In Pjongjang kann Xi Jinping zeigen, dass China auf der koreanischen Halbinsel noch immer eine entscheidende Rolle spieltChinas Partei- und Staatschef reist nächste Woche nach Nordkorea. In den letzten Jahren hat sich das Land verstärkt nach Russland orientiert.05.06.2026, 14.00 Uhr4 LeseminutenDer chinesische Partei- und Staatschef Xi Jinping (links) mit seinem nordkoreanischen Gegenüber Kim Jong Un bei ihrem letzten Treffen in Peking im September letzten Jahres.Vladimir Smirnov / ImagoChinas Partei- und Staatschef Xi Jinping verlässt sein Land nicht häufig. Und die erste Auslandsreise in diesem Jahr lässt aufhorchen: Er besucht ab Montag Pjongjang, die nordkoreanische Hauptstadt. Das teilte die chinesische Nachrichtenagentur Xinhua am Freitag mit. Das letzte Mal war Xi 2019 im Nachbarland zu Besuch.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Xis Treffen mit dem nordkoreanischen Führer Kim Jong Un reiht sich an die Besuche des amerikanischen Präsidenten Donald Trump und des russischen Präsidenten Wladimir Putin in Peking. Es gibt Xi die Gelegenheit zu demonstrieren, dass China auf der koreanischen Halbinsel immer noch eine entscheidende Rolle spielt.Kim Jong Un lehnte sich letzthin stärker an RusslandPeking war seit der Gründung Nordkoreas der Überlebensgarant des Regimes in Pjongjang. Wären chinesische Einheiten – offiziell als Freiwillige deklariert – im Koreakrieg zwischen 1950 und 1953 dem Norden nicht zu Hilfe geeilt, wäre die Kim-Familie wohl schon lange von der Bildfläche verschwunden.In den letzten Jahren lehnte sich Kim Jong Un, der das Land in dritter Generation mit eiserner Hand führt, verstärkt an Russland. Der Ukraine-Krieg bot ihm ab 2022 eine einmalige Chance: Er unterstützte Russland mit Containerladungen voller dringend benötigter Artilleriemunition. Und er schickte schätzungsweise 14 000 Soldaten in den Kampf – rund die Hälfte von ihnen soll gefallen oder verletzt worden sein.Kim machte damit eine Anzahlung in Blut an das Beistandsabkommen, das Moskau und Pjongjang 2024 schlossen. In dem Vertrag versprechen sich die beiden Länder gegenseitigen militärischen Beistand, falls sie angegriffen werden. Davor hatte Pjongjang nur ein vergleichbares Beistandsabkommen mit Peking.Russland zeigt sich vor allem mit Energielieferungen erkenntlich für die nordkoreanische Waffenbruderschaft. Experten gehen davon aus, dass Russland Nordkorea auch Militärtechnologie liefert – welches Know-how aber genau weitergegeben wird, ist unklar. Unbestritten ist, dass Pjongjang an russischer Raketen- und U-Boot-Technologie interessiert ist.Mit seinem Besuch zeigt Xi, dass sich Pjongjang nicht komplett aus seinem Orbit lösen kann. Wirtschaftlich ist China für Nordkorea viel wichtiger als Russland. Hoffnungen setzt das Kim-Regime etwa auf chinesische Touristen, einen wichtigen Devisenbringer. Mit der Covid-Pandemie, während der sich Nordkorea komplett abschottete, kam der Tourismus zum Erliegen. Seit Anfang Jahr fliegt nun die chinesische Air China wieder nach Pjongjang, und auch der Zug zwischen den beiden Hauptstädten verkehrt wieder. Noch ist der chinesische Tourismus aber weit entfernt vom Niveau vor der Pandemie.China und die USA verstehen unter Denuklearisierung nicht dasselbeAus westlicher – insbesondere auch südkoreanischer und japanischer – Sicht wird interessant sein, ob und wie sich Xi bezüglich des nordkoreanischen Atomwaffenprogramms positioniert. Es ist offensichtlich, dass Washington und Peking der Frage nicht die gleiche Bedeutung zumessen.Das zeigte sich in den Zusammenfassungen, die beide Seiten nach den Gesprächen zwischen Trump und Xi im Mai veröffentlichten: Laut der amerikanischen Version teilten die beiden Präsidenten das Ziel, Nordkorea zu denuklearisieren. In der chinesischen Fassung heisst es lediglich, man habe sich über verschiedene internationale und regionale Themen ausgetauscht, darunter auch über die koreanische Halbinsel.Während Washington Nordkorea von seinem Atomprogramm abbringen will, spricht sich Peking für eine Denuklearisierung der koreanischen Halbinsel aus. Es schliesst damit auch den Atomschirm ein, den die USA über Südkorea gespannt haben. Diese Diskussion wird noch verkompliziert dadurch, dass Washington Seoul erlaubt hat, Uran anzureichern. Damit wird es Reaktoren für atomgetriebene U-Boote bestücken. Dieses Uran ist zwar nicht für Atombomben verwendbar, doch für Pjongjang ist die südkoreanische Anreicherung eine willkommene Ausrede, selber waffenfähiges Material herzustellen.China habe kein Interesse daran, dass Nordkorea Atombomben baue, schreibt der chinesische Nordkorea-Experte Zheng Jiyong in einem Artikel für die amerikanische Denkfabrik Brookings Institution. Aber für Peking sei Stabilität auf der koreanischen Halbinsel wichtiger als die sofortige nukleare Abrüstung Nordkoreas. Peking wolle aber auch nicht, dass Nordkoreas Atomwaffenprogramm «normalisiert» werde – denn das könnte dazu führen, dass auch Japan und Südkorea nach der Bombe griffen, schreibt Zheng.In Pekings Position schwingt viel Realismus mit. Denn Kim Jong Un hat wiederholt klargemacht, dass er nicht auf seine Atomwaffen verzichten will. Laut Schätzungen hat er gegenwärtig rund fünfzig Atomsprengköpfe in seinem Arsenal. Doch dieses soll «exponentiell» ausgebaut werden. Dies forderte Kim laut nordkoreanischen Medien am Donnerstag beim Besuch einer neu in Betrieb genommenen Fabrik zur Herstellung von spaltbarem Material.Kim sieht das Atomprogramm als Lebensversicherung für sein Regime. Der amerikanisch-israelische Angriff auf Iran dürfte ihn in diesem Denken bestärken. Wenn Pjongjang die Möglichkeit hat, mit Atombomben zurückzuschlagen, ist eine amerikanische Attacke unwahrscheinlich. Und genau davor fürchtet sich das Kim-Regime.Passend zum Artikel
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