwei Monate vor einer Abgeordnetenhauswahl. Der damalige CDU-Spitzenkandidat wurde erstmals auf einen Wagen eingeladen. Und Wegner fühlte sich von der Community angenommen, wie er danach immer wieder betonte. Zwei Jahre später, Wegner war gerade Regierenden Bürgermeister geworden, war er CSD-Eröffnungsredner. Er sagte: „Meine feste Zusage für diesen Berliner Senat ist: Wir wollen den Artikel 3 des Grundgesetz ändern. Da muss die sexuelle Identität mit rein.“ Artikel 3 ist der Gleichbehandlungsartikel des Grundgesetzes. Ein Jahr später war Wegner damit noch nicht viel weiter gekommen – und die Community nahm ihm das übel. Er sei kein verlässlicher Verbündeter und schmücke sich nur mit dem Regenbogen. Ergebnis: Wegner durfte die Eröffnungsrede nicht halten. 2025 ruhte der See still, jetzt nimmt Wegner einen neuen Anlauf, sein zwischenzeitlich gestörtes Verhältnis zur queeren Gemeinschaft zu reparieren. Thomas Hoffmann reicht dem Regierenden dazu die Hand, und dazu bringt das Vorstandsmitglied des CSD-Vereins die Bewerbung für die WorldPride 2032 ins Spiel. „Insofern freuen wir uns, wenn er durch seine Teilnahme zum Ausdruck bringen möchte, dass er diese Forderungen und unsere weiteren Ziel unterstützt.“ Wegner also womöglich als Pate für eine neue Bewerbung Berlins für eine internationale Großveranstaltung? Und das zu all den Schwierigkeiten mit Olympia und der Expo 2035? Wer weiß. Sicher aber ist: Der Marsch zum Christopher-Street-Day ist für viele vor allem eine große, laute und meistens sehr fröhliche Straßenparty mit Hunderttausenden Besuchern, die Berlin zu einer noch bunteren Stadt macht, als sie es schon ist. Aber der CSD ist auch politisch, war es immer, auch wenn dies manchmal angesichts der feiernden Massen aus dem Blick gerät. Die Macher sagen es so: Internationale Sichtbarkeit und eine starke Community sind kein Selbstläufer, sondern müssen immer wieder neu erarbeitet und geschützt werden. Dazu gehört für die CSD-Veranstalter auch der Gang zum Wahllokal. Und so liegt der Fokus dieses Jahr auf der bevorstehenden Berlin-Wahl. „Deshalb rufen wir alle Berliner*innen dazu auf, Parteien zu wählen, welche die Würde des Menschen als unantastbar achten und die Regenborgen-Hauptstadt erhalten und weiterentwickeln wollen“, sagt Vorständin Julia Miosga. Das Ziel sei, „dass alle Menschen, die zum CSD kommen, auch von ihrem Wahlrecht Gebrauch brachen“. Das Motto lautet: „Haltung ist hot.“ Doch genügt das? Vorstandsmitglied Hoffmann gibt Wagenpate Wegner noch etwas mit auf den Weg: Es sei „eine gute Nachricht, wenn Parteien die Forderungen der Community in ihren Wahlkampf integrieren. Natürlich muss man sich in der kommenden Legislatur dann aber auch daran messen lassen.“
Dass Kai Wegner am CSD einen eigenen Wagen hat, „ist für uns keine schlechte Nachricht“
Der Berliner CSD wird größer, politischer und will sich sogar um die Ausrichtung von WorldPride 2032 bewerben. Doch was macht dabei Kai Wegner auf dem Demonstrationszug?








