Den Orden der Ehrenlegion lehnte sie ab, weil sie Frankreichs Haltung zu Iran heuchlerisch fand: Marjane Satrapi hat einem Millionenpublikum das Leben in ihrem Heimatland nahegebrachtAls Teenager schickten ihre Eltern sie allein nach Wien: Marjane Satrapi kehrte nach Iran zurück und schuf mit «Persepolis» ein Monument des politischen Comics. Nun ist sie 56-jährig gestorben.Katajun Amirpur05.06.2026, 16.46 Uhr3 LeseminutenKritische Chronistin des iranischen Alltags: Marjane Satrapi.Jonathan Rebboah / ImagoDie Ehrenlegion, die höchste Ehrung, die Frankreich zu vergeben hat, lehnte Marjane Satrapi 2025 ab. Und nannte die französische Regierung heuchlerisch: Den iranischen Dissidenten und Protestierenden würden Visa verweigert, die Kinder der Revolutionswächter aber flanierten durch Nizza und St. Tropez. Von einem Staat, der sich nur symbolisch hinter den Aufstand der Menschen in Iran stelle, wolle sie keinen Orden.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Mit ihrem Comic «Persepolis» hatte die 1969 im iranischen Rasht geborene Satrapi einem Millionenpublikum das Leben ihrer Landsleute in Unfreiheit und deren Streben nach Freiheit nahegebracht. Der Comic erschien 2000 in Frankreich, drei Jahre später auf Deutsch und wurde in über 25 Sprachen übersetzt. Durch die Verfilmung im Jahre 2007, bei der sie selber Regie führte, erreichte sie noch einmal mehr Menschen. Kein Wunder also, dass sich ihre Enttäuschung Bahn brach in der Ablehnung des Verdienstordens. Sie hatte so viel dafür getan, dass die Welt wissen konnte, welchem Unrechtsregime die iranische Bevölkerung seit Jahrzehnten gegenübersteht.In «Persepolis» erzählt Satrapi ihre Kindheit in Iran seit der Zeit der Revolution von 1978/79. Sie erzählt von den Hoffnungen, die mit dem Sturz des Schahs verbunden waren. Und den Enttäuschungen, die folgten, als das Lager um Khomeiny alle anderen Strömungen, die massgeblich zum Untergang des Pahlevi-Regimes beigetragen hatten, ausbooten konnte.Präzision in Schwarz und Weiss: Bild aus dem Comic «Persepolis» von Marjane Satrapi.ImagoDer Irrtum der LinkenGerade diese Teile von Persepolis sind in unseren Tagen besonders spannend, werfen doch die Monarchisten auf den zurzeit allerorten stattfindenden Demonstrationen für den Schah-Sohn Pahlevi den linken Gruppierungen vor, sie seien schuld an der Islamischen Republik.Satrapi beschreibt im ersten Teil von «Persepolis» im Detail, wie es dazu kommen konnte, dass die Linken – wie auch andere Parteien - sich auf Khomeiny einliessen. Und das ist nicht nur für ein internationales Publikum interessant. Sondern auch für die Kinder der Revolutionsgeneration, die ihren Eltern heute oft vorwerfen: Eure Vergangenheit hat uns unsere Gegenwart und Zukunft gekostet.Zwar ist der Comic wie auch der Film, den Frankreich 2008 für den Oscar einreichte, in der Islamischen Republik verboten. Ihren Weg nach Iran fanden sie – wie so vieles Verbotene – trotzdem. Verfasst hat Marjane Satrapi den Comic aber vor allem, weil sie erschüttert war von dem realitätsfernen Bild, das das Ausland von den Menschen in Iran hat. Es setze die Bevölkerung mit dem Regime gleich.Die Schauspieler Mattias Ripa und Stephane Roche mit Marjane Satrapi bei der Premiere von Satrapis Film «La Bande des Jotas» beim Filmfestival in Rom 2012.Daniele Venturelli / WireImage / GettyDem Terror entfliehenMit diesem Bild war sie konfrontiert worden, als ihre Eltern sie fünfzehnjährig allein nach Wien schickten, damit sie dem Krieg entgehen und eine bessere Zukunft haben konnte. Doch Satrapi fühlte sich entwurzelt und fremd.Sie kehrte zurück. Um enttäuscht festzustellen, dass auch nach dem Krieg und der ersten heissen revolutionären Phase keine wirkliche Veränderung zum Besseren stattfand. Wie vor allem die Revolutionsgarden, die das Land heute mehr denn je im Griff haben, die Menschen terrorisierten, stellt sie in dem Teil von «Persepolis» dar, der nach ihrem Intermezzo in Österreich, wieder ihr Leben in Iran erzählt.Um diesem Terror zu entfliehen, verliess Satrapi Iran erneut. Sie hätte nach dem durchschlagenden Erfolg von «Persepolis», der sie weltberühmt machte, einfach weiter zeichnen können. Es folgten zwar noch zwei weitere Comics. Doch dann wandte sie sich dem Filmemachen zu. Was sie konnte, langweilte sie. Und sie fand: Jetzt, in Frankreich lebend, habe sie ganz normale Probleme. Solche, die alle anderen Menschen auf die eine oder andere Art auch haben, da gebe es nicht mehr viel zu erzählen von sich.Der Herbst 2022 aber veränderte alles. Wie so viele Menschen in Iran und innerhalb der iranischen Diaspora sah Marjane Satrapi in der Frau, Leben, Freiheit-Bewegung eine echte Chance. Deshalb gab sie dieser auf ihre Art eine Stimme, indem sie den Comic «Femme, Vie, Liberté» herausgab, der Beiträge von berühmten Zeichnerinnen und Zeichnern versammelt. Darin zeichnete sie endlich auch wieder selber. Und weigerte sich dann, sich von der französischen Regierung vereinnahmen zu lassen.Passend zum Artikel