Als einer der ersten Psychiater in Europa hat er Menschen mit einer bipolaren Störung erfolgreich mit Lithium behandelt – und sie jahrzehntelang begleitet. Wenige Monate vor seinem 100. Geburtstag ist Jules Angst gestorben.Paul Hoff, Erich Seifritz, Susanne Walitza05.06.2026, 15.02 Uhr4 LeseminutenEr hat die moderne Psychiatrie nachhaltig beeinflusst: Jules Angst an einem Kongress im Jahr 2018.Claudia BurgerEr war eine herausragende und prägende Persönlichkeit der schweizerischen und internationalen Psychiatrie. Während eines Vierteljahrhunderts, von 1969 bis 1994, hat Jules Angst die wissenschaftliche und klinische Entwicklung der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich entscheidend beeinflusst und so den Ruf dieser Institution als weltweit beachtetes Zentrum einer wissenschaftlich fundierten Psychiatrie gefestigt.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. 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Jahrhunderts, der wesentlich zur Erweiterung unseres Wissens über den Verlauf und die Behandelbarkeit affektiver, speziell bipolarer Störungen (der früheren manisch-depressiven Erkrankung) beitrug.Krankheitsverläufe subtil erfasstDie von ihm initiierte und über Jahrzehnte geleitete «Zürich-Studie», die Ende der 1970er Jahre begann, wurde zu einem international einflussreichen Langzeitprojekt. Getragen war sie von der Beobachtung, dass viele psychische Symptome und Störungen in der Allgemeinbevölkerung vorkommen, ohne dass die Betroffenen je psychiatrische Hilfe in Anspruch nehmen.Jules Angst schloss daher nicht nur schon erkrankte, sondern auch gesunde Personen in die Untersuchung ein. Die Teilnehmenden wurden wiederholt untersucht, teilweise über Jahrzehnte hinweg, was eine subtile Erfassung der Krankheitsverläufe, Risikofaktoren und biografischen Veränderungen ermöglichte.Er konnte belegen, dass sich die bipolare Störung nicht auf voll ausgeprägte manisch-depressive Verläufe beschränkt, sondern sich in einem breiten Spektrum unterschiedlicher Erscheinungsformen präsentiert, die er mit empirischer Beharrlichkeit herausarbeitete.Seine Skepsis gegenüber vorgegebenen, rigiden und scharf voneinander abgegrenzten Krankheitsentitäten hat die moderne Psychiatrie nachhaltig beeinflusst. Viele aktuelle Konzepte in der Diagnostik und Therapie affektiver Störungen wären ohne Jules Angsts Pionierarbeit und seine Zürcher Langzeitdaten nicht denkbar.Seine psychopharmakologischen Untersuchungen zu Lithiumsalzen konnten frühere dänische Befunde eindrucksvoll bestätigen. Zugleich betonte er immer wieder die Notwendigkeit strenger Qualitätsmerkmale klinischer Studien und lebte sie vor. Die Verbindung einer medikamentösen Forschungsfrage mit der Langzeitperspektive der «Zürich-Studie» liess ihn bald zu einer der wichtigsten europäischen Stimmen auf dem Gebiet der Lithiumforschung werden.Spektrum zwischen gesund und krankEbenso bedeutsam wie die wissenschaftlichen Leistungen im engeren Sinne war jedoch seine Einstellung zum Phänomen der psychischen Erkrankung generell: Für Jules Angst gab es keine strikte oder gar eindeutige Trennung zwischen gesund und krank, sondern ein Kontinuum, ein Spektrum, wie er meist sagte.Konsequenterweise interessierte ihn, wie sich menschliches Erleben, Fühlen und Verhalten über alle Graduierungen dieses Spektrums entfalten. So konnte er psychopathologische Phänomene differenziert und kontextualisiert erfassen; er vertrat, in heutiger Terminologie, eine personenzentrierte Psychiatrie und wirkte damit zugleich den – damals wie jetzt – verbreiteten Tendenzen zur Stigmatisierung psychischer Erkrankungen entgegen.Präzision und Nachhaltigkeit, ja Hartnäckigkeit in der Forschung standen für Jules Angst gerade nicht im Gegensatz zu therapeutischer Arbeit. Als Forscher, Hochschullehrer und Kliniker verkörperte er eine Haltung, die beide Dimensionen als sich wechselseitig bedingend und befruchtend verstand: Gute Forschung entsteht aus klinischen Beobachtungen; gute klinische Arbeit profitiert von wissenschaftlicher Erkenntnis.Für ihn war dies kein bloss theoretisches Bekenntnis, sondern über viele Jahre gelebte Praxis. Sein Lebenswerk sollte uns immer wieder daran erinnern, dass wissenschaftliche Begrifflichkeiten, etwa diagnostische Kategorien, zwar als unabdingbare Orientierungshilfen fungieren, die individuelle und soziale Wirklichkeit psychischer Erkrankungen jedoch stets deutlich komplexer und vielfältiger ist.Während seiner gesamten klinischen Tätigkeit hat Jules Angst mit grossem Engagement und hoher Kompetenz eine Vielzahl von Patientinnen und Patienten persönlich behandelt und ihnen sein gesamtes Wissen, seine immense Erfahrung und seine tiefe Empathie zukommen lassen.Einer Grosszahl von Mitarbeitenden, Schülerinnen und Schülern war er ein leuchtendes Vorbild; sie verdanken ihm wissenschaftliche Orientierung, Förderung und persönliche Ermutigung. Seine menschliche Grosszügigkeit und seine ihm eigene Bescheidenheit waren beispielhaft. Kolleginnen und Kollegen mehrerer Generationen weit über die Grenzen Zürichs und der Schweiz hinaus verlieren mit Jules Angst einen Mentor, Kooperationspartner und Freund.Am 15. Mai 2026, wenige Monate vor seinem 100. Geburtstag, ist Jules Angst verstorben. Die Psychiatrie verdankt ihm ausserordentlich viel. Seine Spuren sind klar erkennbar – und sie werden bleiben.Prof. em. Dr. med. Dr. phil. Paul Hoff, Privatklinik Hohenegg AG; Prof. Dr. med. Erich Seifritz, Psychiatrische Universitätsklinik Zürich; Prof. Dr. med. Dipl.-Psych. Susanne Walitza, Psychiatrische Universitätsklinik ZürichPassend zum Artikel