Die Todeszone im Höhenbergsteigen heißt Todeszone, weil man dort eigentlich nicht länger als 48 Stunden überleben kann. Oberhalb von 7500 Metern sind die Bedingungen lebensfeindlich. Sauerstoffmangel, Kälte und Wind zehren den Körper aus. Man verbraucht mehr Energie, als man durch Nahrung wieder aufnehmen kann. Selbst mit Flaschensauerstoff baut der Organismus ab. Ein längerer Aufenthalt im Gipfelbereich eines Achttausenders führt deshalb fast zwangsläufig zu Höhenkrankheit und potenziell zum Tod.Vor diesem Hintergrund wirkt diese Nachricht aus Nepal kaum glaubhaft: Ein einheimischer Bergführer, sechs Tage vermisst und bereits für tot gehalten, ist lebend ins Basislager zurückgekehrt. Dawa Sherpa, in der Bergsteigerszene auch als „Hillary Dawa“ bekannt, war zuletzt am 29. Mai oberhalb von Lager 3 auf rund 7500 Metern gesehen worden – mitten in der Todeszone. Seine Familie hatte bereits begonnen, mit einem Trauerritual Abschied von ihm zu nehmen, hieß es in der Kathmandu Post. Der 56-jährige Guide habe es jedoch mit eigener Kraft durch den Khumbu-Eisbruch geschafft und wurde mit Erfrierungen in ein Krankenhaus in Kathmandu gebracht.Mitarbeiter des Sagarmatha Pollution Control Committee, die am Gletscher Müll einsammelten, entdeckten den Vermissten am Donnerstag in der Nähe des „Crampon Point“, wo Bergsteiger die Steigeisen anlegen. Dawa Sherpa war erschöpft, hatte Erfrierungen an Händen und Füßen und konnte sich nur noch mühsam fortbewegen. „Er kroch und rutschte auf allen vieren durch den Gletscherbruch“, berichteten Augenzeugen. Dawa Sherpa sagte, er sei auf dem Weg nach unten in eine Spalte gestürzt. Dort habe er zwei Tage festgesessen und sich lediglich von Eis und einem Paket Keksen ernährt, bevor er sich selbst befreien konnte. Ein Sprecher der Expeditionsagentur 8K Expeditions sagte: „Es ist ein Wunder.“Erst nach fünf Tagen stieg ein Hubschrauber auf, um nach Dawa Sherpa Ausschau zu haltenDawa war aus dem Blickfeld seiner Begleiter verschwunden, als sich die Gruppe im Abstieg vom Gipfel befand. Nach Aussagen des britischen Bergsteigers Chris Thrall hatte sich der Sherpa unterwegs erschöpft auf einen Felsen gesetzt und ihn aufgefordert weiterzugehen. Als Dawa weder in Lager 3 noch in Lager 2 eintraf, wuchs die Sorge. Eine Suchaktion blieb zunächst aus. Der Expeditionsveranstalter hatte den Guide wohl schon aufgegeben und für tot gehalten. Thrall veröffentlichte auf seinem Instagram-Account bereits einen Nachruf. Erst nach fünf Tagen stieg ein Hubschrauber auf, um nach Dawa Sherpa Ausschau zu halten – ohne Erfolg. Dawa sagte später, er habe den Helikopter gesehen und ihm gewinkt, sei jedoch nicht entdeckt worden.Ende Mai ist die Everest-Saison eigentlich schon beendet. Die Aufstiegsroute, die für kommerzielle Expeditionen mit Leitern und Fixseilen präpariert wird, war bereits größtenteils wieder abgebaut, als Dawa Sherpa sich allein Richtung Basislager zurückkämpfte. Wie genau er die sechs Tage allein am Berg überstand, ist noch unklar. Berichten nepalesischer Medien zufolge hatte er keinen zusätzlichen Sauerstoff bei sich. Schutz habe er in verlassenen Zelten gesucht und in Lagern Essensreste gefunden.Mit seiner Rückkehr entbrannte eine Debatte über Verantwortung am Berg. Der polnische Alpinist Mariusz Chmielewski, der von Dawa geführt worden war, wirft dem Expeditionsveranstalter Himalayan Traverse Nachlässigkeit vor und fordert eine Untersuchung. Auch Dawas Ehefrau Damu Sherpa kündigte rechtliche Schritte an. Sie kritisiert, ihr Mann sei in einer lebensgefährlichen Situation sich selbst überlassen worden. Die Familie habe die Behörden sofort um Hilfe gebeten, als Dawa als vermisst gemeldet wurde. Es sei aber nichts passiert. „Stell dir vor, ein Ausländer – nicht Dawa – würde allein auf dem Everest zurückgelassen werden, wie würde man darauf reagieren?“, sagte Damu dem Portal The Tourism Times.Der Ansturm auf den Mount Everest ist enorm, und ohne die Sherpas wären kaum so viele Bergsteiger erfolgreich bei ihrem Versuch, den Gipfel zu besteigen. FURTE SHERPA/AFPTatsächlich bleiben viele Fragen offen. Warum befand sich die Gruppe noch so spät am Berg, obwohl die Saison bereits beendet war? Warum dauerte es so lange, bis nach dem Mann gesucht wurde?Der Fall wirft ein Schlaglicht auf die Arbeitsbedingungen der Sherpas. Ihr Aufgabe ist es, Sauerstoffflaschen, Zelte, Seile und Verpflegung durch den gefährlichen Khumbu-Eisbruch zu tragen. Sie richten die Hochlager ein und begleiten Kunden bis zum Gipfel. Guides verdienen während einer Everest-Saison zwischen 5000 und 10 000 Euro, manche auch mehr. Für nepalesische Verhältnisse ist das viel, das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen liegt bei 1300 Euro im Jahr. Gemessen an den Risiken ist die Bezahlung der Bergführer und Hochträger jedoch gering. Sherpa-Familien erhalten im Todesfall oft nur bescheidende Summen. Nach Protesten der Sherpas wurden die gesetzlichen Lebensversicherungen für Träger und Guides etwas angehoben; seriöse Expeditionsanbieter schließen eigene Policen für Unfall- und Rettungskosten ab.Alpinist Mariusz Chmielewski beschuldigt die Firma Himalayan Traverse, die Expedition sei komplett chaotisch organisiert worden. Schlechte Kommunikation, zu wenig Sauerstoffflaschen, mangelhafte Logistik, ein Gipfelversuch trotz widriger Bedingungen – diese Faktoren hätten dazu geführt, dass etwas schiefgehen musste. „Die Priorität ist eher Profit als Sicherheit“, sagte Chmielewski der Zeitung Kathmandu Post, „das ist ein Spiel mit Menschenleben.“ Dass Dawa Sherpa dieses Spiel nicht entgegen jeder Wahrscheinlichkeit verloren hat, grenzt tatsächlich an ein Wunder.
Mount Everest: Sherpa überlebt sechs Tage in Todeszone
Dawa Sherpa überlebt sechs Tage in der Todeszone am Mount Everest trotz Erfrierungen und Sauerstoffmangel. Seine Rückkehr wirft Fragen zur Sicherheit bei Expeditionen in Nepal auf.










